Schuld und Sühne

Rodion R. Raskolnikow, ehemaliger Student der Rechte, lebt in ärmlichsten Verhältnissen, und begeht ein furchtbares Verbrechen. Er erschlägt eine alte Pfandleiherin und deren schwachsinnige Schwester. Der Täter hat zwar Geld und Schmuck gestohlen, doch interessiert ihn das Diebsgut nicht besonders. Raskolnikow verfällt gleich nach der Tat in eine Art Nervenfieber. Sein Verbrechen belastet ihn sehr, und einige Male steht er kurz davor, sich zu stellen und sein Gewissen zu erleichtern.
Als eine ihm bekannte Familie durch den Tod des Vaters in höchste Not gerät, die die älteste Tochter Sonja sogar zur Prostitution treibt, bezahlt Raskolnikow trotz seiner eigenen tristen Lage das Begräbnis. Zu Sonja entwickelt er schließlich ein so vertrauliches Verhältnis, dass der Mörder der Buhlin - wie es im Roman so schön heißt - das Verbrechen gesteht. Durch ihren Einfluß ist er schließlich bereit, die Verantwortung für seine Tat zu übernehmen.

Meine Gedanken zum Buch: 

Nach anfänglichen Schwierigkeiten mich in den Text einzulesen, hat mich die Vielschichtigkeit der Charaktäre, die breitangelegte Handlung und nicht zuletzt die Sprachgewalt des Autors, völlig in ihren Bann gezogen.
Die Hauptfigur, der Mörder Raskolnikow, war mir allerdings nie sympathisch, da er mir mit seiner Lebensphilosophie stets fremd geblieben ist. Er ist nämlich der Meinung, dass ein vom Schicksal auserwählter Mensch durchaus das Recht hat eine böse Tat, also auch einen Mord, zu begehen, wenn daraus letztlich für andere etwas Gutes entsteht. Diesen Gedankengang konnte ich schon deshalb nicht nachvollziehen, weil er aus der Wohnung seines Opfers gar keine so große Summe entwendet hatte, ja sich nicht einmal besonders für die Höhe der Beute interessierte, als dass er damit viel Gutes hätte bewirken können. 
Im weiteren Verlauf steht auch vielmehr die Art, wie er das Verbrechen verarbeitet, im Vordergrund; seine Ängste entdeckt zu werden und seine Zweifel, ob er sich nicht doch selber stellen soll.
Von den vielen Figuren, die den Roman bevölkern, hat mir Raskolnikows Freund Rasumichin sehr gut gefallen, besonders in Erinnerung geblieben ist mir jedoch der Untersuchungsrichter Porfirij Petrowitsch, der durch seine Art des Verhörs für spannende und überraschende Momente sorgte. Aber auch seinen Nebenfiguren widmete Dostojewski mehr Aufmerksamkeit als so mancher moderne Autor seinen Hauptfiguren zuteil werden läßt.
Dass Raskolnikow sich schließlich stellte, aber keine Reue zeigte und weiterhin an der Auffassung festhielt, nur eine "Laus" getötet zu haben, fand ich konsequent und zum Gesamtkonzept passend. Zudem läßt das Ende ja durchaus hoffen, dass der Mörder Raskolnikow durch Sonjas Liebe und die Treue seines Freundes Rasumichin eine charakterliche Wandlung durchlebt haben könnte.
Ein großartiger Roman, der es verdient, immer wieder gelesen zu werden und nach einer Fortsetzung verlangt hätte. 

Verlag: 
Bibliographisches Institut Mannheim
Auflage: 
2. Auflage
ISBN: 
978-349-1-961-722

Kommentare

Er ist nämlich der Meinung, dass ein vom Schicksal auserwählter Mensch durchaus das Recht hat eine böse Tat, also auch einen Mord, zu begehen, wenn daraus letztlich für andere etwas Gutes entsteht.

Ich glaube für Raskolnikow ist das (in seiner Vorstellung) keine "böse" sondern eine "notwendige/zwangsläufige" Maßnahme, ähnlich dem Mord am Adel in der franz. Revolution oder wenige Jahre später in der Oktoberrevolution - eine Art Elitedenken.

Die Tatsache, dass er sofort ein Schuldgefühl spürt lässt ihn ja auch in das Fieber fallen ! Vor allem aber lässt es ihn an seiner Weltanschauung zweifeln, der Grund für alle späteren Entwicklungen.

Ursprünglich soll (ich habe den Text nie selbst gelesen) in einer ersten Fassung ausschließlich das "Gewissen" Raskolnikows ihn zur Aufgabe bewogen haben. In der heutigen Fassung gibt es diese Szenen mit dem Untersuchungsrichter - ein intellektueller Dialog den keiner von beiden gewinnen kann.

