Nachtzug nach Lissabon

Raimund Gregorius, Altphilologe und Professor für Altgriechisch und Latein an einem Berner Gymnasium verlässt eines Tages überaschen mitten im Unterricht die Klasse und reist nach Lissabon um die Spuren eines Portugiesischen Autors aufzunehmen und dessen Leben und Umfeld zu erkunden.
Notwendig wie das Glas zum Wein ist die Rahnmenhandlung für den philosophischen Inhalt des Buches. Der Autor dikitert dem schreibenden Portugiesen seine eigenen philosophischen Betrachtungen über Probleme der Welt in die Feder.

Was wäre des religiöse Symbol des Christentums, wenn der Heiland nicht am Kreuz sondern beispielsweise durch die Guillotine gestorben wäre.

Verlag: 
btb
Auflage: 
22.Auflage
ISBN: 
978-3-442-73436-8

Kommentare

Dieses Buch wurde mir wärmstens empfohlen. Es hat einige sehr gute Passagen, ist mir aber zu lang geraten. Dieser Satz ist jedoch sehr mutig und auch sehr provokant. Schön wäre gewesen, wenn der Protagonist die Dame wirklich gefunden hätte. Aber das kann sich der Leser ja selbst weiterdenken.
 
Es grüßt der Reini
und bedankt sich nochmals für gestern
Sogar mein Vater ist voller Lobensworte für deine Gedichte.

Nun, es wäre gelogen behauptete ich jetzt, dass das Buch keine einzige Stelle hätte die zu langatmig sei. Tatsächlich ist es so, dass zwischendurch sehr wohl längliche Passagen auftreten, die beim Leser keine Wissens- oder Handlungslücke hinterlassen sollte er diese überspringen.
Interessante Inhalte, die oft zwischen den Zeilen zu lesen sind, v.a. bei den Texten Prados, lassen sich jedoch auf keinen Fall leugnen und aufgrund der Ungewissheit, wozu denn überhaupt dieser Ausbruch des Raimund Gregorius gut sei hält mich interessiert an dem Buch.
Liebe Grüße,
Michael.

Reini, der Protagonist hat die Dame doch garnicht gesucht! Ich finde es gut, dass sie nur der Auslöser für die ganze Geschichte war, aber dann keine wesentliche Rolle mehr gespielt hat, das hätte zu sehr von Amadeu und auch von Gregorius selbst abgelenkt.

Hat mir dieses Buch gefallen?? Bin mir nicht sicher. Da muss ich glaub ich ein bisschen weiter ausholen:
Sprachlich ja,  war sehr schön zu lesen: "Trotz des Verkehrslärms vor den Fenster füllte Stille den Raum." (S 391) - " Er machte mich zu einer Bewohnerin seiner Gedankenwelt. 'Außer mir wohnst nur du da' sagte er" (S402) -"Er liebte Züge, sie waren ihm ein Sinnbild des Lebens. Ich wäre gerne in seinem Abteil mitgefahren. Doch dort wollte er mich nicht. Er wollte mich auf dem Bahnsteig, er wollte jederzeit das Fenster öffnen und mich um Rat fragen können. Und er wollte, dass der Bahnsteig mit führe, wenn der Zug sich in Bewegung setzte." (S403).
Die Handlung an sich ist abschnittsweise dann doch etwas verwirrend - viele unterschiedliche Personen, Schauplätze, Auszüge aus Prados Buch, Auszüge aus seiner Rede, wieder das Buch, Abschnitte div. Briefe, Zeilen an die Mutter usw. - der Autor springt oft hin und her - das hat mir beim Lesen eine kleine Durststrecke beschert, als sich dann aber Adriana Gregorius mehr öffnete u. das Treffen mit Maria Joao stattfand, gings dann wieder ganz leicht und ich konnte das Buch bis zum Schluss nicht mehr aus der Hand legen.
 
Die Person Gregorius hat mich sehr beschäfftigt - hoch intelligent, schlicht, geradlinig, eng mit seinem Alltag verkettet wurde er für mich im Laufe der Erzählung, trotz schlechtem Gesundheitszustand, immer wacher und lebendiger.

