Erzähler der Nacht

Der weit gereiste Kutscher Salim ist und war der beste Geschichtenerzähler von Damaskus. Tag für Tag treffen sich Nachbarn, Freunde und Verwandte in seinem kleinen Haus und lassen sich von seiner Stimme und seinen wahrhaftig einzigartigen Erzählungen verzaubern. Nun befinden wir uns in Damaskus, im Jahre 1959, und der Kutscher ist inzwischen alt und verwitwet. Man spürt den zunehmenden Einfluss westlicher Traditionen in Syrien und langsam beginnt auch das Transistorradio, die Kaffeehäuser zu erobern. Davon lässt sich der alte Salim aber nur wenig beeindrucken und immer noch kommen jeden Abend seine sieben besten Freunde zu Besuch, um seinen Geschichten zu hören. Sie sind zwar alle ungefähr gleich alt – so um die siebzig – aber dennoch könnten die Freunde nicht unterschiedlicher sein: Da ist Ali, der schweigsame und gutmütige Schlosser; ein Berg von einem Mann, der nicht gern redet, sondern viel lieber nur zuhört. Er ist schon seit der Kindheit Salims bester und treuster Freund. Dann gibt es Mehdi, den Geografielehrer, der immer alles besser weiß und deshalb nicht sehr viele Freunde hat. Alle nennen ihn immer noch „den Neuen“ nennen, obwohl er inzwischen schon seit acht Jahren zur Gruppe gehört. Musa ist ein kleiner, fülliger Friseur; er ist zwar sehr arm aber nicht desto weniger elegant. Er ist der einzige unter den alten Männern, der sich auch mit seinen siebzig Jahren noch immer die Haare rabenschwarz färbt. Der manierliche Faris war früher einmal, kurz nachdem Syrien die Unabhängigkeit erlangt hatte, für kurze Zeit Finanzminister gewesen und ist der vornehmste Teilnehmer der allabendlichen Treffen, daher sein Spitzname „der Rote Pascha“. Tuma wird von seinen Freunden immer noch liebevoll „der Auswanderer“ genannt, obwohl er inzwischen schon vor über zehn Jahren zusammen mit seiner ausländischen Frau wieder aus Amerika nach Syrien zurückgekehrt war. Junis hatte früher ein gut besuchtes Kaffeehaus – der Treffpunkt für die besten Geschichtenerzähler aus dem ganzen Land. Seit sein Sohn jetzt aber das Lokal in eine moderne Bar umgewandelt hatte, trifft man sich jetzt lieber bei Salim. Und dann ist da noch der schmächtige Isam, der 24 Jahre im Gefängnis verbracht hatte – für einen Mord, den er nicht begangen hatte. Erst drei Jahre vor seiner Entlassung, konnte der wahre Übeltäter gefasst werden. Abend für Abend treffen alle sieben bei Salim ein, um Tee zu trinken, Wasserpfeife zu rauchen und natürlich um Salims Erzählungen zu lauschen. Doch eines Tages hat Salim einen merkwürdigen Traum. Seine mit ihm gealterte Fabulier- fee erscheint ihm, um ihm mitzuteilen, dass sie ihn verlassen wird, um in den Ruhestand zu gehen. Da sie den Kutscher aber schon so viele Jahre begleitet hatte und ihn auch besonders sympathisch findet, hat sie sich mit dem Feenkönig darauf geeinigt, Salim doch noch eine Chance zu geben: Wenn es ihm gelingt, innerhalb von drei Monaten sieben einzigartige Geschenke zu erhalten, will der König Salim eine neue, junge Fee schicken, die ihm fortan beim Erzählen hilft. Scheitert Salim jedoch, dann wird er sein Leben lang stumm bleiben und nie mehr eine Geschichte erzählen können. Die Fabulier-Fee schenkt ihm nun noch einundzwanzig Worte, die er benutzen darf, bevor er endgültig seine Stimme verliert. „Nur noch einundzwanzig Worte?“ fragt Salim ungläubig – worauf die Fee antwortet „Jetzt sind es nur mehr achtzehn!“ Am nächsten Tag gelingt es Salim, den sieben Freunden mit nur achtzehn Worten seinen Traum zu beschreiben. Danach versagt seine Stimme.
Anfangs glauben sie noch, Salim würde nur spielen und sie zum Narren halten wollen; sie versuchen alles Mögliche, ihm einen Ton zu entlocken, aber vergebens. Die Freunde überlegen nun, wie sie Salim helfen können. Welche einzigartigen Geschenke sollen sie Salim darbringen, um ihn zu heilen? Sie laden ihn zum Essen ein, kredenzen ihm sieben hervorragende Weine und sieben ausgesuchte Parfums. Selbst eine ausgedehnte Reise durch sieben Städte und über sieben Berge hilft nicht. Endlich, acht Tage vor Ablauf der Frist, kommen die Freunde auf die Idee, Salim als einzigartiges Geschenk die schönsten Geschichten vorzutragen, die sie kennen. Reihum soll nun jeder einzelne von ihnen einen Abend ganz für sich haben, um der kleinen Gruppe – und insbesondere dem alten Salim - eine ganz besondere Geschichte vorzutragen. Keiner will der erste sein, also soll das Los entscheiden, wer dran ist. Und so werden nun von den sieben verschiedenen Freunden die verschiedensten Geschichten über deren Leben und Vergangenheit vorgetragen und jeder Erzähler bemüht sich, seinen Vorredner zu übertreffen. Am letzten Tag ist Ali, der wortkarge Schlosser, an der Reihe. Doch er erzählt seine Geschichte nicht selbst, er glaubt, das nicht zu können. Er bringt also seine Frau Fatima mit und lässt sie an seiner Stelle erzählen. Für die anderen Teilnehmer ein unerhörter Regelverstoß, doch Salim will die Geschichte der Frau letztendlich hören. Also erzählt Fatima von ihrer Herkunft. Als sie geendet hat, ruft Salim »So eine Geschichte habe ich noch nie im Leben gehört! « – und hat die Sprache wieder gefunden.

Meine Gedanken zum Buch: 

Ein wunderschönes Erzählbuch von Rafik Schami, zugleich ein Märchen, welches einem den Orient in seiner schönsten Art nahebringt.

Verlag: 
Beltz & Gelberg
Auflage: 
11. Auflage
ISBN: 
3-407-80038-x