Marie Antoinette

MArie_Antointte.jpgDas Missverhältnis zwischen Mensch und Schicksal bestimmt die Geschichte. Und so wird für Stefan Zweig Marie Antoinette, "eine eigentlich gewöhnliche Frau, nicht sonderlich klug, nicht sonderlich töricht, nicht Feuer und nicht Eis, ohne besondere Kraft zum Guten und ohne den geringsten Willen zum Bösen" zum Sinnbild des einfachen Menschen, der seine von historischen Zufällen bestimmte Rolle erfüllen muss. Ihre tragische Größe, ihre ereignisreiche Lebensgeschichte im Zentrum der Französischen Revolution bietet nur den fesselnden Rahmen für die psychologisch feinsinnige Studie einer Frau, die über sich hinauswachsen muss. (Klappentext)

Meine Gedanken zum Buch: 

Ich habe Stefan Zweig schon mehrfach als großartigen Autor kennengelernt.... darum führt an diesem Roman nun auch kein Weg mehr vorbei.
Allein schon die Einleitung ist in einem so  leidenschaftlichen und mitreissenden Ton geschrieben, dass meine Vorfreude auf dieses Buch fast nicht mehr zu stoppen ist. Schon von der ersten Zeile an merkt man, Stefan Zweig hat sein ganzes Herz in diesen Roman gelegt.... somit darf ich viel erwarten!!!!
 
Zitat S. 10: Ein mittlerer Charakter muß erst herausgetrieben werden aus sich selber, um alles zu sein, was er sein könnte, und vielleicht mehr, als er selber früher ahnte und wußte; dafür hat das Schicksal keine andere Peitsche als das Unglück. Und so, wie sich ein Künstler manchmal mit Absicht einen äußerlichen kleinen Vorwurf sucht, statt eines pathetisch weltumspannenden, um seine schöpferische Kraft zu erweisen, so sucht sich das Schicksal von Zeit zu Zeit den unbedeutenden Helden, um darzutun, daß es auch aus brüchigem Stoff die höchste Spannung, aus einer schwachen und unwilligen Seele eine große Tragödie zu entwickeln vermag. Eine solche Tragödie und eine der schönsten dieses ungewollten Heldentums heißt Marie Antoinette.....

Verlag: 
Fischer Taschenbuch Verlag
Auflage: 
2. Auflage Dezember 2011
ISBN: 
978-3-596-90360-3

Kommentare

über die geplante Heirat Marie Antoinette`s, S 14: 1766 kann die damals elfjährige Marie Antoinette bereits als ernstlich vorgeschlagen gelten; ausdrücklich schreibt der österreichische Botschafter am 24. Mai an die Kaiserin: " Der König hat sich in einer Art und Weise ausgesprochen, daß Eure Majestät das Projekt schon als gesichert und entschieden betrachten können."

Zitat S. 10: Ein mittlerer Charakter muß erst herausgetrieben werden aus sich selber, um alles zu sein, was er sein könnte, und vielleicht mehr, als er selber früher ahnte und wußte; dafür hat das Schicksal keine andere Peitsche als das Unglück. Und so, wie sich ein Künstler manchmal mit Absicht einen äußerlichen kleinen Vorwurf sucht, statt eines pathetisch weltumspannenden, um seine schöpferische Kraft zu erweisen, so sucht sich das Schicksal von Zeit zu Zeit den unbedeutenden Helden, um darzutun, daß es auch aus brüchigem Stoff die höchste Spannung, aus einer schwachen und unwilligen Seele eine große Tragödie zu entwickeln vermag. Eine solche Tragödie und eine der schönsten dieses ungewollten Heldentums heißt Marie Antoinette.....

Zitat S. 38: Allerdings, sie ist erst fünfzehnjährig zur Zeit der Eheschließung; an und für sich müßte da das ärgerliche Versagen ihrens Mannes sich noch nicht als seelische Belastung äußern; denn wer dürfte diese Tatsache schon physiologisch unnatürlich nennen, daß ein Mädchen bis zum zweiundzwanzigsten Jahre jungfräulich bleibt! Was aber in diesem besonderen Fall die Erschütterung und gefährliche Überhitzung ihres Nervenzustandes verursacht, ist, daß der von Staats wegen ihr zugeteilte Gatte sie diese sieben pseudoehelichen Jahre nicht im Zustande unbefangener und unberührter Keuschheit verbringen läßt, sondern daß in zweitausend Nächten sich an ihrem jungen Körper ein tölpischer und gehemmter Mann unablässig abmüht.

Zitat S. 50: Eine gerade, eine gesunde Entwicklung ist durch die zu früh erzwungende Ehe gestört. Dem Titel nach Frau, in Wirklichkeit noch Kind, soll Marie Antoinette bereits Würde und Rang majestätisch vertreten, andererseits noch auf der Schulbank die untersten Kenntnisse einer Volksschulbildung nachlernen; bald handelt man sie als große Damen, bald wird sie gerüffelt wie ein kleines, unmündiges Kind; die Hofdame verlang von ihr Repräsentation, die Tanten Intrigen, die Mutter Bildung, ihr junges Herz aber will nicht als leben und jung sein....

S. 54: Von der ersten Stunde bis zur letzten kämpft der freie, natürliche Mensch in Marie Antoinette gegen die Unnatürlichkeit dieser erheirateten Umwelt, gegen das preziös Pathetische dieser Reifrock- und Schnürbrusthaltung.

