Möwengelächter

M__wengel__chter.jpgAls die zwölfjährige Agga am Ostermorgen zum ersten Mal in die tiefblauen, eiskalten Augen ihrer Tante Freyja blickt, die als Witwe aus Amerika zurückgekommen ist, ahnt sie nichts Gutes. Und sie soll recht behalten. Auf einmal ist in dem kleinen isländischen Fischerdorf nichts mehr wie vorher: Die Frau mit den rotbemalten Lippen und mit der Figur einer Coca Cola-Flasche bringt nicht nur die Frauen des Ortes gehörig durcheinander, sondern darüber hinaus liegen ihr auch bald fast alle Männer zu Füßen. Agga beobachtet ihre Tante, sie spioniert ihr nach und erfährt Dinge, die sie besser nicht gehört und gesehen hätte. Warum nur unternimmt die Tante diese stundenlangen nächtlichen Wanderungen? Und warum passieren ausgerechnet dann immer so merkwürdige Dinge, die den ein oder anderen sogar das Leben kosten?
Ist sie etwa ein Trollweib, das auf Rache sinnt? Oder ist es nur Aggas blühende Phantasie, die aus der Tante eine Mörderin machen will?
Das Leben im Dorf wird für Agga immer verworrener und mysteriöser, alles verändert sich, und es sind nicht nur der Abschied von der Kindheit und die Schwierigkeiten mit dem Frauwerden, die ihrem Leben eine andere Richtung geben.
Kristín Marja Baldursdóttir hat vor einer faszinierenden isländischen Kulisse einen wunderbaren Roman geschrieben, der uns mit den Augen der respektlosen Agga die Welt der Erwachsenen in einem ganz anderen Licht zeigt.

Meine Gedanken zum Buch: 

Kristín Marja Baldursdóttir gehört mittlerweile zu den Autorinnen, deren gesamtes Werk ich auf meiner Leseliste stehen habe. Mit "Die Eismalerin" und "Die Farben der Insel" hat sie zwei wirklich aussergewöhnliche Romane über das Leben von Frauen in Island geschrieben.
"Möwengelächter" hat mir ebenfalls sehr gut gefallen, auch wenn hier nicht so sehr in die Tiefe gegangen wird, weil die Geschichte aus dem Blickwinkel der 12-jährigen Agga erzählt wird, die natürlich jegliches Geschehen auf ihre kindliche Weise interpretiert und man so keinen Einblick in das tatsächliche Empfinden der Protagonisten erhält. Aber gerade das macht das Ganze auch so unterhaltsam.
Einmal mehr steht im Mittelpunkt ein Haushalt voller Frauen, die so unterschiedlich sind, wie es nur geht. Die resolute Großmutter, die geheimnisvolle Freyja, die etwas zurückgebliebene Ninna, die kecke Dódó, die schrullige Kidda und mitten drin Agga, die sich sogar unter dem Sofa versteckt, nur damit ihr ja nichts entgeht. Besonders interessant ist das Leben von Freyja, und schon bald vermutet Agga das Schlimmste. Das aber keiner hören will, am wenigsten der verliebte Dorfpolizist.
Das Leben in dem kleinen Dorf ist schwierig, dazu kommen die Wirtschaftskrise und die politischen Probleme, die alles zum Stillstand bringen und sogar das Weihnachtsfest gefährden. Trotzdem ist die Geschichte alles andere als trist, man muss beim Lesen immer wieder schmunzeln und erfährt gleichzeitig vieles über ein Land, mit dem man sich bisher vielleicht nicht so intensiv beschäftigt hat.
Inhaltlich und sprachlich ist dieses Buch ein wirklich erfreuliches Leseerlebnis!

Agga hing wie ein Äffchen am Gartentor, die beiden musterten sich gegenseitig, und schließlich fragte Agga pfiffig: "Bist du die aus Ämärrika?"
"Ich bin Freyja", sagte die Frau leise aus zierlichem Mund.

Seitenangabe für Zitat1: 
9

Es waren die friedlichsten Weihnachten, an die Agga sich erinnern konnte, denn alle schwiegen.

Seitenangabe für Zitat2: 
143
Verlag: 
Krüger, Frankfurt
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
978-3810502513