Ich nannte ihn Krawatte

ich_nannte_ihn_krawatte.jpgIst es Zufall oder eine Entscheidung?
Auf eine Parkbank begegnen sich zwei Menschen. Der eine alt, der andere jung, zwei aus dem Rahmen Gefallene. Jeder auf seine Weise, beide radikal, verweigern sie sich der Norm. Erst einem fremden Gegenüber erzählen sie nach und nach ihr Leben und setzen zögernd wieder einen Fuß auf die Erde.

Meine Gedanken zum Buch: 

Bei einer Lesung habe ich Milena Michiko Flasar als Autorin für mich entdeckt und war schon vom ersten Wort das sie sprach bzw. las gefangen und begeistert.
Sehr überrascht war ich... eine so junge Frau, grade mal 32, klein, zierlich, sympatisch.... eine beindruckende Lesestimme mit so viel Höhen und Tiefen, unheimlich viel Gefühl für das Wort.... und auch eine wunderbare Sprache... sehr leise, etwas melancholisch, oft recht knapp, aber dafür  fängt sie alles so präzise ein, dass kein Wort mehr von Nöten ist......
 
In ihrem Roman behandelt sie ein sehr intressantes Thema, vermutlich auch eines, dass sie persönlich selbst sehr beschäftigt.... ist sie doch halb Japanerin, halb Österreicherin.... Vorallem das Phänomen des "Hikikomri" scheint in Japen sehr verbreitet zu sein bzw. sich immer mehr auszuweiten.....
Und so kommt es, dass in ihrem neusten Roman "Ich nannte ihn Krawatte" zwei Menschen aufeinander treffen, die des Lebens überdrüssig geworden zu sein scheinen..... ein älterer Mann, ein Salaryman... also ein männlicher Firmenangestellter, der seinen Job verloren hat.... der zu alt geworden ist, für die schnelllebige Geschäftswelt und der  nicht wagt, all dem ins Auge zu sehen... nicht umsonst geht er trotzdem immer jeden Morgen mit seiner Aktentasche aus dem Haus, und sitzt auf einer Parkbank seine Zeit ab... seine Frau, sein Umfeld soll nicht´s von dieser Schande erfahren...
Und dann eben Taguchi Hiro... ein Hikikomori.... ein Junge, der sich in seinem Zimmer einschließt, beinahe jeglichen Kontakt zur Außenwelt abbricht... der sich dem Leistungs- bzw. Anpassungsdruck in der Gesellschaft nicht mehr gewachsen sieht...
 
Unfassbar, wenn man bedenkt wie weit verbreitet diese "Krankheit" in Japan ist.... lt. Anmerkung in diesem Buch liegt die genau Anzahl der Hikikomori`s im Dunkeln, Schätzungweise handelt es sich aber um 100.000 bis 320.000 Jugendliche, die davon betroffen sind.....
 
Was der Verlauf dieser Geschichte für diese beiden Mensch noch  bereit hält, ist noch ungewiss..... auf jeden Fall, hat ihr Zusammentreffen ihr Leben grundlegend verändert... soviel steht schon mal fest....
 

Verlag: 
Klaus Wagenbach
Auflage: 
3. Auflage 2012
ISBN: 
978 3 8031 3241 3

Kommentare

Jemanden zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer. Jemanden zu begegnen bedeutet, Teil seines Gewebes zu werden, und dies galt es zu vermeiden.
 
Zitat S. 9
Wenn ich an jenen ersten Freigang. Denn so muss sich ein Gefangener fühlen, der mit vergittertem Blick seine Zelle mit sich herumträgt, genau weiß, er ist nicht frei. Als wenn ich an jenen ersten Freigang zurückdenke, dann kommt es mir vor, als ob ich mich, eine Figur aus einem Schwarzweißfilm, inmitten einer bunten Szenerie bewegt hätte. Ringsherum schrien die Farben. Gelbe Taxis, rote Briefkästen, blaue Werbetafeln. Ihre Lautstärke betäubte mich.

Der Wunsch, wieder Kind zu sein. Wieder aus Augen zu schauen, die staunen. Ich meine, es sind meine Augen, die zuallererst krank geworden sind. Mein Herz ist ihnen lediglich nachgefolgt. Und so saß ich in viel zu dünnem Gewand. Noch dünner die Haut, unter der ich fröstelte.

Er war da, hatte in mir Platz genommen, war eine Person, über die ich sagen konnte: Ich erkenne sie wieder.