Zitat s. 156 (Warten auf die Geburt des möglichen Thronerben):
Alle Welt ist auf das große Ereignis gespannt, nicht am wenigsten der Geburtshelfer, denn im Falle eines Thronerben winken ihm vierzigtausend Livres Pension und nur zehntausend im Falle einer Prinzessin......

Gerade dort, wo der Tod am grausamsten herrscht, steigert sich, als unbewußte Gegenwehr, in den Menschen die Menschlichkeit.

O ja - genau SO muss Geschichte aufbereitet werden, um Menschenzu erreichen. Stefan Zweig hat das perfekte Händchen dafür. Diese Biographie über Marie Antoinette liest sich keinesfalls wie ein trockenes Sachbuch, der Leser wird auch nicht mit den unterschiedlichsten Zahlen und Daten überhäuft.... nein, viel mehr ist es ein sehr ehrliches und feinfühliges Porträt einer Frau, deren Leben schon in frühen Jahren durch die Heirat mit Ludwig XVI in eine Richtung gelenkt wurde, die sie unweigerlich ins Verderben geführt hat. Nebenbei sorgt Zweig`s unglaubliche Sprache dafür, dass man als Leser nie eine Durststrecke verspürt.... viel mehr von Seite zu Seite mehr in dieser Lebens- bzw. Leidensgeschichte gefangen ist.
Immer wieder lässt er Ausschnitte von Briefen miteinfließen, was dem ganzen eine sehr persönliche Note verschafft und den Leser noch tiefer in diese Geschichte blicken lässt.
Das Schicksal Marie Antoinette`s ist natürlich jedermann bekannt, aber was kann man dieser Frau wirklich vorwerfen....???
Natürlich war es damals keine Seltenheit, in so jungen Jahren verheiratet zu werden.... der Schutz des Landes stand im Vordergrund.... der Mensch und seine Bedürfnisse in der Hinsicht erst an zweiter Stelle.... viele haben dieses Schicksal erlitten, viele konnte auch besser damit umgehen.... Marie Antoinett leider nicht. Sie wollte leben, lachen... wollte immer wieder die Freuden der Kindheit nachholen... wollte keine Zeit mit Politik und der gleichen verschwenden, wollte keine Bücher lesen, kein Instrument erlernen.... sich einfach an den für sie schönen Dingen des Lebens erfreuen...... darf man sie aus diesem Grunde "dumm" nennen??? Nein, wohl eher lebenslustig und sehr naiv..... drum war es ihr auch nie möglich, die Tragweite ihres Handeln richtig einzuschätzen. Auch die Gefahr, auf welche sie unweigerlich zusteuerte, hat sie nie als solche in diesem Ausmaß wargenommen....
Was diese Biographie auch so interessant macht, sind die unzähligen kleinen Dinge, die Zweig zusätzlich einbaut...... der Leser erhält viele Informationen über Etikette, das Leben am Hof.... vieles davon war mir nicht bekannt.... zB auf S. 332 "Nach uraltem Brauch muß der Kammerdiener des Königs im gleichen Zimmer schlafen, eine Schnur um das Handgelenk gewickelt, so daß ein Handzug des Monarchen genügt, den Eingeschlafenen sofort zu wecken."
Nähert man sich dem Schluss dieses Buches, wird es für den Leser immer erdrückender... klar, man weiß wie es enden wird. Und so erlebt man mit Marie Antoinette die Zeit der Verhandlungen... das Bangen im Kerker.... die letzten Stunden.... Beeidruckend und erschütternd zu gleich  war es für mich zu sehen, wie diese oft so naive Frau in der Stunde ihrer größten  Not plötzlich wahre Stärke zeigt.
Trotz all der Schmach, die sie über sich ergehen lassen muss, zeigt sie keine Spur von Schwäche...... hier wird sie nun zu der Königin, die sie bis zu dem Zeitpunkt nie sein konnte....
Was ich auch nicht wusste, Kaiser Franz hätte sie freikaufen können, hätte sie retten können... aber nein: S. 420 "... der französische Konvent überschätzt das habsburgerische Familiengefühl ungeheuer. Kaiser Franz, völlig stumpf und gefühlsunfähig, habgierig und ohen jede innere Größe, denkt nicht daran, aus der kaiserlichen Schatulle, in der neben dem Florentiner noch unzählige ander Kostbarkeiten und Juwelen liegen, auch nur einen einzigen Edestein zu holen, um seine Blutsverwandte freizukaufen...." und nach Ludwigs Tod scheint sie generell wertlos zu sein S. 445 "Marie Antoinette zählt für Kaunitz als Aktivperson der habsburgerischen Politik nur, solange sie Herrscherin von Frankreich war; eine abgesetzte Königin, eine private unglückliche Frau wird Ministern, Generalen, Kaisern völlig gleichgültig, Diplomatie kennt keine Sentimentalität"
Was soll man dem noch hinzufügen.....
Zweig hat hier auf jeden Fall ganze Arbeit geleistet.... er hat mir die Person Marie Antoinette auf eine Art näher gebracht, wie es kein anderer gekonnt hätte..... ich bin auf jeden Fall um eine Erfahrung reicher, viele Eindrücke bleiben... unter anderem Mitleid für eine Frau, die ein anderes Ende verdient hätte....