Mörderisches Rennen.

UVB_Gesing_M__rderisches_Rennen_Umschlag.jpgKommissar Andreas Heller, sportbegeisterter Currywurstfan, Teeliebhaber und bekennender Familienmensch, fiebert beim Bochumer Sparkassengiro dem Sieg des Favoriten entgegen, als in unmittelbarer Nähe ein Mord geschieht. Schon bald jagen Heller und seine chaotische, aber kluge Kollegin Inga Brockmann einen Profikiller, der es auf den einzigen Zeugen des Verbrechens, einen zehnjährigen Jungen, abgesehen hat. Zum Schutz von Jonas bieten Heller und seine Kollegen all ihre Kräfte auf, können aber nicht verhindern, dass der geniale Verbrecher sie mit seinen Tricks hinters Licht führt. Schon bald ist „Der Fuchs“ der meistgesuchte Mann im Ruhrgebiet. Er taucht ab und hinterlässt eine Serie von Morden. Wird Heller das „Geheime Buch“ des Killers finden und ihn rechtzeitig zur Strecke bringen?

Meine Gedanken zum Buch: 

Ein spannender Revierkrimi mit viel Lokalkolorit über ein umstrittenes Radrennen. Der Bochumer Kommissar Andreas Heller und seine Kollegin Inga Brockmann, die den Fall übernehmen, streiten sich zwar  gern wie Hund und Katze. sind als Ermittlungsteam aber sehr effektiv. Schöne Charakterstudien. Wichtig auch, der Krimi ist von einer Frau geschrieben!

Der „Fuchs“ blätterte in dem geheimen Buch. Vorsichtig
öffnete er das Schloss, strich die erste Seite mit der rechten
Hand glatt und betrachtete die Eintragungen.
Radrennen, Profiradrennen im Ruhrgebiet. Er würde sich
ein Zimmer zur Untermiete nehmen oder in einer kleinen Pension
absteigen. In Bochum gab es bestimmt einige alleinstehende
ältere Damen, bei denen er sicher und unerkannt für
die Zeit seines Auftrags wohnen konnte. Keine offizielle Rechnung,
keine Anmeldung. Gerade die weniger betuchten Vermieter
freuten sich, wenn Sie ihre Einnahmen unter der Hand
verbuchen konnten.
Unruhig schaute er auf seine Uhr, eine teure Breitling Bentley
mit Krokodillederarmband und Platingehäuse, ein Sammlerstück,
das er sich für knapp 12 000 Euro von seinem letzten
Gehalt gegönnt hatte.
Noch eine halbe Stunde, bis der Flieger von Berlin nach
Düsseldorf abhob.
Der unscheinbare, mittelgroße Mann, genannt „Der Fuchs“,
weil er stets mit Schläue und Wendigkeit seinen Opfern auflauerte,
machte sich auf den Weg zur Gangway.
„Sir, ich brauche Ihre Bordkarte!“
Die hübsche blonde Flughafenmitarbeiterin sah in freundlich
lächelnd an.
Sie versuchte, nicht auf die vier Zentimeter lange Narbe am
Hals des Fluggastes zu starren, die der verrutschte Hemdkragen
unter der dunkelblauen Kapuzenjacke freigab.
Der Fuchs erwiderte für einige Sekunden irritiert ihren Blick
aus seinen kalten blauen Augen, dann hob er seine Mundwinkel
zu einem künstlichen Lächeln.
„Natürlich, entschuldigen Sie, hier ist mein Ticket!“
Die junge Dame nickte verständnisvoll.
„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Flug mit unserer
Airline!“
Der Fuchs streifte sich seine dunkle Kapuze über den Kopf
und reihte sich wieder in die Schlange ein, die zum Flugzeug
pilgerte. Er flog Touristenklasse, um kein Aufsehen zu erregen.
Widerwillig betrachtete er die älteren Leute und die Familie
mit den lärmenden Kleinkindern, die ihm schon in der Wartehalle
aufgefallen waren. Hoffentlich saß niemand von denen in
seiner Nähe. Gerade wollte er sein Blackberry ausschalten, als
ein letzter Anruf einging. Hastig schaute er sich um, drückte
das Handy ans Ohr und meldete sich flüsternd.
„Und, hast du alles vorbereitet?“, fragte eine dunkle Stimme.
„Natürlich, Sie wissen, dass man sich auf mich verlassen
kann. Wenn der Fuchs einen Auftrag bekommt, dann führt er
ihn auch gewissenhaft aus!“
„Das ist gut, das ist sehr gut. Alle weiteren Instruktionen
bekommst du, wenn du am Zielort angekommen bist. Schließfach
157 am Bochumer Hauptbahnhof!“
Der Anrufer legte auf.
Der Fuchs atmete tief ein. Er schaltete sein Handy aus und
steckte es in die Manteltasche. Jetzt musste nur noch der Flug
ruhig sein, denn der Killer hasste es zu fliegen, obwohl er wusste,
dass es für seinen Job unabdingbar war. Anschließend würde
er alles andere mit der gewohnten Präzision erledigen. Er
warf noch einen letzten Blick auf das Foto seines Opfers.
Er war ihm schon einmal begegnet und wusste, wo er ihn
finden würde.
Hastig zerriss er das Bild und warf es mit unbeteiligter Miene
in einen Papierkorb.
 

