Die Liebe am Nachmittag

Die_Liebe_am_Nachmittag.jpg»In meinem ganzen Leben habe ich von Frauen nur den Nachmittag bekommen, und wie oft hat sich auch der noch zerschlagen.« Eingehüllt in den dekadenten Hauch des untergehenden Kaiserreiches, betrachtet Mihály die Welt und sich selbst kontemplativ und abgeklärt. Sein Metier ist die Verführung, die verheiratete 5Fleurs, eine namenlose grande dame, begehrt er nur halbherzig, die Liebe der unschuldigen jungen Schauspielschülerin Iboly erduldet er nur. Mihálys Reflexionen über die Liebe, die Frauen und das Leben sind betörend, klug und berührend.

Meine Gedanken zum Buch: 

Es ist lange her, dass ich mich so an der Sprache eines Buches freuen konnte. Normalerweise hab ich immer Probleme, Zitate für die Buchpatenschaft zu finden, aus diesem Buch möchte man gleich seitenweise zitieren.
Mihály, der Lebemann, der ständig um seine Existenz kämpfen muss, betrachtet die Welt einerseits mit großer Nüchternheit und Abgeklärtheit, gleichzeitig schwelgt er in poetischen Betrachtungen der kleinsten Begebenheiten, sei es auch nur, wie sich ein Herbstblatt vom Baum löst. Nie wird die Grenze zum Kitsch überschritten, egal, wieviel Gefühl er in seine Worte legt.
Szép beschreibt die Stimmungen, egal ob die allgemeine Lage nach dem 1. Weltkrieg oder das Halbdunkel im Schlafzimmer nach einer heissen Umarmung, so dicht und greifbar, dass man das Gefühl bekommt, ganz nah dran zu sein, das alles selbst schon einmal erlebt zu haben.
Gleichzeitig malt er ein Bild der damaligen Gesellschaft mit all ihren Gegensätzen. Die gelangweilte Ehefrau eines reichen Mannes, das liebe Mädel vom Theater - klischeehaft mögen sie schon sein, die Figuren, aber nicht ohne Eigenleben. Getrieben von der Suche nach der Liebe flaniert Mihály durch Budapest, empfindet eine Leere, die auch die Menschen in seiner Umgebung nicht zu füllen vermögen. Schonungslos und mit viel Humor betrachtet er die Welt. Besonders amüsant fand ich seine Gedanken über Männer, die die 40 überschritten haben, da musste ich mehr als einmal schmunzeln.
Alles in allem eine echte Perle und ein Top-Tipp für alle, die etwas für die ungarische Literatur des beginnenden 20. Jahrhunderts übrig haben.
 

Und wir schwiegen dann, ich erinnere mich. Diese Stille ist so, als fiele Schnee in dichten Flocken, und einer kann den anderen nicht sehen. Dann bst sie um eine Zigarette und während sie si anrauchte, schweifte ihr Blick zu den Tanzenden; zwei Paare schlichen im Kreis, die übrigen saßen herum und waren miteinander beschäftigt, ein Paar stand in der Ecke am Fenster und beobachtete uns. Die Dame nahm den ersten tiefen Zug und entließ den Rauch im Staccato mit jedem Wort, mit in Rauch gehüllten Worten, ihre Augen hatten mich im Blick, aber so träge, als hätte sie mir nichts, aber auch garnichts auf der Welt zu sagen:
"Morgen Vormittag rufe ich Sie an. Wann stehen Sie auf?"

Seitenangabe für Zitat1: 
20

In dieser strahlenden herbstlichen Stille des Blätterfallens habe ich gelernt, auch ohne Glück glücklich zu sein.

Seitenangabe für Zitat2: 
88

Ich bin der Meinung, dass sich immer nur der Körper fürchtet, nicht die Seele, also nicht das Bewusstsein.
Wäre der Tod eine Katastrophe, eine Ungerechtigkeit, ein Mord, den jemand an Unschuldigen begeht, der Gedanke daran würde uns in den Wahnsinn treiben; mit einem so schurkischen Plan könnte man sich nicht abfinden.
Die Todesfurcht ist vielleicht genauso eine Notwendigkeit des Lebens und unseres Fortbestehens wie der Appetit.

Seitenangabe für Zitat3: 
217
Verlag: 
Deutscher Taschenbuch Verlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3423139427

Kommentare

Es gibt hervorragende Telefonierer. Sie sind zum Telefonieren geboren wie andere zum Klavierspielen.

Wie schön, wenn man für ein paar Minuten verloren geht, wie wenn man im Wald den Weg nicht mehr weiß.

Da, seht her, ihr armen ungarischen Poeten, was für ein anständiges, adrettes junges Mädchen, sie hinkt nicht, ist nicht einmal lungenkrank, und sie liebt Gedichte.

Bis zu meinem Vierzigsten, so dachte ich, hätte ich meinen Leichtsinn, meine Fehler und Schwächen längst hinter mir gelassen.

Zehnmal küss mich bitte sehr
Und danach noch einmal mehr.
Aber jeder süße Kuss,
Drei Minuten dauern muss.

Dieses eigenartige Paar (oder ist es doch keines?) ist sonderbar. Der Zugang zur Liebe von Alt zu Jung wird hier auf eine sehr ideale (unmögliche?) Art gelöst. Ganz im Gegenteil zu Martin Walsers "Ein liebender Mann", wo der Altersunterschied ja noch größer war. Hier begleitet der Schriftsteller Mihaly seine junge Schauspielerin eine gewisse Zeit. Platonisch inklusive Küssen - eine Traumvorstellung? Nicht für sie. Wie sie "mehr" will, ist er kurz ratlos aber er hat ein großartige Idee: "Wegloben" würde ich das nennen.
Aber es ist nicht die etwas obstruse Geschichte, die das Buch lesenswert macht. Es ist die Spontanität, die Natürlichkeit und die genaue Beobachtung der "Frauenwelt" vor 100 Jahren, die eigentlich gar nicht so unzeitgemäß ist.
Ich habe mich sehr amüsiert und danke Germana für den Tipp.

Freut mich, dass es Dir gefallen hat.
 
Wobei ich jetzt schmunzeln muss, denn für mich war das Buch eindeutig ein Einblich in die "Männerwelt" von 100 Jahren - somit liegt hier die Aussage wirklich im Auge des Betrachters Lol