Ungeduld des Herzens

ungeduld.jpgJunger Soldat verliebt sich in eine Dame im Rollstuhl. Kann er zu ihr stehen?

Meine Gedanken zum Buch: 

Bereits auf S 27 hat mich das Buch voll erwischt (+). Werde laufend berichten.

Sie hat Augen wie Kaffeebohnen, und wirklich, es knistert, wenn sie lacht, wie Bohnen beim Rösten.

Seitenangabe für Zitat1: 
27
Verlag: 
Fischer
Auflage: 
32.
ISBN: 
3596216796

Kommentare

S 101: Alle spüren ja alles von allen in diesem Haus.
S 113: Es mach immer eitel, ein Geheimnis nur zu zweit zu wissen.
S 117: Legen Sie mir, wie Vater Goethe sagt, nichts aus und nichts unter.
S 131: Halb getane Dinge und halb ausgesprochene Andeutungen sind immer von Übel; alles Böse in dieser Welt kommt von der Halbheit.
S 153: Dem Käufer muß man zureden, dem Verkäufer abreden.
S 167: Die beiden Kormblumen ihrer Augen strahlten ihn an.

Wie wohltuend ist diese konkrete Sprache, die Zweig beherrscht. Jede Nuance trifft! Eine Übersetzung kann hier nur fehlgehen. Man versuche nur, die obigen Zitate ins Englische zu übersetzen und wieder retour. Das würde abgeflacht und wischiwaschi in unser Sprachverständnis einzudringen versuchen.
 
Vergaß mich heute und lachte laut auf.

Auf den letzten Seiten beginnt er 1.WK. Signifikant werden dadurch Kleinigkeiten (immerhin Inhalt des gesamten Buches) weggespühlt. Ob er nun verlobt wurde, oder sich doch verlobt hat, ob er zu ihr steht, stehen will und kann oder nicht - alles nichtig. Die Gräuel des Krieges konnten ihn nicht an, im Gegenteil war er bei gefährlichen Situationen immer wieder freiwillig ganz vorne dabei.
Nun: Ein eigenartiges Buch, das nach der Hälfte etwas schwächelt, da sich kein neuer Spannungsbogen bildet bzw. Zweig dem Krieg wirklich nur wenige Seiten widmen will. Gelebtes, aktives Mitleid ist zentrales Thema und wird hier äußerst negativ besetzt. Ich weiß nicht, ob das sehr realistisch ist. Es ist der zentrale Punkt, dass sie ihn er aber nicht sie liebt. Erst kurz vor Beginn des Kriegs kann er sein Mitleid in Liebe umwandeln, aber dann ist es zu spät. Da es damals noch kein Handy gab, kommt sein Sinneswandel zu spät.
Mir war das Buch zu durchsichtig und leider auch zu humorlos. Gerne wünschte ich mir, dass auch etwas Humoriges passiert. Außer die detaillierte Beschreibung seines Vorgesetzten, war das Zweig aber nicht so wichtig.

... so, deinen letzten Kommentar hab ich jetzt natürlich nicht gelesen, Reinhard... will mir ja nicht die Vorfreude auf die noch kommenden Seiten nehmen ;o), aber was Zweig´s Sprache angeht, bin ich ganz bei dir. Er schreibt einfach großartig. Hab mich letzten Montag mal intensiv diesem Buch gewidmet und bin auch durch und durch begeistert.  Zweig schreibt so flüssig und locker und trotzdem verliert seine Sprache nicht an Ausdruck.... das macht wohl auch einen großen Autor aus.
 
Zitat: S. 28: Ich plaudere ohne die geringste Hemmung, ich hofiere beiden Nachbarinnen zugleich, ich trinke, lache, blicke übermütig und leicht, und wenn es nicht immer Zufall ist, daß ich ab und zu mit der Hand an die schönen, nackten Arme Ilonas (so heißt die knusprige Nichte) streife, so scheint sie dies leise Angleiten und Ausgleiten keineswegs krummzunehmen, auch sie entspannt, beschwingt, gelockert wie wir alle von diesem üppigen Fest.
 