Seitenangabe für Zitat1: 
13

Zur gleichen Zeit hantierte Klaus Merzinger, Teambetreuer
und erster Mechaniker vom Team Pedalo Bochum, im Tourbus
an einem Stapel Autogrammkarten herum, die im Anschluss
an das Rennen mit Unterschriften versehen an die Fans verteilt
werden sollten.
Mürrisch betrachtete er das zuoberst liegende Bild, auf dem
ihm Jens Adler siegessicher entgegen lächelte.
Merzinger verzog die Mundwinkel und steckte die Karten
widerwillig in eine Papiertüte.
Adler war der Star der Mannschaft, aber Merzinger hatte
Dinge getan, die sein Gewissen schwer belasteten, und Adler
wäre ihm fast auf die Schliche gekommen.
Nur noch heute musste alles glatt gehen, dann war Merzinger
aus dem Schneider.
Am Anfang hatte er alles für einen einfachen Deal gehalten,
der ihm viel Geld einbrachte.
Geld, das er dringend brauchte. Seine Spielschulden, das
Haus, das teure Auto….
Aber dann hatte er einen Fehler gemacht, als er mehr über
seine Auftraggeber herausfinden wollte, weil er Schuldgefühle
gegenüber den Fahrern bekam, die ihm vertrauten.
Merzinger schüttelte den Kopf, als er über sein Verhalten
nachdachte. Was war nur in ihn gefahren, dass er sich auf solche
Dinge eingelassen hatte?
Nur ein letztes Mal noch, dann war Schluss, dann würde er
diese Verbrecher wieder los sein.
Er würde ein neues Leben beginnen, fernab vom Radzirkus.
Der Mechaniker erhob sich ächzend aus der letzten Reihe
des Busses, der etwas abseits vom Renngeschehen in einer Nebenstraße
parkte.
Mit dem Rücken zur Busvorderseite hörte er plötzlich ein
knarzendes Geräusch, als ob jemand die Stufen zur Eingangstür
hochgestiegen wäre.
Merzinger stockte. Seine Nackenhaare stellten sich auf, ein
ungutes Gefühl beschlich ihn.
Das konnte nicht sein, dass jetzt jemand zum Bus kam,
denn alle anderen Teammitglieder waren an der Strecke, und
der Teamchef Michael Keller saß im Auto und fuhr dem Feld
hinterher, um per Funk den Fahrern taktische Anweisungen zu
geben.
Der Mechaniker warf einen kurzen Blick aus dem hinteren
Fenster. Die Straße war menschenleer, nur ein kleiner Junge von
etwa zehn Jahren schaute sich ehrfurchtsvoll mit großen Augen
das Plakat am Tourbus an. Für eine Zehntelsekunde trafen sich
ihre Blicke.
Dann wurde Merzinger von einem erneuten Geräusch hinter
seinem Rücken abgelenkt.
Merzinger atmete keuchend ein und fuhr herum. Sein Herz
blieb für einen Moment stehen, denn er hatte nicht erwartet,
direkt in die Mündung einer schallgedämpften Pistole zu blicken.
Wie zum Teufel war der Kerl so blitzschnell in den Bus gelangt?
ging ihm durch den Kopf.
Wer wollte ihm drohen, weshalb…..?
Doch er begriff sofort, wurde kreidebleich, als er seinem Angreifer
in die Augen schaute.
„Was…, was wollen Sie von mir ?“, presste er mühsam zwischen
seinen Lippen hervor.
Mit beiden Händen hielt er sich an den Sitzlehnen der hinteren
Bank fest.
Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, die in kleinen
Tröpfchen über seine Wange rannen. Fieberhaft überlegte er,
wie er noch aus dem Bus fliehen könnte. Doch der Mann stand
mitten im Weg, direkt zwischen den Sitzreihen.
„Ich…- ich hab` doch alles gemacht, was ihr von mir verlangt
habt!“, flüsterte er kaum hörbar. „Heute wird alles glatt
gehen, glauben Sie mir, bitte!“
Merzinger wischte sich mit der linken Hand den Schweiß
von der Stirn.
Für einen Millisekunde glaubte er sogar, das Gesicht unter
der dunklen Kapuze zu erkennen, den Hauch einer langen hässlichen
Narbe an der linken Seite. Der Mann mit der Pistole
blickte ihm nur reglos in die Augen. Plötzlich wusste Merzinger,
er hatte keine Zeit mehr, die Identität des furchteinflößenden
Killers herauszufinden, dann spürte er auch schon einen dumpfen
Schlag an der Brust und sank leblos auf einen der Sitze.

