Erklärt Pereira

Herr Pereira ist Witwer, hat Übergewicht, Herzprobleme, schreibt für seine Zeitung schöne Nachrufe auf Künstler und isst jeden Mittag sein Kräuteromlett in seinem Lieblingslokal, bis ihn der Kellner fragt. >O, Herr Pereira, in welcher Welt leben Sie denn?< Es ist das Jahr 1938, Diktatur in Portugal, Menschen verschwinden einfach so, und endlich wacht Herr Pereira auf und sieht hin. Ein Roman über die alte Frage, ob man sich anpassen oder auflehnen soll, wie weit die Angst reicht und wo die Scham beginnt. Und erst jetzt ist Pereiras Leben diesen Namen wert, vorher, sagt er, war es nur die Illusion eines Lebens.

Meine Gedanken zum Buch: 

Antonio Tabucchi ist eigentlich Italiener, lebt in der Toskana, aber auch in Portugal - daher seine Affinität zu allem Portugiesischen. Er liebt dieses Land, das spricht aus seinen Worten, mit denen er es beschreibt. Allein der Stimmung wegen ist es einfach ein schönes Buch, eine Art Reiseführer, der einen ins heiße Portugal versetzt.
Und doch passt diese so schön und friedlich beschriebene Umgebung so gar nicht zum eigentlichen Tenor des Buches, nämlich die Frage, ob man sich anpassen oder auflehnen soll - gegen was auch immer. Hier ist es die politische Unterdrückung, aber die Frage stellt sich mindestens einmal im Leben eines jeden Menschen, wenn auch die jeweiligen Konsequenzen unterschiedlich stark sind. Und gerade Deutschland hat es in jüngerer Geschichte mindestens zweimal miterleben können.
Dennoch, so ernst das Thema auch ist, Tabucchi gelingt es sich dieser Frage ohne Anlage zu nähern, er lässt Pereira einfach erklären und jeder Leser kann sich sein eigenes Urteil bilden.
 

Pereira erklärt, er habe ihn an einem Sommertag kennengelert. An einem sonnigen, wunderschönen Sommertag, an dem eine leicht Brise wehte und Lissabon strahlte. Pereira scheint sich in der Redaktion aufgehalten zu haben, er wusste nicht, was er tun sollte, der Herausgaber war auf Urlaub, und er befand sich in der unangenehme Situation, die Kulturseite zusammenstellen zu müssen, denn mittlerweile besaß die Lisboa eine Kulturseite, und ihm hatte man sie anvertraut. Und er, Pereira, dachte über den Tod nach. An diesem schönen Sommertag, trotz der Brise vom Atlantik her, die über die Wipfel der Bäume strich, und trotz der strahlenden Sonne und der Stadt die unter seinem Fenster funkelte, buschstäblich funkelte, und eines Blaus, eines, erklärt Pereira, noch nie gesehnen Blaus, das so klar war, dass es fast in den Augen weh tat, begann er an den Tod zu denken. Warum? Das vermag Pereira nicht zu sagen.

Seitenangabe für Zitat1: 
1
Verlag: 
Carl Hanser Verlag München/Wien 1995
Auflage: 
Lizenzausgabe für Brigitte-Edition
ISBN: 
3-570-19527-9