Die Sühne -die ein vielfaches an Seiten aufweist, wie die Beschreibung der Schuld- bleibt (meiner Meinung nach) in einer merkwürdigen Weise offen ! Möglicher Weise auch ein autobiographischer Zug, denn auch Dostojewski war ein Revolotionär und deswegen sogar zum Tode durch erschießen verurteilt, im allerletzten Moment (bereits auf dem Erschiessungsplatz) wurde er begnadigt und nach Sibirien verbannt.

Hier kann man es übrigens kostenlos downloaden
http://gutenberg.spiegel.de/buch/2100/1

rotbart

Es gibt keine schlechten Bücher -
es gibt nur unfähige Autoren

Ich habe das auch so verstanden, dass er diese Tat als für unbedingt notwendig erachtet hat, aber ebenso stark waren auch immer wieder seine Zweifel, ob er wohl zu den Auserwählten gehört, die dazu berufen sind. Unverständlich ist mir aber, warum er das Geld dann nicht an wirklich Bedürftige gegeben hat. Die Bezahlung des Begräbnisses des trunksüchtigen Marmeladows (falls er es dafür überhaupt verwendet hat, daran kann ich mich jetzt nicht mehr so genau erinnern) kann ja wohl auch keinen Mord rechtfertigen. Aus meiner persönlichen Sichtweise rechtfertigt sowieso nichts einen Mord, aber wenn man schon den Gedankengängen Raskolnikows folgen will, dann hätte ich mir doch so eine Art russischen Robin Hood erwartet.
Wenn in einer 1. Fassung  vom "Gewissen" die Rede war, wie Du schreibst, die ihm seine Handlungsweise sozusagen diktierte, hätte mir das auch für die aktuelle Fassung besser gefallen und hätte auch irgendwie besser gepasst. Mit diesem Auserwähltheits-Denken konnte ich mich gar nicht anfreunden.
Ich dachte, vielleicht hat Dostojewski das Ende mit Absicht so offen gelassen, um womöglich in einem weiteren Band die langsame Gesinnungswandlung Raskolnikows zu zeigen. Sehr reuig war er ja nicht, sondern hat weiterhin an seiner Auffassung von der "Laus" festgehalten.
Deswegen hat es mir auch leid getan, dass es keine Fortsetzung gibt. Über das Leben des Autors muss ich wohl auch bald mal etwas lesen. Jetzt würde ich doch gerne Genaueres erfahren.

Na da denke ich jetzt Du machst einen verständlichen Fehler aus dem heutigen Denken heraus, es geht weder um gut noch böse, es geht auch nicht um einen zweiten Robin Hood der Arme versorgt.

Es geht am Vorabend der Revolution um ein Weltbild und eine geistige Haltung eine "Laus" war nichts, ob sie lebte oder nicht war dem "Menschen" egal. Bauern, Leibeigene waren Eigentum des Adels, schlechter gestellt als antike römische Sklaven.

Raskolnikow spürt (nach seiner Tat) dass dieses Weltbild bald keinen Bestand mehr haben wird und er seine eigenen Maximen anzweifeln muß.

Das ist ja nicht auf das zaristische Russland beschränkt, die Sklaven in den Südstaaten der USA wurden ja bis in die 60iger hinein als Untermenschen angesehen, auch wenn sie seit Abe Lincoln offiziell keine Sklaven mehr waren.

Für Dich vielleicht unverständlich, aber damals normal die Tötung einer Laus, die Mißhandlung von Sklaven brauchte keine Rechtfertigung, denn sie wurden ja nicht als Menschen angesehen.

Robin Hood ist eine ganz andere Story, es ist die Recht-fertigung eines Diebes, der den Reichen ihr Geld nimmt und es an Arme verteilt - sozusagen ein Sozialist oder Samariter und ganz nebenbei Richard dem Löwenherzigen den Thron rettet, also auch noch FÜR den Adel handelt.

Rotbart

Es gibt keine schlechten Bücher -
es gibt nur unfähige Autoren

Vor einigen Jahren wollte ich mir dieses Stück Weltliteratur geben. Ich war auf einem Praktikum, recht alleine, in der Ferne.  Ich muss gestehen, dass ich gescheitert bin. Die ständige Beschäftigung mit Schuld, Sühne, Gewissen, Rechtfertigung - und das über hunderte von Seiten hat mich überfordert. Vielleicht hätte ich mich zuerst über den geschichtlichen Hintergrund etx informieren sollen.
So musste ich das Experiment irgendwo nach der Hälfte abbrechen. Sonst wäre ich womöglich noch in der Klappsmühle gelandet!

Auch diese Wirkung kann Literatur haben. Jedenfalls hat Dich das Buch bewegt. Ich glaube auch nicht, dass Dir das Wissen um den geschichtlichen Hintergrund geholfen hätte. Wenn's nun mal nicht gefällt, finde ich es ganz richtig, dazu zu stehen, egal, ob Klassiker oder nicht.
LG Sylli