Lieblingsgedichte

Wir fühlen dankbar wie zu leisem brausen
Von wipfeln strahlenspuren auf uns tropfen
Und blicken nur und horchen wenn in pausen
Die reifen früchte an den boden klopfen.
Stefan George

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Kommentare


Rainer Maria Rilke
 
Mein absolutes Lieblingsgedicht!

 

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Hier mein Beitrag - auch von Rainer Maria Rilke
Mein Leben ist wie leise See:
Wohnt in den Uferhäusern das Weh,
wagt sich nicht aus den Höfen.
Nur manchmal zittert ein Nahn und Fliehn:
aufgestörte Wünsche ziehn
darüber wie silberne Möven.
 
Und dann ist alles wieder still...
Und weißt du was mein Leben will,
hast du es schon verstanden?
Wie eine Welle im Morgenmeer
will es, rauschend und muschelschwer
an deiner Seele landen.

 

Vorgebeugt werfe ich abends meine trüben Netze aus
nach deinen ozeanischen Augen.-
Dort reckt sich und brennt, himmelhoch lodernd,
meine Einsamkeit, die mit den Armen um sich schlägt
wie ein Ertrinkender. -
Rote Zeichen mache ich über deinen abwesenden Augen,
die Wellen werfen wie das Meer am Saum eines
Leichtturms. -
Du verharrst bloß in Finsternis, Weib, mir fern und mein,
aus deinem Blick taucht zuweilen die Küste des
Grauens auf. -
Vorgebeugt werfe ich abends meine trüben Netze aus
aufs Meer, das deine ozeanischen Augen hin und her
treibt. -
Die Nachtvögel picken die ersten Sterne auf,
die funkeln wie meine Seele, wenn ich dich liebe.-
Es galoppiert die Nacht auf ihrer düsteren Stute,
blaue Ähren über die Flur verstreuend.
(Pablo Neruda -Liebesgedichte- 7. Gedicht)

einfach wunderschön. Kennst du den Film Der Postmann? Handelt von Nerudas Zeit im Exil. Unbedingt anschauen.
Hier ein gedicht von Juan Ramon Jimenez
mein herz ist nun so rein,
daß es gleichviel zählt, ob es stirbt
oder singt.
 
Es kann das Buch des Lebens füllen
oder das Buch des Todes.
Beide sind unbeschrieben für mein Herz
das denkt und träumt.
 
Gleichviel Ewigkeit wird es in beiden finden.
Herz, es zählt gleichviel: stirb oder singe.
 

Natürlich kenn ich den Film, er gehört zu meinen Lieblingen. Auch wenn er reine Fiktion ist (Neruda war nie auf Salina), spürt man deutlich die Poesie dieses energischen und kraftvollen Mannes, dessen große Leidenschaft der Freiheit und den Frauen galt.
 
Jimenez sagt mir leider garnix, aber das Gedicht ist beeindruckend. Ich schicke Euch jetzt noch ein Gedicht meiner Lieblingsautorin Gioconda Belli:
 
Definitionen
 
Wir könnten über Liebe sprechen.
Ich würde dir sagen,
mir gefällt die seltsame Art
in der dein Körper und meiner sich kennen
Pfadfinder die noch einmal
den uralten Weg der Erkenntnis erforschen.
 
Ich würde dir sagen
ich liebe deine Haut
und meine Haut liebt dich
deinen versteckten Turm
der sich plötzlich erhebt
und erzittert in mir
auf der Suche nach der Frau
die im tiefsten Innern meiner Weiblichkeit nistet.
 
Ich würde dir sagen
ich liebe deine Augen
die rein sind und mich gleichfalls durchdringen
zart oder mit einem Hauch von Fragen.
 
Ich würde dir sagen
ich liebe deine Stimme
vor allem wenn sie Gedichte spricht
doch auch wenn du ernst klingst
so bemüht diese Welt zu verstehen
die weit ist und fremd.
 
Ich würde dir sagen
ich liebe, wenn ich dich sehe,
das Schmettrlingsflattern in meinem Magen
die Lust zu lachen
aus Freude daß ich ich bin und es dich gibt
und daß ich weiß, dier gefallen die Wolken
und die kalte Luft von Matagalpa.
 
Wir könnten darüber sprechen
ob dies alles ernst ist was ich dir sage.
Ob die Verbrennung leicht ist
zweiten dritten oder ersten Grades
Ob man die Dinge beim Namen nennen muß oder nicht.
Ich sage dir nur diesen einzigen Satz:
Ich liebe dich.

hallo Tedesca,
Ein wunderbares Gedicht. kenne die Autorin (noch) nicht, werde mich aber schleunigst informieren.
Hier noch ein paar Infos zu Jimenez; Nobelpreisträger 1965. hauptvertreter des Modernismus. Gilt als Wegbereiter von Dichtern wie Garcia Lorca und Salinas.
das von mir vorgestellte Gedicht ist aus dem gleichnamigen Band entnommen.
Diogenes Verlag 1977  ISBN 3 257 20388 8
gruß Taliesin

Gioconda Belli hat jahrelang im nicaraguanischen Widerstand gekämpft und lebt heute noch zum Teil im Exil. Ihr bekanntestes und meiner Meinung auch bestes Buch ist "Bewohnte Frau", das großteils autobiografisch ist, aber auch die Geschichte der Eroberung Mittelamerikas durch die Spanier verarbeitet. Sehr gut zu lesen ist auch ihre Autobiografie, die Du, so wie alle anderen Bücher von ihr auch, hier als Buchpatenschaft finden kannst.
Liebe Grüße
Germana