Toll, wie Zweig auch später dann noch die Atmosphäre auf diesem Fest beschreibt. Man möchte gern mitfeiern, mitlachen, mittrinken, die Ausgelassenheit teilen und auch das Tanzbein schwingen.....
Zitat S. 67: Ich möchte am liebsten singen, ich möchte etwas Unsinniges tun aus diesem Gefühl der Beschwingtheit; immer erst, sobald man weiß, daß man auch anderen etwas ist, fühlt man Sinn und Sendung der eigenen Existenz.
 
Zitat S. 68: Da saß ich dann, sicherer als je im Kreis meiner Kameraden, plauderte und spaßte, wie es mir vom Herzen kam, zum erstemal wahrnehmend, daß jede Form der Gebundenheit die eigentlichen Kräfte der Seele bindet und das wahre Maß eines Menschen erst in seiner Unbefangenheit zutage tritt.
 
Bin grad auf S. 193 und erfahre mehr über die Vergangenheit der Familie Kelesflava.
Nicht uninteressant, doch noch viel mehr interessiert mich wie sich die Nähe zwischen dem Soldaten und der gelähmten Tochter entwickeln wird. Wo am Anfang noch fast kindlichen Ausgelassenheit und Unbefangenheit zu spüren war, entwickelt sich meiner Meinung nach schon mehr an Gefühl.
So zum Beispiel auf S. 93, wo er den Moment nutzt um die schafende Tochter zu betrachten : Unwillkürlich bleibe ich stehen und nutze dies zögernde Warten, um die Schlafende wie ien Bild zu betrachten. Denn eigentlich habe ich bei unserem oftmaligen Beisammensein noch nie wirklich Gelegenheit gehabt, sie geradewegs anzuschauen, denn wie alle Empfindlichen und Überempfindlichen leistet sie einen unbewußten Widerstand, sich betrachten zu lassen.
 
Auch wenn die nachfolgenden Passagen von Mitleid geprägt sind, hab ich irgendwie das Gefühl, da schon mehr bzw. auch schon etwas anderes zu spüren.

... es ist eine verflucht zweischneidige Sache mit dem Mitleid; wer damit nicht umzugehen weiß, soll die Hand davon lassen und vorallem deas Herz. Nur am Anfang ist Mitleid - genau wie das Morphium- eine Wohltat für den Kranken, ein Heilmittel, ein Hilfsmittel, aber wenn man`s nicht richtig zu dosieren und abzustoppen weiß, wird`s ein mörderisches Gift. Mit den ersten paar Injektionen tut man wohl, die beruhigen, die lähmen den Schmerz. Aber verhängnisvollerweise besitzt der Organismus, der Körper wie die Seele, eine unheimliche Anpassungskraft; so wie die Nerven immer mehr Morphium, benötigt das Gefühl immer mehr Mitleid, und schließlich mehr als man geben kann.

Mitleid - schön! Aber es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mitleiden ist, sondern nur instinktive ABwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das anderen ,das einzig zählt - das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.

Immer sind die Instinkte wissender als unsere wachen Gedanken; bereits in dieser ersten Sekunde des Erschreckens, da ich mich wegriß von ihrer gewaltigen Zärtlichkeit, hatte ich dumpf alles vorausgewußt. Gewußt, daß ich nie die Heilandskraft haben würde, die Verstümmelte so zu lieben, wie sich mich liebte, und wahrscheinlich nicht einmal genug Mitleid, um diese mich entnervende Leidenschaft nur zu ertragen.....

Ausreden? Was ausreden? Einer Frau ihre Leidenschaft ausreden? Ihr sagen, sie soll nicht fühlen, wie sie fühlt? Nicht lieben, wenn sie liebt? DAs wäre kerzengrad das Allerfalscheste, was man tun könnte, und das Dümmste zugleich. Haben sie je gehört, daß man mit Logik aufkommt gegen eine Leidenschaft? Daß man dem Fieber zureden kann: "Fieber, fiebre nicht" oder dem Feuer "Feuer, brenn`nicht". Ein schöner, ein wahrhaft menschenfreundlicher Gedanke, einer Kranken, einer Gelähmten ins Gesicht zu schreien: Red dir um Gottes willen nicht ein, daß auch du lieben darfst! Gerade von dir ist es anmaßend, Gefühl zu zeigen, Gefühl zu erwarten - du hast zu kuschen, weil du ein Krüppel bist! Marsch in den Winkel! Verzichte, gib`s auf! Gib dich selber auf!.....

