Der Mann, der Hunde liebte

Der_Mann_der_Hunde_liebte.jpg"Tötet ihn nicht! Dieser Mann muss reden", rief der schwer verwundete Trotzki seinen Leibwächtern zu, als sie sich auf den Mann stürzten, der ihn mit einem Eispickel niedergeschlagen hatte. Leonardo Padura bringt ihn zum Sprechen. Ein rätselhafter Mann, der mit seinen beiden Windhunden am Strand spazieren geht, erzählt dem kubanischen Schriftsteller Iván die Geschichte des Trotzki-Mörders Ramón Mercader. Doch woher kennt dieser Unbekannte all die Facetten aus Mercaders Leben? Leonardo Paduras vielschichtiger Roman führt uns an verschiedenste Schauplätze der Weltrevolution: ins Bürgerkriegsspanien, nach Moskau während der stalinistischen Schauprozesse, ins Mexiko Frida Kahlos und Diego Riveras, ins Prag von 1968, nach Kuba. In atemberaubender Prosa erweckt er die Protagonisten zu neuem Leben, zeigt sie in ihrer Bereitschaft zur völligen Selbstaufgabe zugunsten einer Ideologie und zieht die Bilanz der gescheiterten Utopien eines Jahrhunderts.

Meine Gedanken zum Buch: 

Dass Leonardo Padura ausgezeichnet erzählen kann, weiß ich schon lange. Mit Begeisterung habe ich das "Havanna-Quartett" und seine zwei Folgebücher gelesen. Und mit der gleichen Begeisterung habe ich mich durch die 730 Seiten seines neuesten Meisterwerkes gekämpft, denn einfach war es nicht. Unzählige Orte, Namen, historische Fakten, mit denen ich mich bislang nur sehr marginal beschäftigt hatte. Ideologien, politische Ansichten und Konflikte, die viel Konzentration beim Lesen erfordern, aber das muss ja kein Nachteil sein.
 
Im Grunde besteht das Buch aus drei Handlungsfäden, die letztendlich in Havanna zusammenfinden. Einerseits lesen wir über Lew Dawidowitsch, der als Trotzki in die Geschichte einging, sein Leben im Exil, seine Liebe zu Hunden und seinen unerbitterlichen Einsatz für seine politischen Ideale zum Wohle Russlands und der Menschheit. Ein Ausgestoßener und Verbannter, Opfer der gnadenlosen Verfolgung und Diffamierung durch Stalin, den "Totengräber der Revolution", wie er von vielen genannt wird. 20 Milionen Tote gehen auf sein Konto, darunter unzählige Kampfgenossen Lenins, die Stalins persönlicher Machtgier im Wege standen.
Trotzki zieht mit seiner Familie durch die halbe Welt auf der Suche nach einem Ort, den er wieder "Heim" nennen kann, den er letztendlich ansatzweise in Mexiko findet, wo er von Diego Rivera und Frida Kahlo aufgenommen wird. Von Frida mit im wahrsten Sinne des Wortes mit offenen Armen...
Parallel dazu lesen wir über Ramón Mercader, der im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpft und von seiner eigenen Mutter in die Arme der Stalinisten getrieben wird, wo ihm Ideale  eingetrichtert werden, von denen er oft nicht mehr weiß, ob sie seine eigenen sind. Geschickt schleicht er sich in Trotzkis Haushalt ein, unauffällig und schüchtern nähert er sich dem berühmten Mann und führt ihn letztendlich seinem Schicksal zu.
All dies erfährt der junge kubanische Schriftsteller von einem Mann, den er zufällig am Strand von Havanna trifft und der ihm über die Jahre alle Details dieser unglaublichen Geschichte zukommen lässt. Iván, der hautnah erlebt, wie Korruption, Angst und vor allem auch der Hunger schmecken, die eine fehlgeschlagene Utopie mit sich bringen, sammelt alle Puzzleteile und vereint sie, nach ausgieber Recherche zur Person Trotzkis, was in jenen Jahren in Kuba garnicht ungefährlich ist, zu einem einzigen großen Werk.
 