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus;
den weißen Wegen streckt sie die Zweige hin,
bereit und wehrt dem Wind
und wächst engegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Das erinnert ich an das Märchen vom Tannenbäumchen, das so gern eine Weihnachtsbaum werden wollte. Und nachdem es das endlich geschafft hatte, wurde es zu Lichtmess entsorgt.... Diese Geschichte musste ich in der Volksschule X-mal zur Strafe abschreiben. Immer, wenn uns der Herr Direktor am Gang beim Rennen erwischt hat, hieß es "Lesebuch Seite 50 - bis morgen", und da war's dann, das Tannenbäumchen Smile
 

Dabei ist das doch sooo schön!
Rilke ist sowieso einer meiner Lieblingslyriker, seine Gedichte haben eine so musikalische Sprache!

Aber du weißt ja, ersten Assoziationen ist man hilflos ausgeliefert... - dafür spendier ich Dir jetzt auch noch einen Rilke:
 
Das Märchen von der Wolke
 
Der Tag ging aus mit mildem Tone,
so wie ein Hammerschlag verklang.
Wie eine gelbe Goldmelone
lag groß der Mond im Kraut am Hang.

Ein Wölkchen wollte davon naschen,
und es gelang ihm, ein paar Zoll
des hellen Rundes zu erhaschen,
rasch kaut es sich die Bäckchen voll.

Es hielt sich lange auf der Flucht auf
und sog sich ganz mit Lichte an; -
da hob die Nacht die goldne Frucht auf:
Schwarz ward die Wolke und zerrann.

Rilke hat schon was... Dieses Gedicht kannte ich gar nicht - Dankeschön dafür! Das ist richtig süß!

Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke

von Heinz Erhardt
 
Hinter eines Baumes Rinde
wohnt die Made mit dem Kinde.
 
Sie ist Witwe, denn der Gatte,
den sie hattte, fiel vom Blatte.
Diente so auf diese Weise
einer Ameise als Speise.
 
Eines Morgens sprach die Made:
"Liebes Kind, ich sehe grade,
drüben gibt es frischen Kohl,
den ich hol. So leb denn wohl!
Halt, noch eins! Denk, was geschah,
geh nicht aus, denk an Papa!"
 
Also sprach sie und entwich.-
Made junior aber schlich
hinterdrein;doch das war schlecht!
Denn schon kam ein bunter Specht
und verschlang die kleine fade
Made ohne Gnade. Schade!
 
Hinter eines Baumes Rinde
ruft die Made nach dem Kinde....
 
 

 
Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.
 
Solang du um Verlornes klagst,
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht was Friede ist.
 
Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,
 
Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz,
Und deine Seele ruht.
 

ich hab' s vor Jahrzehnten auswendig gelernt und ich kann's immer noch ...

Ein Gänseblümchen liebte sehr
ein zweites gegenüber,
drum rief's: "Ich schicke mit 'nem Gruß
dir eine Biene 'rüber!"
 
Da rief das andere: "Du weißt,
ich liebe dich nicht minder,
doch mit der Biene, das laß sein,
sonst kriegen wir noch Kinder!"
 
Heinz Erhardt

aus "Also sprach Zarathustra" von Friedrich Nietzsche

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
»Ich schlief, ich schlief –,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh –,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!«

 
 
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.
 
Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
 
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.
 
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
 
(von Hermann Hesse)

 
 
Kennst du das auch, daß manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehn mußt?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
Wie Einer, den ein plötzlich Herzweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt - Kennst du das auch?
 
(auch von Hermann Hesse)

 
 
Was blickst du träumend ins verwölkte Land?
Ich gab mein Herz in deine schöne Hand.
Es ist so voll von ungesagtem Glück,
So heiß – hast du es nicht gefühlt?

Mit fremdem Lächeln gibst du mir's zurück.
Ein sanfter Schmerz... Es schweigt. Es ist gekühlt.
 
(von Hermann Hesse, meinem Lieblingsdichter)
 

... noch eins von Hermann Hesse Smile
 
Wenn du die kleine Hand mir gibst,
Die so viel Ungesagtes sagt,
Hab ich dich jemals dann gefragt,
Ob du mich liebst?

Ich will ja nicht, dass du mich liebst,
Will nur, dass ich dich nahe weiß
Und dass du manchmal stumm und leis
Die Hand mir gibst.
 

wer's noch nicht bemerkt hat ... ich liiieeebe Hermann Hesses Gedichte Smile
 
Ob du tanzen gehst in Tand und Plunder,
Ob dein Herz sich wund in Sorgen müht,
Täglich neu erfährst du doch das Wunder,
Dass des Lebens Flamme in dir glüht.
 
Mancher lässt sie lodern und verprassen,
Trunken im verzückten Augenblick,
Andre geben sorglich und gelassen
Kind und Enkeln weiter ihr Geschick.
 
Doch verloren sind nur dessen Tage,
Den sein Weg durch dumpfe Dämmrung führt,
Der sich sättigt in des Tages Plage
Und des Lebens Flamme niemals spürt.
 

Wie berührt mich wundersam
Oft ein Wort von dir,
Das von deiner Lippe kam
Und vom Herzen mir.
 
(angeblich gibt's da auch ein Lied von ...)