Herr Lehmann

Er hat ein schönes Leben - meint Herr Lehmann. Frank Lehmann wird nur noch Herr Lehmann genannt, seit sich herumgesprochen hat, dass er bald dreißig Jahr alt werden würde. Plötzlich, kurz vor diesem dreißigsten Geburtstag, bricht eine unvorhergesehene Störung nach der anderen in seinen heißgeliebten Alltagstrott. Nicht nur, dass er sein angestammtes Revier gegen einen wurstförmigen Hund verteidigen muss, auch seine Eltern aus der Provinz drohen ihn heimzusuchen. Außerdem trifft er auf eine Frau, der es gelingt, ihn zu einem Besuch des Prinzenbads zu verführen und in emotionale Verwirrung zu stürzen.

Meine Gedanken zum Buch: 

Sven Regener macht mit seiner Band "Element of Crime" nicht nur tolle Musik mit ebensolchen (oft melancholischen) Texten, er ist auch ein ausgezeichneter Autor. Mit Herrn Lehmann hat er eine absolut authentische Figur geschaffen, in der sich die eine oder der andere zumindest teilweise wiedererkennen wird.
Die philosophischen Abschweifungen zum Beispiel über Themen wie Lebensinhalt und den allgemeinen Zwang  „mehr aus sich zu machen" stimmen nachdenklich und sind dabei doch sehr unterhaltsam. Herr Lehmann ist ein überaus sympathischer Held des Alltags, von dem man lernen kann, die Dinge gelassener zu sehen.

Der Hund knurrte noch lauter und verdrehte seinen Kopf so, dass die Augen rotglühend schimmerten. Es ist bloß die Netzhaut, beruhigte sich Herr Lehmann, es ist bloß die blöde Netzhaut, er hat den Kopf verdreht, und jetzt fällt das Licht so in seine Augen, dass es von der Netzhaut in meine Richtung reflektiert wird, dachte er, es ist die Netzhaut, die ist rot, Karotin, Vitamin A und so Zeug, das ist ja bekannt, dass das gut für die Augen ist, dachte er, er hatte daran eine dunkle Erinnerung aus seiner Schulzeit, er war immer gut in Biologie gewesen, aber das war nun auch schon lange her, Biologie, dachte Herr Lehmann, Biologie hilft jetzt auch nicht mehr weiter, ich muss hier weg, und es erfüllte ihn ein nie zuvor gekanntes Verlangen nach seinem Zuhause, einer Eineinhalbzimmerwohnung in der Eisenbahnstraße, wo seine Bücher und sein leeres Bett auf ihn warteten, keine hundert Meter entfernt von der Stelle, an der jetzt ein völlig fremder Hund sein Leben bedrohte.

Seitenangabe für Zitat1: 
8

Herr Lehmann lag neben ihr und rauchte eine Zigarette. Eigentlich mochte er keine Zigaretten, ihm wurde davon immer schwindelig, aber das war jetzt egal, schwindelig war ihm sowieso schon, und sie rauchte auch eine Zigarette, und wenn er auch eine rauchte, dann hatten wenigstens seine Hände was zu tun und fummelten nicht unaufhörlich an ihrem nackten Körper herum, denn genau das hätten sie sonst getan in diesem Moment, und sei es nur deshalb, weil er es so unglaublich fand, jetzt nackt neben ihr zu liegen, dass er sich dessen eigentlich permanent vergewissern musste.

Seitenangabe für Zitat2: 
140

"So nicht", sagte sie und schaute ihm wütend in die Augen. Über ihrer Nasenwurzel bildeten sich zwei senkrechte Falten, die bekam sie immer, wenn sie wütend war, und Herr Lehmann liebte diese diese beiden Falten, aber für diese Art Gefühle war im Moment keine Verwendung.

Seitenangabe für Zitat3: 
239
Verlag: 
Goldmann Verlag, München
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
3-442-45684-3