Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend

Demian.jpgHermann Hesses Erzählung Demian, entstanden 1917 und erst zwei Jahre später unter dem Pseudonym Emil Sinclair erschienen, "um die Jugend nicht durch den bekannten Namen eines alten Onkels abzuschrecken", hatte- wie Thomas Mann in seinem Vorwort zur amerikanischen Ausgabe des Buches berichtet- auf die junge Generation nach dem ersten Weltkrieg "eine elektrisierende Wirkung und traf mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit", ähnlich Goethes Werther , dessen Wirkung Thomas Mann mit der des Demian vergleicht. " Er hebt ans Licht die urgeborene Amoralität", schrieb Alfred Döblin, und Stefan Zweig verwies auf den " bewundernswerten Einblick in die Jugendpsychologie", die der Demian ermöglicht, während C. G. Jung die Wirkung dieses Buches verglichen hat mit dem " Licht eines Leuchtturms in einer Sturmnacht".

Meine Gedanken zum Buch: 

"Demian" habe ich, wie so gut wie alle anderen Romane von Hesse, vor ziemlich genau 30 Jahren das erste Mal gelesen und mir wohl damals vieles für mich selbst rausgeholt, das auch heute noch Gültigkeit hat. Leider sind etliche der alten Suhrkamp-Ausgaben über die Jahre verloren gegangen, aber diese habe ich noch, und ich stelle mit Erstaunen fest, dass ich mir, was sonst wirklich nie meine Art war, einige Textstellen im Buch markiert habe, die mich wohl nachhaltig beeindruckt haben (Siehe Zitate oben). Und die bis heute noch ihre Gültigkeit für mich haben, wie ich überrascht feststellen musste.
 
"Demian" ist die Geschichte eines jungen Menschen auf der Suche nach sich selbst und dem Sinn des Lebens, auf diesem Weg begegnet er immer wieder Max Demian, der ihn nachhaltig beeindruckt, indem er Emils christliche Werte stets infragestellt und ihm immer wieder nahebringt, dass das Ziel des Lebens nicht Anpassung und Konformität sein kann, sondern in der Selbstbestimmung und -verantwortung liegt.
 
Bestechend schön ist Hesses Sprache, das finde ich auch heute noch - zum Glück! Ich hatte große Angst davor, dieses Buch jetzt vielleicht nicht mehr als so wichtig zu empfinden, wie vor 30 Jahren, aber ich wurde nicht enttäuscht. Somit geht das Hesse-Revival weiter! Smile

Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.

Seitenangabe für Zitat1: 
8

Ach, das weiß ich heute: nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber fürht!

Seitenangabe für Zitat2: 
48

Aber ich meine, wir sollenAlles verehren und heilig halten, die ganze Welt, nicht bloß diese künstlich abgetrennte, offzizielle Hälfte! Also müssen wir dann neben dem Gottesdienst auch einen Teufelsdienst haben. Das fände ich richtig.Oder aber, man müsste sich einen  Gott schaffen, der auch den Teufell in sich einschließt, und vor dem man nich die Augen zudrücken muß, wenn die natürlichsten Dinge von der Welt geschehen.

Seitenangabe für Zitat3: 
63
Verlag: 
Suhrkamp
Auflage: 
17. Auflage 1983
ISBN: 
ISBN-13: 978-3518067062

Kommentare

Zitat Seite 87:
"Es ist so gut, das zu wissen, daß in uns drinnen einer ist, der alles weiß!"
 
Zitat Seite 97:
Es gibt aber solche Zufälle nicht. Wenn der, der etwas notwendig braucht, die ihm Notwendige findet, so ist es nicht Zuall, der es ihm gibt, sondern er selbst, sein eigenes Verlangen und Müssen führt ihn hin.
 
Zitat Seite 115:
Aber ich begreife nicht, warum einer "reiner" sein soll, der sein Geschlecht unterdrückt, als irgendein anderer. Oder kannst du das Geschlechtliche auch aus allen Gedanken und Träumen raushalten?
 
 

Zitat Seite 126:
Und hier brannte mich plötzlich wie eine scharfe Flamme die Erkenntnis: -  es gab für jeden ein "Amt", aber für keinen eines, das er selber wählen, umschreiben und beliebig verwalten durfte. Es war falsch, neue Götter zu wollen, es war völlig falsch, der Welt irgend etwas geben zu wollen! Es gab keine, keine, keine Pficht für erwachte Menschen als die eine: sich selber zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten, einerlei wohin er führte.
 
Zitat Seite 135:
Der Wille der Menschheit wird sich zeigen, den unser Europa eine Zeitlang mit seinem Jahrmarkt von Technik undEissenschaft überschrien hat. Und ann wird sich zeigen, daß derWille der Menschheit ie und irgends gleich ist mit dem der heutigen Gemeinschaften, der Staaten und Völker, der Vereine und Kirchen. Sondern das, was die Natur mit dem Menschen will, steht in den einzelnen geschrieben, in dir und in mir. Es stand in Jesus, es stand in Nietzsche. Für diese allein wichtigen Strömungen - die natürlich jeden Tag anders aussehen können, wird Raum sein, wenn die heutigen Gemeinschaften zusammenbrechen.
 
Zitat Seite 147:
"Liebe muß nicht bitten", sagte sie, "auch nicht fordern. Liebe muß die Kraft haben, in sich selbst zur Gewißheit zu kommen. Dann wird ei nicht mehr gezogen, sondern zieht."

S. 56: Es wäre Schönes, Zartes und Liebenswertes zu erzählen von meiner Kindheit, von meinem Goborgensein bei Vater und Mutter, von Kindesliebe und genügsam spielerischem Hinleben in sanftem, lieben, lichten Umgebungen. Aber mich interessieren nur die Schritte, die ich in meinem Leben tat, um zu mir selbst zu gelangen. Alle hübschen Ruhepunkte, Glücksinseln und Paradiese, deren Zauber mir nicht unbekannt blieb, lass ich im Glanz der Ferne liegen und begehre nicht, sie nochmals zu betreten..... ....... nun gut, ich kann die Aussage im Zusammenhang der Geschichte schon verstehen, aber sind es nicht auch genau diese Momente, die uns helfen, zu uns selbst zu gelangen????

S. 82: Es war zu Beginn des November. Ich hatte mir angewöhnt, bei jedem Wetter kleine, denkerische Spaziergänge zu machen, auf denen ich oft eine ARt von Wonne genoß, eine Wonne voll Melancholie, Weltverachtung und Selbstverachtung. So schlenderte ich eines Abends in der feuchten, nebligen Dämmerung durch die Umgebung der Stadt, die breite Allee eines öffentlichen Parkes stand völlig verlassen und lud mich ein, der Weg lag dich voll gefallener Blätter, in denen ich mit dunkler Wolllust mit den Füßen wühlte, es roch feucht und bitter, die fernen Bäume traten gespenstisch groß und schattenhaft aus den Nebeln. Am Ende der Allee blieb ich unschlüssig stehen, starrte in das schwarze Laub und atmete mit Gier den nassen Duft von Verwitterung und Absterben, den etwas in mir erwiderte und begrüßte. O wie fad das Leben schmeckte!