Hinter dem Schlaf

Hinter_dem_Schlaf_0.jpgAntje Wagners Roman markiert die feine Grenze, die die vertraute Wirklichkeit von der irrlichternden Sphäre dahinter trennt. Und er zeigt, dass diese Grenze in der Liebe überschritten werden muss. Die Geschichte beginnt mit einer Verstörung: Patrick, der Hals über Kopf aufgebrochen war, nachdem ihm seine Frau Marit die Koffer vor die Tür gestellt hatte, findet sich in einem schlammverkrusteten Auto vor einer Zapfsäule wieder – und ist allein. Dabei war doch gerade noch Anne bei ihm, die mädchenhafte Forscherin, in deren Haus er die letzten Wochen gewesen und mit der er von dort weggefahren ist. Während er eine Nacht an der Tankstelle verbringt und hofft, dass Anne zu ihm zurückkehrt, erinnert er sich an die gemeinsame Zeit in der Einsamkeit. Er hat sich bei seinem Bemühen, Zugang zu ihr zu finden, merklich verändert, und er ahnt, dass diese Veränderung noch nicht abgeschlossen ist. Als er sich am nächsten Morgen auf die Suche macht, ist er entschlossen, die verlorene Liebe wieder zu finden. Dabei gerät er in eine Geschichte, die ihm merkwürdig bekannt vorkommt. Er trifft auf eine Frau, von der er schon gelesen hat – und zwar in Annes Haus. Und er meint sich zu erinnern, dass er selbst auch in dieser Geschichte vorkam. Mit sprachlichem Feingefühl und subtiler Psychologie zieht Antje Wagner den Leser in die spannungsvollen Verhältnisse der Liebe, des Begehrens und der Selbstaufgabe.

Meine Gedanken zum Buch: 

Antje Wagner hat ein Buch über die Liebe geschrieben, eine Geschichte, in der zwei Menschen sich kennenlernen, wieder verlieren und immer wieder neu entdecken müssen, indem sie scheinbar unüberwindbare Hürden meistern.
Die bildreiche Sprache steht für mich in einem direkten Kontrast zur Distanz zu den Figuren, die ich während des Lesens fast ständig verspürte. Die Kälte des Handlungsortes setzt sich für mich direkt in meinen Empfindungen fort, nistet sich als unangenehmes Gefühl in meinem Magen ein und lässt sich durch einen Ausflug in eine reale, greifbare Welt nur kurz vertreiben.
Alles in allem ein wortgewaltiges Buch, das man allen empfehlen kann, die Sinn für schöne Sprache haben und damit umgehen können, wenn die Protagonisten die Grenzen der Realität überschreiten.

Langsam ging er zur Tankstelle zurück. Durch die Scheibe schaute er in den Laden, der noch immer leer war. Nur der Ventilator bewegte sich. Er ging zum Auto und sah sich einen Moment von außen. Ein Fremder. Ohne Beziehung zu sich selbst. Er sah sich, wie man Schnappschußfotos betrachtet: einen verwischten Mann, der durchs Spätnachmittagslicht. Wie er die Fahrertür öffnet. Wie der Wagen ihm sein leeres Inneres präsentiert.

Seitenangabe für Zitat1: 
12

"Pierre!"
"Ich ... bin ... nicht ... Pierre!"
"Was erzählen Sie da?"
"Damals ... als ich hier ankam ... da hatte ich mich verfahren ... ich kannte Sie nicht ... weder sie noch das Haus."
"Unser Haus", unterbrach sie.
"Ich hab Sie noch nie hierher zurückgebracht."
"Das erzählen Sie mir jedesmal, wenn wir zurück sind. Daß Sie mich nicht kennen. Und jedesmal habe ich anst, daß Sie ... eines Tages kein Interesse mehr haben, mich kennenzulernen."

Seitenangabe für Zitat2: 
147
Verlag: 
Kiepenheuer & Witsch
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3462036138