Der Hass auf den Westen

Jean Ziegler lehrt uns, die Werte und die Weltherrschaft des Westens mit den Augen der Völker des Südens zu sehen. Nur wenn wir verstehen, welche traumatischen Verletzungen Kolonialismus, Sklaverei und Ausbeutung, gepaart mit Arroganz und moralischer Überheblichkeit, im kollektiven Bewusstsein dieser Völker hinterlassen haben, werden wir in der Lage sein, den daraus resultierenden Hass, der dem Westen entgegenschlägt, durch konkretes Handeln zu überwinden.

Meine Gedanken zum Buch: 

Jean Ziegler hat das komplexe Thema des Buches leicht verständlich aufbereitet und mit vielen persönlichen Erfahrungen bereichert. Ich kann dieses Buch nur weiterempfehlen! Es hat mich gefesselt, schockiert und berührt. Ich könnte noch zig Zitate anführen!  Mehr möchte ich dazu gar nicht sagen - bitte lesen!!!      

Seit mehr als fünfhundert Jahren beherrschen die westlichen Länder den Planeten. Dabei haben die Weißen nie mehr als 23,8 % der Weltbevölkerung gestellt - heute sind es kaum noch 13 %. Daher ist in den Augen der meisten Frauen und Männer, die in der südlichen Hemisphäre leben, die gegenwärtige, von den Oligarchien des westlichen Finanzkapitals aufgezwungene Weltwirtschaftsordnung das Produkt der einstigen Unterdrückungssysteme, insbesondere des Sklavenhandels und der kolonialen Ausbeutung.(...) Seit Jahrhunderten versucht der Westen, das Wort "Humanität" zu seinem alleinigen Vorteil in Beschlag zu nehmen.  

Seitenangabe für Zitat1: 
15

Blutspur im Delta
Der Fluss Niger hat das ausgedehnteste Delta der Erde, noch größer als das des Amazonas, des Ganges und des Brahmaputras.
(...)
Zahlreiche transkontinentale Gas- und Ölkonzerne beuten die Vorkommen des Deltas und des Festlandsockels aus. Der mächtigste unter ihnen ist die Royal Dutch Shell Group. Sie besitzt offshore und onshore über tausend Ölquellen und betreibt ein Pipelinesystem von über sechstausend Kilometern.
(...)
An den Bohrlöchern wird Erdöl gefördert. Doch mit dem Öl tritt Gas aus. Dieses Gas enthält Gifte, die für den Menschen gefährlich sind. In den Ländern mit rechtsstaatlichen Verhältnissen sind Filter Pflicht: Mit ihnen lässt sich das Gas reinigen, bevor es in die Atmosphäre gelangt. In den USA wird jeder Verstoß gegen die Schutzvorschriften mit Geldstrafen belegt, die bis zu hundert Millionen Dollar betragen können.
Doch in Nigeria wird das Gas aus dem Delta am Ende langer Schornsteine verbrannt. Tag und Nacht flammen die Fackeln, gigantische Feuersäulen, die in den Himmel schießen. Vollkommen straffrei.
Amerikanische Forscher schätzen, dass die Ölfelder des Deltas mehr Kohlendioxid ausstoßen als alle Ölfelder der Erde zusammen.
Auch die Öl-Leckagen (Oil Spills), unkontrolliert in die Natur austretendes Öl, ziehen die siebenundzwanzig Millionen Bewohner des Deltas in Mitleidenschaft.(...) Die Ölmengen, die bei solchen Zwischenfällen verloren gehen, spielen für die Gesellschaften keine Rolle. Für Mensch und Tier, für Pflanzen und Trinkwasser haben sie hingegen katastrophale Folgen.
1989 zerbrach der Öltanker Exxon Valdez vor Alaska nach Strandung auf einem Felsen und verursachte damit die (Anmerkung: bis dahin) größte Umweltkatastrophe, die die Vereinigten Staaten jemals erlebt hatten. Im gleichen Jahr traten bei den Leckagen in Nigeria viermal so große Ölmengen aus wie im Fall Exxon Valdez.
(...)
In den ölverseuchten Mangrovenwäldern verenden auch die Affen. Die Korrosion, verursacht von den schwappenden Ölteppichen in den Buchten, zerfrisst die Fischerboote. Der Himmel ist schwarz.
Das empfindliche Ökosystem des Deltas - eines der reichsten, aber auch anfälligsten des Planeten - wird zerstört.
(...)
Der Regionaldirektor der Weltbank in Abuja heißt Hafez Ghanem.(...) Jedes Jahr, so erläutert er, wende die Weltbank durchschnittlich zehn Milliarden Dollar für die dreiundfünfzig Staaten des afrikanischen Kontinents auf. Von dieser Summe fließen zwei Milliarden Dollar allein nach Nigeria!
Um Hungerrevolten zu vermeiden, die die ungeheuren Privilegien der westlichen Konzerne gefährden könnten, tritt die Weltbank ohne zu zögern ihre eigenen Statuten mit Füßen. Die legen nämlich unmissverständlich fest, dass die Investitionen der Bank ausschließlich den ärmsten Ländern zugute kommen sollen. Nigeria ist jedoch eines der reichsten Länder der Erde.
(...)
Der krasse und permanente Amtsmissbrauch, die Korruption der Paten sind für die entsetzliche Not des größten Teils der Bevölkerung verantwortlich.

Seitenangabe für Zitat2: 
150

In der südlichen Hemisphäre vernichten Epidemien, Hunger, verschmutztes Wasser und durch Elend ausgelöste Bürgerkriege jedes Jahr fast ebenso viele Menschen wie der Zweite Weltkrieg in sechs Jahren.
Wie können wir mit diesem zerstörerischen System brechen? Wie den Hass, den es nährt, in eine sieghafte historische Kraft verwandeln, die Gerechtigkeit und Befreiung einfordert?
Zunächst durch die Wiederherstellung des Gedächtnisses, durch die Rückgewinnung der Identität, die Bewusstmachung der Menschenrechte, die Konstruktion der Nation in den Ländern des Südens.

Seitenangabe für Zitat3: 
259
Verlag: 
C. Bertelsmann
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
978-3-570-01132-4

Kommentare

Zum Weiterlesen nach "Der Hass auf den Westen" kann ich Hans Putzers "Hungerkriege" empfehlen. Der Inhalt vieler Bücher zu ähnlichen Themen wie das Buch Zieglers wird darin zusammengefasst und auf das Thema "Hunger" fokussiert - tendenziell aber pessimistischer (oder kommt es mir nur so vor weil ich Zieglers Buch schon vor einem Jahr, die "Hungerkriege" aber erst jetzt gelesen habe?). So meint Ziegler, dass unser Planet die Ressourcen habe, bis zu 12 Mrd. Menschen zu ernähren, Putzer dagen meint, dass es schon bei den prognostizierten 9 Mrd. Menschen (bis 2050) knapp wird.