Seitenangabe für Zitat2: 
20

Gerade war der Radrennfahrer Jens Adler nach der Zieldurchfahrt
von der Unistraße rechts abgebogen. Links hatte
ein Mercedeshändler einen Ausstellungsraum. Es ging weiter
durch kleinere Straßen Richtung Königsallee. Adler fuhr am
Schauspielhaus vorbei und sah gegenüber auf der anderen
Straßenseite die letzten Nachzügler des großen Feldes, welches
ihm auf den Fersen war. An dieser Stelle der Königsallee
verliefen die beiden Fahrbahnen der Rennstrecke nämlich bis
hoch zur Wasserstraße parallel. Dem Führenden kam auf der
anderen Seite der vierspurigen Straße die lange Karawane der
Teamfahrzeuge entgegen, die die Rennfahrer mit Material und
Getränken während des Rennens versorgte und dem Fahrerfeld
hinterherfuhr. Nur leicht ansteigend war jetzt der Verlauf
der Strecke, und bald kam Jens Adler zum deutlich steileren
Anstieg an der Bruchstraße in Wiemelhausen. Hier war genau
wie an der Surkenstraße das Publikum sehr zahlreich vertreten.
Trotz des widrigen Wetters wurden in den Vorgärten der Häuser
und auf den Bürgersteigen fröhliche Partys mit Bier und
Würstchen gefeiert. Auch hier trieben die Zuschauer ihn mit
ihren Anfeuerungsrufen an.
Jens Adler durfte nicht nachlassen, der Sieg war zum Greifen
nahe. Dann hatte er sich auch diese Steigung hochgekämpft.
Ein Stück nur fuhr er die Markstraße entlang. Bald bog die
Rennstrecke aber rechts ab, hinein in die Achterbahn der Stiepeler
Alpen. Einer sehr steilen Abfahrt, die er mit halsbrecherischem
Tempo nahm, folgte wieder eine Steigung, nicht so steil,
aber trotzdem unheimlich kräftezehrend. Und wieder ging es
bergab, da vorne war die Abfahrt zu Ende und sofort begann
das steilste Stück der Rennstrecke. Wie eine Wand lag der Berg
vor ihm. Links und rechts waren die Bürgersteige gesäumt von
Menschen. Ohne die Aufmunterungen der Zuschauer und das
Wissen um seinen Fähigkeiten und der guten Form, in der er
sich befand, wäre diese Tortur nicht zu ertragen.
Adler hörte ein Knacken in seinem Ohr. Die Stimme des
Teamchef hörte sich ungewöhnlich brüchig an.
„Jens, Junge, bleib bei deiner Taktik. Du kannst es schaffen,
der Jörg Rosner wird dich nicht mehr einholen, der hatte in der
letzten Runde einen Wadenkrampf, er hat keine Puste mehr.
Und Jens, wir müssen gleich mal ……….!“
Der Funk verstummte. Was war nur mit Keller losgewesen?
Adler versuchte, sich wieder nur auf den Anstieg zu konzentrieren.
Dann war er endlich oben angekommen und bog an der
Tankstelle rechts ab auf die Kemnader Straße. Bis auf einen
kleinen Hügel kurz vor der Kreuzung von Königsallee und
Markstraße ging es jetzt wieder bis zur nächsten Zieldurchfahrt
am Südring nur bergab. Jens Adler legte den Gang ein,
