Nachsommer

Heinrich ist volljährig und verlässt das Elternhaus um sich autodidaktisch im Gebiete der Geologie weiterzubilden.
Schutz suchend vor einem Gewitter bittet er um Unterstand in einem vollkommen mit Rosen bewachsenen Anwesen und trifft so auf den Freiherrn von Risach. Die gegenseitige Sympathie der beiden lässt Heinrich von nun an alljährlich im Spätsommer für einige Wochen in dieses Haus kommen.
Dabei gewinnt Heinrich durch den Einfluss Risachs neue Erkenntnisse in der Wissenschaft und Kunst. Eingehende Diskussionen der beiden von Kunstwerken der Malerei, Bildhauerei und Architektur festigen das Verständnis Heinrichs. Dies, sowie die Ergebnisse seiner eigenen intensiven Forschungen während der Sommermonate machen aus Heinrich nach und nach einen Universalgelehrten.
Am Hofe Risachs lernt Heinrich Natalie kennen und lieben. Die Handlung endet in der Hochzeit der beiden.

Meine Gedanken zum Buch: 

Eine Handlung ohne innere oder äußere Konflikte - ist das möglich?
Stifter zeigt, wie es geht. Konflikte haben in dieser Handlung keinen Platz, höchsten in Rückblicken über längst vergangene Zeiten.
Alle Charaktere des Buches sind moralisch hochstehend, ehrlich, genügsam, zuvorkommend, einsichtig, intelligent.
Der Lebenslauf des Protagonisten scheint schier unmöglich, alles zufällige entscheidet sich zum Guten, alles geplante Gutes trifft ein.
Der Fortgang des Geschehens wird immer wieder zugunsten langer Betrachtungen über die Kunst, die Ethik und die Wissenschaften unterbrochen.
Die Absicht Stifters ist klar: nicht die Handlung oder deren Personen stehen im Mittelpunkt, sondern die reine Bildung und die reine Moral und Ethik am höchstmöglichen Stand der damaligen Zeit (Mitte 19. Jh).
Die Form des Bildungsromans ermöglicht solch ein Kompendium des Wissens, ohne aufdringlich als moralisch oder lehrreich zu wirken. Im Unterschied zu Goethes Wilhelm Meister hat Stifter weniger die Persönlichkeitsentwicklung seines Heinrichs in das Zentrum der Handlung gestellt, sondern dessen humanistische Bildung und lässt den Leser daran teilhaben. Der Name "Heinrich" der Hauptperson kann, so denke ich, durchaus als Tribut an den von Stifter verehrten Goethe verstanden werden; Eine versuchte Imitation Goethes jedoch ist nicht auffindbar.
Ein hochinteressantes, teilweise sehr anstrengendes Buch. Die Handlung bewegt sich wie ein breiter Strom durchs flache Land ohne Geländestufen und Katarakte. Das langsame Hingleiten erlaubt genaue Beobachtungen der Geschehnisse am Ufer mit der Sicherheit ohne Aufregung in das grosse Meer zu münden...

...eines ist gewiß, das reine Familienleben, wie es Risach verlangt, ist gegründet, es wird, wie unsre Neigung und unsre Herzen verbürgen, in ungeminderter Fülle dauern, ich werde meine Habe verwalten, werde sonst noch nützen, und jedes selbst das wissenschaftliche Bestreben hat nun Einfachheit, Halt und Bedeutung

Seitenangabe für Zitat1: 
836

Auf dem Rückwege kamen wir über die Bildung des Schönen zu sprechen, wie es gut sei, daß Menschen aufstehen, die es darstellen, daß über ihre Mitbrüder auch dieses sanfte Licht sich verbreite, und sie immer zu hellerer Klarheit fort führe;

Seitenangabe für Zitat2: 
613
Verlag: 
Philipp Reclam jun. Stuttgart
Auflage: 
keine Angabe
ISBN: 
3-15-018352-9