Der alte König in seinem Exil

Arno Geiger schließt nochmals Freundschaft mit dem Vater; er begleitet ihn viele Jahr, versucht seine oft eigenwilligen Sätze zu verstehen, und er entdeckt, dass es in der Person des Vaters alles noch gibt, Charme, Sebstbewusstsein, Witz.

Meine Gedanken zum Buch: 

Ein äußerst liebevolles Buch. Arno Geiger nähert sich seinem Vater als Freund, obwohl der Vater ihn nicht mehr erkennt. Er ist bei ihm, schreibt bei ihm, lässt seinen Vater immer wieder teilhaben, an seinem literarischen Schaffen ("Alles über Sally"). Am liebsten würde ich noch viel mehr Zitate anführen (teilweise schon geschehen im "Lesestatus"). Oft musste ich beim Lesen an meine Großmutter denken, die das selbe Schicksal hatte. Auch wir mußten mit dem ständigen Vergessen umgehen lernen und sie weiterhin begleiten. Das war auch nicht immer leicht. Mit viel Liebe und Geduld erkennt Geiger jun. wie sehr sein Vater noch "da" ist, wunderbar wach ist. Das Ende des Buches sowie der Höhepunkt knapp nach der Mitte sind Aha-Erlebnisse und zeigen, das Arno Geiger eben ein grandioser, und bereits bewährter Schriftsteller ist. Ich bezeichne dieses Buch bereits jetzt als Buch des Jahres 2011.

Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes.

Seitenangabe für Zitat1: 
58

Ich hatt mich immer für einen verspielten Menschen gehalten, der den Weg über die Dächer nicht aufgibt.

Seitenangabe für Zitat2: 
66

Ein guter Stolperer fällt nicht.

Seitenangabe für Zitat3: 
101
Verlag: 
Hanser
Auflage: 
1.
ISBN: 
9783446236349

Kommentare

Da stimm ich voll mit ein!
Mich fasziniert an dem Buch die liebevolle Aufmerksamkeit die der Autor seinem kranken Vater schenkt. Die vielen kleinen, banalen Worte, die er niederschreibt und die plötzlich einen Sinn ergeben. Wörter, die jeder von uns vielleicht jeden Tag aufschnappt ohne darüber nachzudenken, die, ins rechte Licht gerückt plötzlich zum Zitat werden.
Die Geschichte selbst ist nicht "einmalig", sondern trägt sich so oder anders tausendfach in Österreich zu. Wenn Arno Geiger daraus ein wunderbares Buch macht spricht das für sein Geschick als Autor. Wenn wir alle so aufmerksam wären und so gut mit Wörtern und Sätzen umzugehen vermochten würde es auf dieser Welt weniger Missverständnisse und Streit geben.

Ihr habt es wunderbar zusammengefasst! Es ist ein tolles Buch, so lebensbejahend, poetisch, tröstlich!
Das Buch hat wundersamerweise viel mehr mit dem Leben zu tun, als mit dem unaufhaltsamen Ziel dieser ganzen Reise - dem Sterben. 
Auf so menschliche, warmherzige  Art und Weise bringt uns Arno Geiger den letzten Lebensabschnitt nahe, was nicht nur in Hinblick aufs eigene Älterwerden hilfreich ist, sondern auch bei der Begleitung der Eltern oder Schwiegereltern. Bei ihm sieht man, wie es gehen kann, wie man mit dieser Krankheit - Demenz umgehen kann, dass das Leben für die Betroffenen trotzdem lebenswert bleibt. Nein, viel mehr noch, dass diese Zeit sogar zu einem Gewinn wird.
Dazu habe ich auf Seite 179 ein tolles Zitat gefunden: "Das Glück, das mit der Nähe zum Tod eine besondere Dichte erhält. Dort, wo wir es nicht erwartet hätten."
 

Es ist, als würde ich dem Vater in Zeitlupe beim Verbluten zusehen.
 
Zitat Seite 178:
Es ist eine seltsame Konstellation. Was ich ihm gebe, kann er nicht festhalten.
Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest.
 
