Fräulein Else

Else ist mit reicher Verwandschaft in den Urlaub gefahren. Dort erreicht sie ein Expressbrief: eine gewisse Summe an Geld muss ihrem Vater schnellstmöglich überwiesen werden, oder es droht Bankrott und schlimmer: Gefängnis, Entehrung.
Else soll den reichen Herrn von Dorsday im Urlaub bitten, das Geld zu leihen. Dieser erklärt sich bereit-- unter einer Bedinung die Else so abscheulich vorkommt, dass sie verzweifelte Mittel anwendet.

Meine Gedanken zum Buch: 

Schnitzler schreibt unglaublich einfühlsam über den Gefühlstumult einer 20-jährigen jungen Frau aus gutem Hause zur k.u.k Zeit. Die Stilform des inneren Monologes lässt einen tief in den Charakter des Fräulein Else einblicken, so wirkt ihr ganzes Hadern und ihre Bedenken und schließlich ihre Verzweiflung noch realer als vielleicht bei einem auktorialen Erzähler.
Ich las das Buch zum ersten Mal kurz nach der Matura und seitdem immer wieder-- diese Novelle bleibt stets fesselnd und man entdeckt jedes Mal mehr an der Geschichte und der Schreibweise. Der Text an sich fasst gerade mal 120 Seiten-- ein weiteres Argument um diese Novelle zu lesen, denn es gibt nicht viele klassische österreichische Schriftsteller die sich so kurz und prägnant halten.
Ich bin jedes mal aufs Neue überrascht und berührt von dem Text, und wie bei Romeo und Julia wünscht man sich insgeheim, dass es diesmal gut ausgeht.

    Die Luft ist wie Champagner. In einer Stunde ist das Diner, das "Dinner". Ich kann Ciyy nicht leiden. Um ihr Mäderl kümmert sie sich überhaupt nicht. Was zieh' ich an? Das blaue oder das schwarze? Heut' wär vielleicht das schwarze richtiger. Zu dekolletiert? Toilette de circonstance heißt es in den französischen Romanen. Jedenfalls muß ich berückend aussehen, wenn ich mit Dorsday rede. Nach dem Dinner, nonchalant. Seine Augen werden sich in meinen Ausschnitt bohren. Widerlicher Kerl. Ich hasse ihn. Alle Menschen hasse ich. Muß es gerade Dorsday sein? Gibt es denn wirklich nur diesen Dorsday auf der Welt, der dreißigtausend Gulden hat? Wenn ich mit Paul spräche? Wenn er der Tante sagte, er hat Spielschulden, - da würde sie sich das Geld sicher verschaffen können.-
    Beinahe schon dunkel. Nacht, Grabesnacht. Am liebsten möcht' ich tot sein. -- Es ist ja gar nicht wahr. Wenn ich jetzt gleich hinunterginge, Dorsday noch vor dem Diner spräche? Ah, wie entsetzlich! -- Paul, wenn du mir die dreißigtausend verschaffst, kannst du von mir haben, was du willst.

Seitenangabe für Zitat1: 
60
Verlag: 
Fischer Taschenbuch Verlag
Auflage: 
19. Auflage
ISBN: 
ISBN 978-3-596-29102-1

Kommentare

schliesst Schnitzler in all seinen Charakteren aus.
Unterschiede bestehen hauptsächlich aus dem Vermögen dieselbe besser oder schlechter darzustellen und in das enge Korsett der Gesellschaft des Fin de siècle zu pressen. Auch Fräulein Else würde gerne, kann und wagt es jedoch nicht aus sich herauszugehen.
Und dann gibt es da noch die echten Schlitzohren und Falschspieler.
Wo ist der Unterschied zu heute? Das Niveau des gewohnten und ungewohnten mag sich verschoben haben, auch die Mittel und Methoden der Selbstdarstellung, die Akteure jedoch spielen zu jeder Zeit auf der selben Bühne der oberflächlichen Moral.
 

Lesestatus... gestern nur mehr ein paar Seiten mit Fräulein Elese verbracht, weil ich mich irgendwie bei den Gedichten verzettelt hab... aber heute geht`s so richtig los. "Fräulein Else" ist im inneren Monolog geschrieben... anfangs ein bissl ungewöhnlich, aber das wird schon noch...

S. 49: Vorgestern im Wald, wie wir so weit voraus waren, hätt`er schon etwas unternehmender sein dürfen. Aber dann wäre es ihm übel ergangen. Wirklich unternehmend war eigentlich mir gegenüber noch niemand. Höchstens am Wörthersee vor drei Jahren im Bad. Unternehmend? Nein, unanständig war er ganz einfach. Aber schön....

S. 95: Niemals. Nie werde ich mich verkaufen. Ich schenke mich her. Ja, wenn ich einmal den Rechten finde, schenke ich mich her. Aber ich verkaufe mich nicht. Ein Luder will ich sein, aber nicht eine Dirne.

so, beendet.... eine sehr interessante Geschichte mit vielen Seiten. Schnitzler hat dieses Werk ja in der Form des inneren Monologes geschrieben -so ist man als Leser quasi direkt an der Front ;-)wink Eleses Gedanken bringen mich oft zum Schmunzeln, obwohl ja auch viel Ernst in dieser Sache liegt.... der Vater hat Mündelgelder veruntreut und steckt nun bis zum Hals in Schulden.... und an der Tochter ist es nun, diese Suppe auszulöffeln.... käme alles an die Öffentlichkeit, wäre ein Skandal vorprogrammiert... drum muss rasch Geld her... woher, ist auch schon klar... nur womit wohl keiner gerechnet hätte, ist die Bedingung, die der nobel Spender stellt: "eine Viertelstunde die Schönheit der nackten Else betrachten..... was sich da in Elses Kopf abspielt, man kann es sich denken. Obwohl die junge Dame bei weitem ja nicht so schüchtern und ruhig ist, wie ich es zu Anfang vermutet hätte (oh nein, sie hat`s schon faustdick hinter den Ohren....erkennt man auch schon an den vorhergegangenen Zitaten...) ist sie mit dieser Situation komplett überfordert... hadert mich sich, mit der Ehre der Familie, mit ihrem eigenen Ruf, mit der eigenen Scham... einfach mit allem.... ihren Gedanken beizuwohnen ist ein sehr turbulentes Erlebnis... oft auch recht verwirrend... sie über schlagen sich ja nahezu... einmal ist sie in der Realität... dann flüchtet sie sich wieder in eine andere Welt. Dies macht die kurze Geschichte abschnittsweise oft auch ein bisschen langatmig.... aber egal....auf jeden Fall leidet man als Leser mit ihr und auch wenn man es nicht wahr haben will, das Ende ist schon sehr früh klar und kann für Else leider nur eines bedeuten: ihren Untergang!!!