Eine Nacht in Bari

Eine_Nacht_in_Bari.jpgCarofiglios Liebeserklärung an seine Heimat

Nach zwanzig Jahren alte Freunde wiederzutreffen, ist ein merkwürdig beklemmendes, aber auch ein sehr schönes Ereignis. Nachts ist es immer ein ganz besonderes, vor allem in Bari. Da verwandelt sich die Provinzhauptstadt Apuliens in ein unwirkliches Kino des Gedächtnisses, in dem Gegenwart und Vergangenheit, Erinnerungen und Einbildung sich vermischen – und aus dem Mann, der sich keiner Illusion mehr hingeben will, wird wieder der drängende Student, der meint, dass im Leben alles möglich ist.

Meine Gedanken zum Buch: 

Giampiero, Paolo und der Ich-Erzähler, von dem wir annehmen dürfen, dass es sich tatsächlich um den Autor handelt, treffen sich nach vielen Jahren wieder, um einen Abend lang einen drauf zu machen. Und zwar in ihrer gemeinsamen Heimatstadt Bari, so wie die ehemals besten Freunde auch in den 80ern die Szene dort unsicher gemacht haben. Den Auftakt der Sause bildet ein fulminantes Abendessen, bei dem sich eigentlich keiner so richtig wohl fühlt. Bei der Beschreibung der Leckereien, die da auf den Tisch kommen, läuft allerdings dem Leser auf jeden Fall das Wasser im Mund zusammen!
Auf der nächtlichen Fahrt durch die Straßen der Stadt, die sich im Laufe der Jahrzehnte massiv verändert hat, werden Kindheits- und Jugenderinnerungen wach, aber auch alte Aggressionen keimen wieder auf. Und genauso, wie die Fassaden der Stadt abgebröckelt sind, stürzen auch mit der Zeit die Schutzwälle der drei Männer ein, lassen uns hinter die nach aussen hin so glanzvolle Kulisse jedes einzelnen blicken.
Carofiglio zeigt uns die zwei Gesichter einer Stadt mit der nächtlich verwaisten Altstadt, dem Glanz der aktuellen Lokalszene, der zerbröckelten Eleganz der Vergangenheit, der Armut der vielen afrikanischen Einwanderer, der Luxuseinkaufsmeile und der Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen, die keine Zukunftsperspektive haben.
Der Autor zeichnet ein liebevolles Bild seiner Heimatstadt mit ihren hellen und dunklen Seiten, genauso lässt er uns an seiner Vergangenheit teilhaben und seinen Zweifeln und Ängsten, die ihn im Alter von rund 50 Jahren beherrschen.
Ein beeindruckender und berührender Ausschnitt aus Carofiglios Biografie, ein buntes Bild der Stadt Bari  - ein Muss für Freunde guter (italienischer) Literatur!

Umsonst lesen? Das ist bestimmt ein Trick, dachte ich. Irgendwas stimmte da nicht, aber ich kam nicht dahinter, was es genau war. Ich sah Franco an und erwartete, dass er jeden Moment sagen würde: "Kleiner Scherz, haha. Natürlich habe ich keine Lust, kleine Jungs hier herumlungern zu sehen, die auch noch gratis lesen, während ich schufte." Aber Franco sagte nichts. Und so blickte ich meinen Vater an, der sicherlich in meinem Namen sagen würde: "Nein, danke wir wollen keine Umstände machen", oder etwas in der Art. Aber auch er sagte nichts, und so einigten wir uns darauf, dass ich am folgenden Nachmittag allein wiederkommen würde. Um gratis lesen zu dürfen.

Seitenangabe für Zitat1: 
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Verlag: 
Goldmann Verlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3442472772