Hunger, Hunger

9783781723818.jpgEigentlich wollte Isabelle nur ein paar Kilo abnehmen. Sie findet sich einfach viel zu fett. Und je weniger sie isst, desto mehr nimmt sie ab. Was für ein Glücksgefühl das ist! Aber irgendwann verliert Isabelle die Kontrolle. Sie gerät in einen Teufelskreis von Hungerperioden und Fressattacken.
Isabelle hat Bulimie, aber sie will nicht wahrhaben, dass sie krank ist. Erst als sie erwischt wird, wie sie für eine ihrer Fressorgien im Supermarkt klaut, findet sie die Kraft, sich helfen zu lassen. In der Therapie findet sie Menschen, die sie verstehen und Isabelle fühlt sich aufgehoben und sicher. Aber der Weg zurück zu einem normalen Essverhalten ist lang und schwer.

Meine Gedanken zum Buch: 

Und wieder hat es ein Buch auf die Liste meiner absoluten Lieblingsbücher geschafft. „Hunger, Hunger“ hat all meine Erwartungen übertroffen und mich von den ersten Seiten an überrascht. Das war mit Abstand das beste Buch über Magersucht bzw. Bulimie, was ich bis jetzt gelesen habe. Höchstwahrscheinlich ist das auf Isabelle zurückzuführen, die den Leistungsdruck in ihrer Familie und ihren täglichen Kampf gegen diese schlimme Krankheit in Tagebuchform schildert, was alles viel realistischer erscheinen lässt.
Manche Tagebucheinträge waren für mich richtig verwirrend, zum Teil auch verstörend, was meiner Meinung nach richtig gut zum Buch passt. So hatte ich oft das Gefühl, dass ich nicht das Buch, sondern selbst das Tagebuch in der Hand halte.
Was Bulimie angeht, habe ich wieder einiges dazugelernt und konnte Seite für Seite mitverfolgen, wie alles beginnt, also was der Auslöser sein kann und wie man dann schließlich diese Krankheit in langwierigen Schritten besiegen kann.
Bei vielen Tagebucheinträgen hat Isabelle zwei Jahre später manche Erlebnisse kommentiert oder auch welche neu dazugeschrieben, sodass man wirklich einen vollständigen Einblick in diese schwierige Zeit bekommt.
Ich würde dieses Buch auf jeden Fall weiterempfehlen. Es könnte besonders denen gefallen, die sich mit dem Thema Magersucht bzw. Bulimie beschäftigen oder gerne über die Schicksale von Jugendlichen lesen. „Hunger, Hunger“ ist ein tolles Buch, das einen besser verstehen lässt, warum manche Menschen an dieser Krankheit leiden.

Dieser Abend liegt jetzt lange zurück. Aber ich kann mich so gut an ihn erinnern, als wäre es gestern gewesen.
Ich wollte lieb sein, wollte den anderen gefallen und mich unauffällig verhalten. Ich war ständig hin- und hergerissen: essen oder nicht essen - fressen und kotzen. Ich dachte, ich hätte den Teufel in mir, der versucht, mich vom Bösen zu überzeugen.
Als Pia mich ansprach: "Schön, dass es dir schmeckt, Isa", wusste ich nicht, ob sie das ehrlich meinte oder ob sie mich auf den Arm nahm.
Ich fühlte mich wie gefangen in einem Alptraum, aus dem ich rausmusste. Aber wie?
Ich wollte nicht, dass die anderen merkten, dass mit mir was nicht simmt. Deshalb log ich. "Ich glaube, irgendetwas an dem Essen war nicht in Ordnung", und rannte zum Klo.
Ich erbrach alles.
Als ich zum Tisch zurückkam, schauten mich die anderen fragend an.
"Jetzt geht es mir wieder gut! Ich glaube, ich habe irgendetwas im Essen nicht gut vertragen."
Meine gute Laune war aufgesetzt und verlogen. Ich verspürte in mir brennende Panik, dass ich nach dieser schlimmen Fressattacke wieder zugenommen haben könnte.

Seitenangabe für Zitat1: 
72

Keiner merkt, wie es mir wirklich geht. Ich will allein sein. Und ich bin allein. Ich gehöre da nicht mehr hin. Ich gehöre nur noch meiner Fresserei. Ich bin gefangen. Und gleichzeitig will ich vom Fressen weg. Doch dann habe ich nichts mehr. Das Fressen, vor allem das Kotzen danach, ist schon fast mein Freund.

Seitenangabe für Zitat2: 
78

"Ich wurde immer von allen unter Druck gesetzt. Ich wurde immer nur klein und lächerlich gemacht. Und irgendwann fühlte ich mich dann auch so. In der Schule wurde ich immer nur als Pummelchen gehänselt. Und dann wurde ich irgendwann so wütend auf mich und auch auf die anderen, dass ich mein Leben komplett ändern wollte."
"Ist an diesem Punkt deiner Entscheidung irgendetwas passiert?", will Frau Klaasen wissen.
Ich überlege lange. Frau Klaasen wartet.
"Ja, eine Woche vorher hatten wir eine schwere Mathearbeit geschrieben. Ich hatte die beste Note der Klasse, eine Zwei minus. Abends habe ich meinem Vater ganz stolz die Arbeit gezeigt."
Ich muss schon wieder weinen.
Frau Klaasen wartet. Sie legt ihre Hand auf meine und reicht mir ein Taschentuch zum Tränenabwischen.
"Und wie hat dein Vater reagiert?"
"Er war so gemein", schluchze ich. "Er hat sich weggedreht und gesagt: Anna schreibt in Mathematik immer nur glatte Einsen, nimm dir ein Beispiel an ihr."

Seitenangabe für Zitat3: 
122
Verlag: 
Klopp
Auflage: 
2. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3781723818 / ISBN-10: 378172381X