Traumnovelle

Traumnovelle.jpg"Wie gesichert die Ordnung einer Ehe auch sei, sie hat sich, herausgefordert durch Gedanken etwa an Abenteuer, Freiheit und Gefahr, zu erweisen. Der Reiz von etwas ganz anderem, außerhalb ihrer Liegenden, gedanklich Ungetreuen, will, wenn er sich einstellt, erfahren sein: in traumhafter Wirklichkeit, zumindest in -wirklichkeitsnahem Traum. Schnitzler erzählt dies in seiner unvergleichlichen Novelle von Fridolin und Albertine. Faszinierend schildert er in strenger Gliederung das parallele, stark erotisch bestimmte Erleben des Paares in einer Nacht: er ließ sich auf mysteriöse Weise in eine orgiastische Gesellschaft führen - sie ist in die Erregung eines unvergleichbaren Traumes geglitten. Die Fremde, die Fridolin in dieser leidenschaftlichen Nacht kennenlernt, opfert sich für ihn, weil in dieser bacchantischen Runde jeder Uneingeweihte, der sich hineinbegibt, zum Tode verurteilt ist; Albertine gibt sich im Traum einem eher zufälligen Bekannten hin und sieht ruhig zu, wie ihr Mann für seine Treue zu ihr sich kreuzigen läßt. Fridolin erkennt, als sie ihm dies erzählt, in der Fremden seine eigene Frau. Der Knoten löst sich:
die scheinbar voneinander unabhängige Versuchung des Mannes wie der Frau haben sich in Traumrealität entladen. Der Weg zueinander ist wieder frei durch die Erkenntnis der Gefahr, einander in der Gemeinschaft zu verlieren. Als Fridolin, noch un-sicher, fragt: »Weißt du das auch ganz gewiß?«, spricht Albertine es aus: »So gewiß, als ich ahne, daß die Wirklichkeit einer Nacht, ja daß nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.«

Meine Gedanken zum Buch: 

Es ist die 10. Auflage von Schnitzler`s Traumnovelle, die ich da in Händen halte.... die 10. Auflage... mit Recht.
Schon ab der ersten Seite war ich gefangen in seiner Geschichte rund um die Ehe von Fridolin und seiner Frau Albertine.
Schnitzler beschönigt nichts... erzählt frei und unverblümt von den sexuellen Träumen dieser beiden  Eheleute, über ihr Verlangen und ihre Triebe.....unfassbar, was dieses Werk beim Erscheinen für Wellen geschlagen haben muss.
Sprachlich einfach herrlich zu lesen und auch inhaltlich hat mit die Spannung regelrecht durch die Seiten getrieben. Ein Buch, das man anfängt und nicht mehr aus der Hand legen kann.... die Neugier ist viel zu groß.... in einem Zug habe ich es lesen müssen!!!!!
 
Zitat Seite 88:
"Und kein Traum", seufzte er leise, "ist völlig Traum".
 

Bei Sonnenuntergang saßen wir auf dem Balkon, du und ich, da ging er vorüber unten am Strand, ohne aufzublicken, und ich war beglückt, ihn zu sehen. Dir aber strich ich über die Stirne und küßte dich aufs Haar, und in meiner Liebe zu dir war zugleich viel schmerzliches Mitleid.

Seitenangabe für Zitat1: 
10

Sie schwiegen beide, lagen mit offenen Augen, fühlten gegenseitig ihre Nähe, ihre Ferne.

Seitenangabe für Zitat2: 
55
Verlag: 
Fischer Verlag
Auflage: 
10. Auflage 2008
ISBN: 
978-3-596-29410-7

Kommentare

Claudia, bist Du sicher, dass das nicht einfach die 10. Auflage der Ausgabe ist, die Du gekauft hast? "Die Traumnovelle" ist in den 20ern erschienen, da wurde sie sicher schon öfter aufgelegt. Übrigens ist das ein Schnitzler, den ich noch nicht gelesen habe, nicht einmal vor 30 Jahren in meiner Zweig- und Schnitzlerphase. Klingt aber wirklich spannend!

Yessas... grad nachgeschaut.... es ist sogar die 19. Auflage.... ich brauch wohl eine Brille oder eine neue Glühbirne mit besserer Leuchtkraft ;o)
 
Für mich war´s mein erster Schnitzler... hat mich wirklich begeistert.... ich würde sogar sagen, ist zu einem meiner Lieblingsbücher geworden. Einfach toll... vom Anfang bis zum Ende.
Was kannst du denn noch von ihm empfehlen??

Ich denke, "Fräulein Else" und "Leutnant Gustl" würden Dir gefallen, ich mochte ganz besonders seine Dramen, also z.B. "Liebelei", "Anatol" und "Der Reigen". Wirklich unvergleichich sind natürlich "Professor Bernhardi" und "Das weite Land". Viele davon gibt es in hervorragender Besetzung auch auf DVD,  natürlich auch Kubrick's letzten Film, "Eyes Wide Shut", der auf der "Traumnovelle" basiert. Diese hab ich mir jetzt gerade als Hörbuch gekauft, ich bin gespannt!
Ach ja, wenn Du das so mochtest, DANN solltest Du Sandor Marai lesen! "Die Glut" schägt in eine ähnliche Kerbe, aber auch in seinen anderen Romanen geht es zumeist um die Beziehung zwischen Mann und Frau. Sprachlich hat mich Marai, wenigstens in der Übersetzung, immer an eine Mischung aus Schnitzler und Zweig erinnert.