Der Ginsengjäger

An der Grenze zwischen China und Nordkorea lebt einer der letzten Ginsengjäger, der die Kunst, diese seltene und wertvolle Wurzel aufzuspüren, von seinem Vater gelernt hat, wie dieser wiederum von dem seinen. Der schon ältere Mann führt ein bescheidenes Leben, nur einmal im Monat verlässt er seine Hütte im Wald, um in der nächstgelegenen Stadt einzukaufen und das dortige Bordell zu besuchen. Als er sich in eine junge Prostituierte verliebt, die aus Nordkorea hierher geflohen ist, bekommt seine festgefügte kleine Welt Risse, und er muss schwerwiegende Entscheidungen treffen ...Eine bewegende Geschichte über Menschen, die an der Grenze leben - an der Grenze zum Nichts und an der Grenze zum Glück.

Meine Gedanken zum Buch: 

Ich habe dieses Buch gekauft, weil ich von der "Perlentaucherin" so tief beeindruckt war und muss sagen, dass diese Geschichte noch einen Schritt weiter geht, einen noch mehr schockiert und berührt. Die Situation der Nordkoreaner, die eben nicht zur roten Oberschicht gehören, ist so unglaublich, dass man sich garnicht vorstellen kann, dass so etwas jetzt genau passiert. Das Buch spielt zu Beginn unseres Jahrhunderts, und wir können davon ausgehen, dass sich die katastrophale Situation der Menschen seitdem nicht viel verändert hat. Hunger, Diktatur, Folterund und Umerziehung treiben die Menschen zur Flucht über den Fluss nach China, wo sie von scheinbar guten Menschen aufgenommen und für 25 USD an die Behörden ausgeliefert werden, um in ihrem "Heimatland" hingerichtet zu werden. Rinden und Wurzeln als einzige Nahrung auf Jahre hin, Umerziehungslager, nur weil man das Bild des Großen Führers nicht abgestaubt hat, keine Gnade für die Hilflosesten, die Kinder. Ein grandioses Buch, geschrieben in einem knappen unsentimentalen Stil, das ich wirklich nur dringlich weiterempfehlen kann, auch wenn es einem einmal mehr das Gefühl der totalen Hilflosigkeit angesichts dieser Verbrechen an der Menschheit führt.

Dies ist meine Religion: Alles, was ich der Natur entnehme, muss ihr zurückgegeben werden, damit der Zyklus des Lebens nicht unterbrochen wird. Im Nadelwald ziehen die Wurzeln Kraft aus dem Himmel und aus der Erde. Erst wenn der Mensch die Ginsengwurzel zu sich nimmt, schließt sich der Kreis.

Seitenangabe für Zitat1: 
14

"Gibt es in deinem Leben gar nichts Glückliches?"
Sie geht weiter, dann dreht sie sich unvermittelt zu mir um.
"Mit den Wimpern Schneeflocken auffangen und sehen, wie sie ein Weilchen dableiben, das Licht in ein buntes Prisma zerlegen und dann schmelzen, so wie Tränen manchmal die Traurigkeit wegschmelzen." Sie schaut in einem Baum hinauf. "Und du?"
Ich weiß keine Antwort.

Seitenangabe für Zitat2: 
115
Verlag: 
Luchterhand Literaturverlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3630621364

Kommentare

Du hast ein wunderschönes Zitat ausgewählt.
 
Meint Gabi;
liebe Grüße!

Das ganze Buch dreht sich u.a. auch darum, wie die Menschen mit der Natur umgehen. Ganz abgesehen davon, wie sie mit den Menschen umgehen... Das ist auch das Faszinierende an der Geschichte, der Kontrast zwischen diesen guten Ideen und der grausamen Realität, der sich nicht einmal der idealistische Ginsengjäger entziehen kann.

So wie der Tumen zwischen China und Nordkorea durch die Landschaft fließt, so liest sich für mich auch diese Geschichte.
Teils mitreißende, teils bedrückend aber dann auch wieder sehr ruhig und besonnen. Was Talarigo auch dieses Mal wieder auf`s Neue perfekt versteht, ist die Verschmelzung von Wirklichkeit und Erzählung. Man erfährt viel über die Lebensumstände der Menschen in diesem Land. Über Ängste, Unterdrückung, .... und dann ist da auf der anderen Seite der Ginsengjäger. Ein Mann, der ganz allein für sich in der Abgeschiedenheit lebt, dessen Leben immer wiederkehrenden geregelten Abläufen folgt, doch dann tritt die Liebe in sein Leben und er wird aus seiner Bahn geworfen...
Wartet man als Leser auf ein "Happy End"? Ich gebe zu, ich habe es ein bisschen getan, obwohl mir im Grunde immer klar war, dass es nicht dazu kommen kann. "Der Ginsengjäger" ist nämlich nicht nur eine Geschichte, es ist viel mehr... Talarigo`s Roman wirkt auf mich irgendwie fast real und die Realität hätte wohl auch keinen anderen Schluss zugelassen...
Ich habe Talarigo`s Sprache schon  in seinem ersten Buch "die Perlentaucherin" zu schätzen gelernt und ich wurde auch hier wieder nicht enttäuscht. Ich hoffe nur, dass er schon wieder brav an einem 3. Roman schreibt, denn ich würde sehr gerne noch mehr von diesem Autor lesen.

Bei nahe hätte ich eins vergessen Wink eigentlich wollte ich ja auch das eine oder andere Zitat aus diesem Buch hier veröffentlichen, aber seien wir mal ehrlich. Gibt es etwas Schöneres als den Ausschnitt von Seite 115 (siehe oben).....