Das Feuer der Hölle ist kein wärmendes Feuer.
Ich erfriere daran.
Kein Ort ist so kalt wie diese brennende Wüste.

In der Frima hatte ich begonnen aufzufallen. Zehn junge Köpfe. Darunter ich, ein grauer. Zwanzig Hänge. Darunter meine, zu langsam. Ich fiel auf als einer, der verfiel. Sogar beim Trinken nach der Arbeit hatte ich nachgelassen. Während die anderen tranken, bis sie umkippten, trank ich bloß die Hälfte und kippte trotzdem um..... Man vermeidet es, das Wort alt in den Mund zu nehmen. Doch es rutscht einem raus, gerade dann, wenn es nicht passt. Und unpassend ist man selbst, irgendwie passt man nicht länger hinein.

Die Lüge hat ihren Preis. Einmal gelogen, findet man sich in einem anderen Raum. Man lebt unter einem Dach, hält sich in denselben Zimmern auf, schläft im selben Bett, wälzt sich unter einer Decke. Die Lüge aber frisst sich mitten hindurch. Sie ist ein Graben. Unüberbrückbar. Sie macht, das ein Haus in zwei Teile zerfällt. Und wer weiß, ob es sich mit der Wahrheit nicht ebenso verhält?

Nicht aus Traurigkeit weinte sie. Sie weint, um eine klarere Sicht auf die Dinge des Lebens zu erlangen. Die Augen, aus ihrem Mund klingt das wie eine neue oder gerade erst wiedergefundene Weisheit, seien die Fenster, aus denen die Seele schaut.

Ich habe einmal sagen hören, dass der erste gemeinsame Morgen von bleibender Gültigkeit ist. Er ist eine Festlegung. Er legt fest, wer als erster aufsteht, wer Kaffee macht, wer das Frühlstück zubereitet. Kyoko hätte genauso gut im Bett bleiben können, sich wegdrehen und murren: Kauf dir unterwegs irgendwas. Das Entscheidende daran, was mir, im Türspalt stehend, den Atem nahm: Ich hätte sie darum nicht weniger geliebt.

Hätte ich. Wäre ich. Es gibt nichts Trostloseres als den Konjunktiv der Vergangenheit. Die Möglichkeiten, die er andeutet, sind keine, die sich erfüllen werden, und trotzdem oder deshalb bestimmen sie die eingetretene Wirklichkeit.

Ich wurde siebzehn. Dann achtzehn. Der Druck wuchs. Ich würd ihm standhalten. Die Zähne zusammenbeißen und denken: Das ist Erwachsenwerden. Die Dinge, so wie sie sind, zu überstehen und sie selbst dann, wenn man sich nicht von ihnen erholt, für überstanden zu halten.

Wer in einem Lachen nicht anderes als ein Lachen hört, der ist taub, ich sage, tauber noch als taub.

mmmhhh.... grummel, grummel.... bin schon fertig..... schade, viel zu kurz war diese Geschichte.
 
Ein wirklich empfehlenswertes Buch von einer sehr begabten Autorin.
Milena Michiko Flasar schreibt in einer wunderbaren Sprache. Zwar ein sehr starker Kontrast zu Thomas Mann`s Zauberberg, den ich im Vorfeld gelesen habe, aber ebenso fesselnd und vereinnahmend. Ihr Stil ist präzise, die Wortwahl sehr reduziert.... was aber auf gar keinen Fall abwertend klingen soll. Ganz im Gegenteil, genau das macht diesen Roman aus.
Melancholie und Ruhe schwingen in jedem Satz mit.... verleihen dem ganzen Roman das gewisse Etwas. Und auch der Inhalt..... sehr packend, sehr berührend.... sehr bedrückend....
Mit viel Feingefühl erzählt sie von diesen beiden Menschen.... ein jeder für sich am Rande seiner selbst, ein jeder einsam und allein...... Fr. Flasar lässt uns ganz tief in diese Menschen blicken, lässt uns teilhaben an deren Vergangenheit und Gegenwart...... dann natürlich auch das Aufeinandertreffen, die Veränderung die dardurch entsteht..... zwei hilflose Menschen, die sich unbewusst doch an der Hand nehmen.... und einen Weg beschreiten, dessen Ziel (ich will hier nicht zuviel verraten) mich als Leser teils zwar aufatmen, aber auch verstummen lässt....