Verdi - Roman der Oper

Das Geschehen in diesem figurenreichen Roman ist fiktiv. Werfel läßt Giuseppe Verdi 1883 zur Karnevalszeit in Venedig sein, wo sich auch gerade sein künstlerischer Gegenpol Richard Wagner aufhält. Dieser gerade war es, der ihn bereits zehn Jahre zuvor in tiefe Schaffenskrise gestürzt hat: Verdi empfindet seine Musik im Gegensatz zu der Wagners als veraltet - der Erfolg Wagners bei der Jugend scheint ihm recht zu geben. Den Antipoden zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu wissen, vertieft Verdis Krise noch: in einem inneren Monolog ruft er sich die eigenen Lebens- und Schaffensstufen zurück, steigert sich mehr und mehr in Verzweiflung und fällt schließlich in eine physische Ohnmacht - als er daraus erwacht, ist er entschlossen, Wagner zu treffen, doch dieser ist in der Nacht zuvor gestorben. Diese Haupthandlung wird durch eine Fülle von Nebenfiguren belebt, die alle wichtige Funktionen haben. So machen gerade seine konservativen Verehrer Verdi deutlich, wie unzeitgemäß seine Musik geworden ist; auf der anderen Seite läßt der deutsche Komponist Fischböck, dessen Kompositionen noch über Wagners Kühnheiten hinausgehen, es ihm fraglich erscheinen, ob in der Zukunft melodische Musik wie seine überhaupt noch Interesse finden wird. Verdi findet die Kraft zu sich selbst zurück und entwickelt seinen Altersstil: er schreibt den "Otello".

Meine Gedanken zum Buch: 

Franz Werfel alleine spricht schon für sich als Autor. Die Rahmenhandlung ist etwas skurill duch die Personen, die Werfel mit Verdi zusammentreffen lässt. Aber die Bühnenatmosphäre  kommt so gekonnt rüber, man muss das Buch einfach mit Wonne lesen.

Verlag: 
Fischer Tb.
Auflage: 
28. Auflage
ISBN: 
3-596-22061-0

Kommentare

S.22
Ein unnatürlich starker Mond waltete in und über Venedig. Weichlich gleißende Nebel lagen auf den Kanälen, von denen alle Barken und Gondeln verschwunden waren. Die letzten Glockenwellen eines späten Stundenschalgs verebbten zum Himmel. In schneeweißer Leichenstarre grinsten verzerrt die Steinmasken von den Toren des Verfalls.
Seinen kleinen englischen Handkoffer vor sich, saß der Maestro auf dem weichen Sitz der Gondel, diesen Pfühl der Willensschwäche, wie ers immer empfand. Die Welt der kleinen Kanäle war tot. Kein Mensch stieg mehr über die Bogen der Brücken, kein Schatten regte sich unterm Lämpchen der Sottoportici. Nur der Ruderer, hoch auf dem Heck der Gondel, sandte, wenn er um eine Ecke bog, seinen uralten Ruf voraus, der die vornehm-lichte und degenerierte Macht der Stadt zu beleidigen schien.
Von Takt zu Takt stieß de rMann sein Holz in das Element, das etwas weit Menschhafteres, viel Komplizierteres war als nur dickes dunkles Wasser. Mit einem kaum merklichen Akzent glitt die Barke vor, bis die Kraft des Stoßes zu Ende war und eine Hemmung einsetzte. So immer wieder: Lange Note, kurze Note. Lang, kurz! Diese Bewegung war die Mutter aller Barkarolen. „Venezianischer Sechsachteltakt“, so hatte sie Verdi einmal in jener Zeit getauft, da er hier den ‚Rigoletto‘ einstudierte…..

S. 26
Wer glaubte noch an Italiens echte Musik? Die jungen Leute verrieten sie und schrieben Streichquartette. Überall wurden Kammermusikvereine und Symphonieorchester gegründet, um fremden Göttern zu dienen. Wer vom Theater sprach, sprach einzig von Wagner. An die Oper glaubte niemand mehr. Und er selber? Glaubte er noch an die Oper?

S. 85
Zehn Jahre nichts!
Immer wieder, und schon seit vielen Monaten, pflegte er wie benommen diese Worten vor sich hinzudenken. Die Hölle des schöpferischen Menschen lag in ihnen, der Tag um Tag kostbarstes Gedankengut vorüberfliegen fühlt.
Arbeiten! Das heißt, dieses Fieber fühlen, aus dem man sich zugleich fort sehnt! Arbeiten! Das heißt dieses Wachstum sehen, das einen Beglückung bis zur Tollheit ist. Aber, wenn man es recht bedenkt, die Willensqual ist größer als die Freude.
Und dennoch! Was für ein Parasit ist der Mensch, welch gewissenskranker Tagedieb, wenn er nicht mehr arbeiten kann…

S. 86
Unten auf der Riva degli Schiavoni wälzte sich in abendlicher Reibungslust das Volk über die beiden Brücken. Ein dichter schwirrender Ton, ein aus zahntausend Stimmen geflochtenes Seil schwang über der Stadt. …..
In rasch geschwungenen Gleitflug fuhr die Bora herab. Tausend spitze Wellchen sprangen lüstern aus dem alten blindäugigen Wasser, wirr tanzende Ungezogenheit. Und alle Landungsbrücken, all die vertrauten Gondeln der Piazzetta, die Gondeln auch weit draußen, selbst die schweren Chioggiabarken erfaßte der Tanz, jener wiegende Wassertanz, der diese Stadt seit je zur Stadt der Liebe bestimmt.

S. 120
Denn das, was höher steht als wir selbst, können wir wohl aus guter Entfernung verehren, in der Nähe aber, weil es unser Selbstgefühl bricht, wird es uns unerträglich.
 
S. 148
Melodie auf Melodie schenkte die schöne leise Stimme des Maestro aus. Lieblich umschlang sich, reizend wandelten die süßen Wendungen. Zum Schluss gerieten sie ins Laufen, und eine der stürzenden Presto-Kabaletten Verdis nahm wie ein Wildbach die keuchende Verzückung des Frundes mit sich.
Der Senator sprang auf: „Ewig Verdi, ewig! Das Höchste, was du je gemacht hast! Sieg, Sieg!!“

ach du lieber Himmel, ich hab euch ja glatt mein Fazit dieses Romans verschwiegen. Hatte ja letzte Woche Messe-Dienst in Wien und von der ganze Steherei war ich ja jeden Abend so ko, dass sich das Lesen ein bissl in die Länge gezogen hat. Aber nun doch fertig. Einfach toll. Wie man ja sich schon an meinen Zitaten gemerkt hat, hat mich Werfel gleich von Beginn an in Beschlag genommen und ich wiederhol mich sicher, aber ich kann`s nur noch mal sagen: Einfach toll geschrieben. Indem ich ein großer Verdi-Liebhaber bin, interessiert mir dieser Roman ja schon mal vom inhaltlichen sehr und in Kombination mit der Sprach ist er einfach unschlagbar. Es fanden sich kaum Durststrecken und es gab auch so manches Neue, was ich im Vorfeld noch nicht wusste. Viele neue Eindrücke und Einblicke - oft hab ich mit Verdi mitgelitten... unfassbar, das ein Mann mit so einem Können und einer Gabe so sehr an sich zweifeln kann und mit sich selbst hadert. Der Schauplatz 'Venedig' war natürlich auch wunderbar gewählt.... allein schon diese Umgebung macht diese ganze Geschichte zu noch einer viel runderen Sache. Kann ich nur weiterempfehlen.