Zitat Seite 186:
Oft ist es, als wisse er nichts und verstehe alles

Ich habe das Tempo heruntergeschraubt, mit viel Ruhe und Aufmerksamkeit gelesen... dieses Buch verdient es mit jedem Wort.... so ehrlich.... so behutsam.... und auch so mutig!!!
Arno Geiger zeigt sich uns und das Leben seines Vater mit einer Offenheit, dass man als Leser nur staunen kann. Und ich glaube, er gibt auch vielen Menschen Kraft damit. Viele von uns finden sich vielleicht in der selben Situation wieder und viele von uns müssen sich vielleicht auch einmal damit auseinader setzen... man könnte es schon fast als kleinen Wegweiser bezeichnen...
Bei Zitaten wie auf Seite 116:
"Danke, ich möchte nur Dankeschön sagen. Ich bein ein armer Schlucker. Ich war auch einmal einer - ich danke dir, dass du keinen Wirbel machst, weil mit mir nichts mehr los ist."
versetzt es mir einen Stich ins Herz. An solchen Punkten merkt man erst, wie tief man in der Geschichte drin ist.....ich bin beeindruckt, berührt, betroffen.....
 
Reinhard bezeichnet es jetzt schon als Buch 2011.... ich glaube, damit hat er nicht Unrecht....
 
... Statt dessen freundeten wir uns an mit einer Unbefangenheit, die wir der Krankheit und dem Vergessen zu verdanken hatten; hier war mir das Vergessen willkommen. Alle Konflikte, die wir gehabt hatten, blieben zurück. Ich dachte mir, solche Gelegenheit kommt nicht wieder....

Ich kann mich den vorangeschriebenen Kommentaren voll anschließen. Einfach ein wunderbares Buch.

Auch ich kann mich dem bereits Geschriebenen nur anschließen. Bereits auf der ersten Seite (im Buch S. 7) habe ich mir einen Satz markiert:
"Heute befällt mich ein stiller Zorn über diese Vergeudung von Kräften; denn wir schimpften mit der Person und meinten die Krankheit."
Ein Gedanke der mich bei meiner Arbeit mit behinderten Menschen oft begleitet, so wie dieses Buch überhaupt viele wertvolle Gedankenanstöße für mich bereit hält. z.B über das, was von Eltern erwartet wird - keine Schwächen zu haben bzw. zu zeigen.
S.10: "Weil man als Kind seine Eltern für stark hält und glaubt, dass sie den Zumutungen des Lebens standhaft entgegentreten, sieht man ihnen die allmählich sichtbar werdenden Schwächen sehr viel schwerer nach als anderen Menschen."
Dieses Buch regt zum ständigen Mitdenken und Mitfühlen an und trotzdem oder gerade deswegen war es für mich ein Genuss, es zu lesen.

Dieses Buch wird heute in der Bücherei Nitscha besprochen. Diese regelmäßigen  "Literaturgespräche" erfreuen sich großer Beliebtheit.

Sehr berührend hat Arno Geiger über die Alzheimererkrankung seines Vaters geschrieben. Mir hat seine Einsicht, dass er über die Brücke zu seinem Vater in dessen Welt gehen muss, sehr gut gefallen.
Dass der Vater in klaren Momenten sehr wohl weiß, dass mit seinem Gehirn etwas nicht in Ordnung ist, dass er Betreuung braucht und zu nichts mehr zu gebrauchen ist, fand ich besonders traurig.
Dennoch entstehen auch humorvolle Situationen, die dem anstrengenden Alltag mit dem Kranken etwas an Härte nehmen, obwohl diese Momente immer seltener werden.
Und letzten Endes habe ich das Buch auch als Entschuldigung aufgefasst, weil niemand die langsam beginnende Demenz erkannt hat. August Geiger musste sich so manchen Tadel gefallen lassen, weil er keine Aktivitäten mehr setzte. Erst viel später wurde den Angehörigen klar, dass der geistige Verfall damals bereits eingesetzt hatte und den Vater zu Untätigkeit verdammte.
Ein wunderschönes und ehrliches Bekenntnis, das ich mit großer Anteilnahme gelesen habe.