AS SOMBRAS DA ALMA. DIE SCHATTEN DER SEELE. Die Geschichten, die die anderen über einen erzählen, und die Geschichte, die man über sich selber erzählt: welche kommen der Wahrheit näher? Ist es so klar, daß es die eigenen sind? Is teiner für sich selbe eine Autorität? Doch das istn icht wirklich dei Frage, die mich beschäftigt. Die eigentliche Frage ist: Gibt es bei solchen Geschichten überhaupt einen Unterschied zwischen wahr unf falsch? Bei Geschichten über das Äußere schon. Aber wenn wir uns auf mache, jemanden im Inneren zu verstehen? Ist das eine Reise, die irgendwann an ihr Ende kommt? Ist die Seele ein Ort von Tatsachen? Oder sind die vermeintlichen Tatsachen nur die trügerischen Schatten unserer Geschichten? (Seite 168)

Ich verehre Gottes Wort, denn ich liebe seine poetische Kraft. Ich verabescheue Gottes Wort, denn ich hasse seine Grausamkeit. Die Liebe, sie ist eine schwierige Liebe, denn sie muß unablässig trennen zwischen der Leuchtkraft der Worte und der wortgewaltigen Unterjochung durch einen selbstgefälligen Gott. Der Haß, er ist ein schwieriger Haß, denn wie kann man sich erlauben, Worte zu hassen, die zur Melodie des Lebens in diesem Teil der Erde gehören? Worte, an denen wir von früh auf gelernt haben, das Ehrfurcht ist? Worte, die uns wie Leuchtfeuer waren, als wir zu spüren begannen, daß das sichtbare Leben nicht das ganze Leben sein kann? Worte, ohne die wir nicht wären, was wir sind?
Aber vergessen wir nicht: Es sind Worte, die von Abraham verlangen, den eigenen Sohn zu schlachten wie ein Tier. Was machen wir mit unserer Wut, wenn wir das lesen.? Was ist von einem solchen Gott zu halten? (Seite 199)

Und so könne man die Angst vor dem Tod beschreiben als die Angst, nicht der werden zu können, auf den hin man sich angelegt hat. (Seite 243)

 
 
 
Claudia, ich habe gerade die Art, aus so vielen Quellen zu schöpfen, sehr erfrischend gefunden, ein Stilmittel, das es einem ermöglicht, auch die Gedanken längst verstrobener Personen in das Gesamtbild miteinzubeziehen.
Mich haben viele Themen angesprochen, aber vor allem eines. Diese Erkenntnis, die einen trifft, wie ein Blitz, dass man gewisse Dinge in seinem Leben nicht mehr tun wird. Ich will nicht sagen, dass ein junger Mensch dem Buch nichts abgewinnen kann, ganz im Gegenteil! Aber wenn man die Lebensmitte bereits überschritten hat, wie ja auch die Protagonisten, kann man gewissen Ängste und Gefühle wohl sehr direkt nachovllziehen. Genau darauf bezieht sich auch das letzte Zitat über diesem Beitrag.
 
Mein Fazit: eine faszinierende Reise durch Zeit und Raum mit wunderbaren Einblicken in eine interessante Stadt. Mit historischen Fakten, über die ich mir bis dato wenig Gedanken gemacht habe (die Diktatur in Portugal), mit vielen philosophischen Gedankenexperimenten, die viel Freiraum für den Leser lassen und mit Themen, denen sich jeder Mensch in unserem Kulturkreis irgendwann einmal stellen muss. Dazu eine spannende Schnitzeljagd auf den Spuren eines Mannes, der jede Menge Anlass zur Kritik bietet, und letztendlich eine Hauptfigur, die eine gut nachvollziehbare innere Wandlung durchmacht, auch wenn der Auslöser dafür etwas skurril ist.
 
Ein wunderbares Buch, in dem ich keine Längen finden konnte, das ich bis zum Schluss gern gelesen und danach noch ein paar Minuten in den Händen gehalten habe, um mich irgendwie davon zu verabschieden. Klingt komisch, aber ich denke, jeder leidenschaftliche Leser kennt das Gefühl, wenn er aus einer literarischen Welt auftauchen und in eine andere wechseln muss.

Das Lebensalter und die Erfahrungen, die man daraus schöpft, ermöglichen sicher einen ganz anderen Blick auf viele Dinge.
Es ist ja schon ein paar Jahre her, dass ich dieses Buch gelesen hab. Drum sind meine Erinnerungen an die Handlung teils auch schon ein bisschen verschwommen.
Sprachlich war´s auf jeden Fall eine Freude es zu lesen!!!! Freut mich, dass es dir auch so gut gefallen hat. Das Gefühl, das du hier beschreibst kenn ich nur all zu gut.... wenn man in einer Geschichte so drinnen steckt und sich dort so zu Hause fühlt, ist es oft sehr schwer, in ein neues Buch einzutauchen. Aber genau das zeigt auch, wie wertvoll das Gelesene für einen persönlich war.....

Wenn die Zeit eines Lebens knapp wird, gelten keine Regeln mehr. Und dann seith es aus, als sei man übergeschnappt und reif für die Klapsmühe. Doch im Grunde ist es umgekerht: Dort gehören diejenigen hin, die nicht wahrhaben wollen, daß die Zeit knapp wird. Diejenigen, die weitermachen, als sei nichts. (Seite 321)