Der Sommer des Commissario Ricciardi

Sommer 1931, Neapel ächzt unter Hitze und Faschismus gleichermaßen. Commissario Ricciardi vermögen beide nicht aufzuhalten. Eine unheimliche Gabe läßt dem brillanten Der_Sommer_des_Commissario_Ricciardi.jpgErmittler keine Ruhe, er hört die letzten Worte der Toten. Sein neuester Fall allerdings stellt seine Hartnäckigkeit auf eine schwere Probe: Herzogin di Camparino, geheimnisvolle und skandalumwitterte Herrin der Salons und Theaterlogen, wurde ermordet. Die Liste der Verdächtigen ist lang, doch länger noch die Liste derer, die allzu gründliche Nachforschungen um jeden Preis verhindern wollen … Seine Vorgesetzten mißtrauen ihm, seine Kollegen glauben, er spreche mit dem Teufel. Doch Commissario Ricciardi kennt nur ein Ziel: den Mörder zur Strecke bringen. Seine Jagd führt ihn tief in die Abgründe der High-Society im Italien der dreißiger Jahre.

Meine Gedanken zum Buch: 

Der melancholische Commissario Ricciardi, der die letzten Gedanken der Toten hören kann, ermittelt in einem mysteriösen Mordfall, der ihn bis in die Führungsebene der Nationalsozialisten führt. De Giovanni lässt einen deutlich spüren, wie die Macht des Regimes immer mehr zunimmt, immer präsenter im Neapel der 1930er-Jahre wird. Im krassen Gegensatz dazu stehen verschiedene Liebesgeschichten, die eines gemeinsam haben: die Leidenschaft. Auch die große Liebe von Ricciardi wird auf mehrere harte Proben gestellt, und immer mehr stellt sich für ihn die Frage, ob es nicht doch endlich einmal an der Zeit wäre, die Initiative zu ergreifen, oder für immer auf sein Glück zu verzichten.
Die Geschichte wird sehr einfühlsam und dicht erzählt, Einschübe von Ich-Erzählern lassen den Leser die Wahrheit noch vor dem Commissario erahnen, wobei es zum Schluss trotzdem noch eine Überraschung gibt.
Einmal mehr führt uns De Giovanni durch Neapel, diesmal miten im Hochsommer, man spürt gleichsam die glühende Hitze auf der Haut und leidet mit dem übergewichtigen Brigadiere Maione in seiner Uniform, der es sich noch dazu in den Kopf gesetzt hat, abzunehmen.
Der Autor stellt uns eine Familie vor, wie es sie heutzutage wohl nicht mehr gibt. Das Aussergewöhnliche ist nicht der begangene Ehebruch, sondern die Ehefrau, die zusieht und leidet, die durch ihr Schweigen die Familie noch mehr zerrüttet als es der untreue Ehemann ohnehin schon tut. Und die durch ihre Passivität zur Urheberin eines unglaublichen Dramas wird.
Alles in allem eine stimmige und stimmungsvolle Fortsetzung der ersten beiden Teile, der Schluss lässt einen hoffen, dass der Herbst des Commissario doch noch ein Happy End für den sympathischen Einzelgänger im Ärmel hat.

Ab und zu bot sich Ricciardi der Anblick eines Toten - eine Gesellschaft, die er nie loswurde. Er konnte immer darauf zählen. Ironie des Schicksals: Der einsamste Mann der Welt konnte nie ganz allein sein.

Seitenangabe für Zitat1: 
169

"Ihr Narren, ihr seid doch bloß vier armselige Narren. Vier gegen einen, ihr solltet euch schämen, ihr Narren."
Einer der vier stähnte laut auf, als habe er einen Schlag in den Magen bekommen. Die Männer wichen zurück und sahen sich ratlos an. Einer ließ sogar seinen Stock fallen, drehte sich um und nahm Reißaus. Zwei weiter folgten ihm fast augenblicklich. Der Letzte, nämlich der, der den Kommissar geohrfeigt hatte, sagt:
"Nimm dich in Acht, Ricciardi. Gib Acht, wo du nachts herumläufst und welche Fragen zu stellst. Wenn nicht, sind's beim nächsten Mal keine Stöcke mehr, sondern Messer."
Dann suchte auch er das Weite.

Seitenangabe für Zitat2: 
225

"Sie scheinen mir Ihr eigener, unerbittlicher Gefängniswärter zu sein. Wenn ich könnte, würde ich Sie bitten, sich selbst Frieden zu geben, aber das steht nicht in meiner Macht. Niemand kann das. Doch ich möchte Ihnen etwas sagen: Es gibt keine Erlösung ohne Schmerz. Man kann sich nur befreien, wenn man weiß, dass man Fesseln trägt. Sich dessen bewusst zu werden ist der erste Schritt."

Seitenangabe für Zitat3: 
316
Verlag: 
Suhrkamp Verlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3518462492