der ihm den größten Vortrieb brachte und beschleunigte sein
Rennrad bis auf ca. 70 km/h. In rasender Fahrt ging es wieder
die Königsallee runter. Von weitem sah der Fahrer schon den
großen Eventpunkt am Schauspielhaus, wo einmal mehr hunderte
Bochumer trotz des schlechten Wetters ein Fest feierten.
Endlich hatte der Himmel sich etwas aufgeklärt. Hier standen
die Radsportfans dichtgedrängt am Straßenrand. Wie jedes
Jahr wurden sie vorab mit Trillerpfeifen, Rasseln und überdimensionalen
Papphänden von der Sparkasse ausgerüstet. Und
dann war Jens Adler auch schon am Schauspielhaus vorbeigerast.
Links kam dann gleich die Viktoriaklinik, in der er sich
vor nicht allzu langer Zeit am Knie operieren lassen musste.
Nach langer Reha konnte er in dieser Saison endlich wieder beschwerdefrei
trainieren und so war es für ihn ein unglaubliches
Glücksgefühl, hier beim Sparkassen-Giro mit dem Sieg vor
Augen in Front zu liegen. Noch spürte er nicht den Atem der
Verfolger im Nacken. Seit nunmehr fünf Runden fuhr er jetzt
alleine vorneweg. An der Steigung in Wiemelhausen hatte er
sich gut gefühlt und einen energischen Antritt gewagt. Natürlich
war das Rennen noch nicht zu Ende und er wusste auch,
dass seine Führung dahin wäre, wenn das Feld um die Sprinter
Ernst machte, um ihn einzuholen. Aber der Tourfunk meldete
noch einen beruhigenden Vorsprung für den führenden Jens
Adler. Ein Stück weiter kam auch schon wieder die berüchtigte
90 Grad Kurve an der Viktoriastraße Ecke Südring, an der es
galt, einen Sturz zu vermeiden. Weniger geübten Fahrern des
Jedermann-Giros wurde diese Kurve schon zum Verhängnis.
Abbremsen, ausholen, einen großen Bogen fahren, bald hatte
er diese Klippe gemeistert. Er beschleunigte auf größtmögliches
Tempo und raste zum 11. und vorletzten Mal die Zielgerade
entlang. Ohrenbetäubender Lärm drang zu ihm durch. Die
Zuschauer feuerten ihn wie bei jeder Zieldurchfahrt lautstark
an und motivierten ihn für die kommende, letzte Runde. Gerade
passierte er die Bühne, wo später die Siegerehrung stattfinden
sollte, den Jury-Wagen, das VIP-Zelt und die beiden
fahrbaren Tribünen und schon war er auf der letzten Runde
Richtung Stiepel. Wieder war das Ausruhen vorbei, wieder kam
jetzt die anstrengende Hälfte der Schleife. Adler griff zu seiner
neuen Trinkflasche, die ihm einer der Betreuer auf dem letzten
Stück zugereicht hatte.
Er trank sie bis auf den letzten Rest aus, bevor er sie in den
Straßengraben warf.
Der Nachgeschmack war ungewohnt bitter.
Die 12. Runde des diesjährigen Sparkassen Giros hatte soeben
begonnen.
 

Seitenangabe für Zitat3: 
25
Verlag: 
Brockmeyer Verlag, Bochum
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
978-3-8196-0892-6