So, nun bin auch ich fertig.... Stefan Zweig hat mich wieder einmal mit seiner Sprache überrascht... nein, überrascht eigentlich nicht .... eher wieder sehr positiv beglückt. Vom Stil her genau mein Fall.... wunderbar ausgeschmückte Sätze, wunderbare Sprache.... luftig leicht zu lesen, berührend und packend zu gleich.
"Undgeduld des Herzens" ist ein Roman über die Liebe aber auch über das Mitleid.... DAS spielt hier ja eine wesentliche Rolle und ist im Grunde auch ein oder sagen wir besser der Leitfaden durch diese Erzählung.
Schnell wird mir als Leserein auch klar, dass es ein verdammt zweischneidiges Schwert ist.... das Mitleid... das Mitleid mit jemanden haben.... warum und wieso empfindet man Mitleid??? Wie ehrlich ist dieses Gefühl??? Womit tarnen wir unser Mitleid... bewusst aber auch unbewusst????
Im Verlauf dieser "Liebesbeziehung" erwische ich mich immer wieder selbst dabei... welchen Ausgang wünsch ich mir für diese Kranke???? Klar, die Liebe... aber warum??? Weil ich ich der Meinung bin, dass sie es einfach verdient hätte, einfach... weil sie in ihrem Leben schon so viel mitmachen musste....weil ich genau aus diesem Grund - und das sind wir wieder bei unserem Schlüsselwort angelangt - Mitleid mir ihr habe.... ODER, weil sie eine Frau ist... krank hin oder her... weil sie trotz aller Krankheit Frau ist und bleibt und damit auch Wünsche, Hoffnungen und Bedürfnisse in sich trägt....
 
Wie realistisch ist nun diese Geschichte.....
Vielleicht garnicht mal soooo unrealistisch... zumindest in sehr vielen Punkten...
Ein junger Mann, der vom Leben an sich ein wenig überrumpelt wird.... dem Vieles vielleicht zu schnell geht... ein junger Mann, der sich zwar aufgrund seines Berufes erwachsen fühlt (ein Soldat, seine Uniform - die ihm immer und überall zu mehr Ansehen verhilft, die vielleicht auch sein Ego stärkt) .... aber es, wie aus seinen Handlungen ersichtlich, noch lang nicht ist. Ein junger Mann... blauäugig, lebenslustig.... und im Endeffekt auch mit allem maßlos überfordert. Auf der anderen Seite ein junges Mädchen... krank, schwach... ein Mädchen, das jeden Tag kämpfen muss... gegen die eigene Krankheit, gegen die Hoffnungslosigkeit, gegen den Drang aufgeben zu wollen und auch gegen das permanent anwesende Mitleid ihrer Umgebung.....
In den Augen des jungen Soldaten ist sie aber einfach ein Mensch, mit dem man sich unbefangen unterhalten kann, mit dem man Spaß haben kann.... ich glaube, er sieht sie nie bewusst als Frau und damit auch nicht als "Objekt", dass in sein Beuteschema als Mann passen würde..... ein großer Fehler.... wenn ich an den Brief denke, den sie ihm zukommen lässt, bekomm ich noch immer eine Gänsehaut.....  dieser hat mich schon sehr berührt und auch erschüttert....
So muss die Geschichte weiter ihren Lauf nehmen und auch wenn ich mir einen anderen Ausgang gewünscht hätte, wurde rasch klar.... das es eben anders kommen muss.
Realistisch... ja... für die damalige Zeit schon. Das Zweig dem Krieg nur am Rande miteinfießen lässt, hat mich persönlich nicht so besonders gestört. Ich bin im Grunde auch recht froh darüber.... er hat sich auf das Wesentliche konzentriert..... auf die Gefühle dreier Menschen - die unbeherrschte Zuneigung der Kranken (wobei ich mich noch immer  frage: War es wirklích Liebe??? Oder nur das verzweifelte Festhalten an einem bzw. dem einzigen Rettungsanker der für sie in dieser Situation greifbar war??? ), die Hilflosigkeit des Soldaten und die Ohnmacht des Vaters.....