Eines verbindet alle Männer in diesem Buch: ihre Liebe zu Hunden.
 
Padura hat einen großen Roman geschrieben, in dem er geschickt mit den Emotionen des Lesers spielt. Wie kann es sonst sein, dass man plötzlich Mitleid mit einem Mörder empfindet? Täter, die zu Opfern werden, die ihr Leben an die falschen Ideale verschwendet haben und erst viel zu spät entdecken, wer ihr großes Idol in Wirklichkeit war. Die blind einer Propaganda folgen, die sie letztendlich auch nicht rettet, sondern jeden auf seine Weise ins Verderben treibt. Padura beschreibt mit der ihm eigenen Sensibilität und Objektivität nicht nur das Geschick einzelner Personen, sondern die Geschichte einer ganzen Generation, die bereit war, ihr Leben für die Ideale eines Kommunismus zu opfern, den es im Grunde nie gegeben hat.
 
Und ein kleiner Gag darf natürlich auch nicht fehlen, wenn Iván seinen "Freund und Artgenossen" Mario Conde erwähnt, die Hauptfigur aus dem "Havanna Quartett".
 
Wirklich lesenswert für alle, die sich für russische Geschichte interessieren - sicher ein Zuckerl für alle, die sich bereits damit auskennen und mit den vielen Namen auch etwas anfangen können.

Es war keine leichte Aufgabe. Stalin hatte die "Freunde der UdSSR" bereits zu einer Kampagne aufgerufen, das Monopol des Antifaschismus an sich zu reißen, zumindest auf verbaler Ebene, denn was das Handeln betraf, schienen sie nicht besonders daran interessiert , sich dem der deutschen Asche entstiegenen Feind zu widersetzen. Die neue Kampagne verbreitete den Mythos, das sowjetische System sei die einzig mögliche Option gegen Hitler und die Barbarei. Während sie die Demokratien als Sympathisanten und sogar als Verursacher des Faschismus beschuldigten, reduzierten sie die ethischen und politischen Alternativen auf zwei: auf der einen Seite das durch den Faschismus verkörperte Grauen, auf der anderen die Hoffnung und das Gute, das durch die Kommunisten mit Stalin an der Spitze repräsentiert wurde. Die Falle war gelegt, und Lew Dawidowitsch sah den Sturz fast aller progressiven Kräfte des Westens voraus.

Seitenangabe für Zitat1: 
171

Die ausgeübte Gewalt war unerbittlich gewesen, sicher exzessiv, aber notwendig; die Gewalt der siegreichen Klasse über die besiegte, das Alternative "wir oder sie" ... Die Männer aber, die Stalin im August 1936 umzubringen beschlossen hatten, waren Kommunisten, Kampfgenossen, und die zu töten, davor war die von Lenin und Lew Dawitowitsch in Gang gesetzte Maschinerie der Gewalt bisher zurückgeschreckt. Der stalinistische Terror, der sich während der vorangegangenen Verfolgungen (von Bauern, Priestern, der Intelligenzija des Landes) zu einem perfekten System entwickelt hatte, schien jetzt eine unverletzliche Grenze zu überschreiten.

Seitenangabe für Zitat2: 
193

Obwohl die malerin aufgrund ihrere Behinderung orthopädische Korsetts tragen und einen Stock benutzen musste, um das am meisten in Mitleidenschaft gezogene Bein zu entlasten, oder vielleicht gerade deshalb, verkörperte sie auf provozierende, überbordende Art und Weise Sexus und Sinnlichkeit. Seit Lew Dawitowitsch erfahren hatte, dass ihre moralische Freizügigkeit ihr bisweilen sogar gestattete, ihre Begierde in lesbischen Beziehungen zu stillen, entlud sich sein Begehren in schamlosen Wachträumen, in einem Verlange, das heftiger war als alles, was er in seiner Jugend empfunden hatte oder in seiner Zeit als mächtiger Kriegskommissar, als so manche Kampfgenossin im angeboten hatte, das Feuer der angestauten Lust solidarisch zu löschen.

Seitenangabe für Zitat3: 
329
Verlag: 
Unionsverlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3293004252