Stadt, Land und danke für das Boot

traktor.jpgOb es nun die Begegnung mit dem Fräulein aus der Putzerei in der Dorfsauna oder die Annehmlichkeit einer Konversation im Zahnarztstuhl ist, der Versuch, mit den Einschlafgewohnheiten eines Dreijährigen zurechtzukommen, oder die Klärung der Frage, ob wirklich jeder Erwachsene einen Traktor kaufen muss, wenn er ihm angeboten wird - stets vermag es René Freund, die Gnadenlosigkeit des Alltags mit scharfer Beobachtungsgabe aufzuspüren und ihr mit Sprachwitz beizukommen. "René Freund ist bekanntlich diplomierter Realsatiriker." meint Kollege Daniel Glattauer, Der Standard

Meine Gedanken zum Buch: 

Weil so vieles so typisch österreichisch ist, fühlt man sich gleich heimisch. Und solitarisch teil man von Anfang an Freud und Leid mit dem Erzähler. Lacht man, so lacht man sich eigentlich selbst aus. Denn wie oft ergehts einem nicht ähnlich wie dem "René Freund"? Lautes Auflachen konnte ich hier wirklich nie zurückhalten, denn seine Satiren gehen weit über das  "Schmunzeln" hinaus.
 

Nicht integrierter Inländer
Ich bin sprachlos. Das ist jetzt nicht als Floskel gemeint, sondern wörtlich. Ich bin sprachlos, im Sinne von: Ich habe keine Sprache.
Zugegeben, ich komme in Italien durch ohne verhungern zu müssen. In England kann ich zudem noch Zeitungen lesen, in Frankreich mich mit den Leuten unterhalten. Die deutsche Sprache beherrsche ich, wie man so leichtfertig sagt, in Wort und Schrift.
Aber in Grünau im Almtal, also dort, wo ich wohne, versteht mich niemand. Dabei bin ich ein sprachliches Chamäleon oder halte mich wenigstens dafür. Wenn ich zum Bäcker gehe, lausche ich sehr aufmerksam, wie die Leute vor mir sprechen. "Griaß Goud", sagt die Dame mit dem Hut mit der Feder, und: "Zwoa Sömmin bitte."
Da ich die Sprache der Eingeborenen schon länger studiert habe, weiß ich, dass die Dame gegrüßt und dann zwei Semmeln geordert hat. Ich kenne den Tonfall, die Aussprache jeder Silbe genau. Ich habe sogar zu Hause geübt. Und so trete ich selbstbewusst vor die Bäckerin, werfe ein lässiges "Griaß Goud" hin und füge nonchalant "Zwoa Sömmin, bitte" hinzu. Worauf diese mich fassungslos ansieht und in ihrer schönsten Hochsprache fragt: "Zwei Semmeln wünschen der Herr?"
Auch bei den Bauern am Felde gewinne ich keine Freunde, da kann ich noch so viel vom bewölkten "Hümmi" sprechen. Es bleibt auch wirkungslos, wenn ich Trümpfe aus dem "Örmi" schüttle, wie etwa die Verwendung des Wortes "drabig" statt "eilig". Dabei habe ich mich wirklich bemüht. Ich weiß, dass man statt "zwei" "zwoa" sagt, aber nicht "droa", sondern "drei". Aus irgendeinem Grund scheint mir das sogar fast logisch zu sein. Ich weiß auch, dass es "woaß" heißt, wenn ich etwas weiß, aber "weiß", wenn ich eine Mauer anstreiche. Das verstehe ich zwar nicht, aber ich akzeptiere es und versuche es zu verinnerlichen. Es nützt aber alles nichts. Ich bleibe immer ein Fremder. Ein nicht integrierter Inländer [...]
(S. 19f)
 

Verlag: 
Picus Verlag
Auflage: 
.
ISBN: 
ISBN-10: 3854524609 /ISBN-13: 978-3854524601