Deimos

Flirrende Hitze hat sich über die Stadt gelegt. Wer es kann, flüchtet sich in die Freibäder oder ins Grüne. Karlheinz Kappler verbringt derweil widerstrebend einen Urlaub im idyllischen Eigenheim seiner Freunde, doch statt dort im kühlen Schatten entspannt seine Bücher zu lesen, findet er sich schon bald in einer Nachbarschaft wieder, die von versteckten Abhängigkeiten, Ängsten und sorgsam gehüteten Geheimnissen bestimmt wird. Erpresserische Anrufe und ein totes Tier sind erst der Auftakt einer verhängnisvollen Eskalation - und in der brütenden Atmosphäre aus Täuschungen und Lügen eint alle nur der Hass auf eine alte Frau. Als dann tatsächlich ein Mord geschieht, kann man keinem mehr vertrauen. Die Ermittler um Jennifer Hartmann und Hellmut van Haaren bekommen es in ihrem zweiten Fall mit einem Schrecken zu tun, dessen Abgründe gerade dort lauern, wo man sie am wenigsten vermutet.

Meine Gedanken zum Buch: 

Spannender Regionalkimi aus dem Ruhrgebiet mit überraschender Auiflösung in Agatha Christie Art. Bei acht Verdächtigen war es schwierig für die Ermittler den Überblick zu behalten, bis Karlheinz Kappler auf grandiose Art den Fall löst.. Die düstere Srache past sich dem Mief in der Vostadtstr. an und schafft ein Gefühl von Angst und Misstrauen

Die Nacht war sommerlich warm, schwül und schon für gesunde, junge Menschen eine Strapaze, doch alten, kranken, bettlägerigen Zeitgenossen geriet sie zur unerträglichen Qual. Nicht wenige schlossen in diesen Stunden für immer ihre Augen. Etliche erlitten Kreislaufzusammenbrüche, Herzstillstände und bei anderen versagten die letzten schwachen Kräfte, die sie noch im Leben hielten. Darüber machte sich der alte Mann allerdings keine Gedanken. Sein Leben war nur mehr ein immer gleiches, dunkles, von keiner Aufhellung, keiner Abwechslung und keinem schönen Gedanken mehr unterbrochenes Warten. Worauf, wusste er selbst nicht zu sagen. Die Pflegerin, die nachts über die Heimbewohner wachte, hatte ihm eine gute Nacht gewünscht, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass bei ihm alles in bester Ordnung war und ihn dann, wie jeden Abend, allein gelassen und sich jenen gewidmet, die ihrer Aufmerksamkeit mehr bedurften, als der bescheidene, unauffällige und scheinbar immer zufriedene alte Herr. Seine vom Leben gegerbte und von tiefen Falten durchfurchte Haut war bis in den letzten Winkel von fechtnassem, klebrigem Schweiß überzogen. Das Atmen fiel ihm schwer und er fühlte sich, als laste ein Sack Zement auf seiner Brust. Wie bei diesen Temperaturen nicht anders zu erwarten, versank er in einem halbwachen, halbwahnsinnigen Zustand, in dem sich Halluzination und Realität zu einem schweren, langatmigen Alptraum vermischen und in dem man die Sorge bekommt, nie wieder klar und zurechnungsfähig zu werden. Vor dem weit geöffneten Fenster, dass er nicht sehen, sondern nur erahnen konnte, raschelte das Laub des Ahorns sachte im kaum wahrnehmbaren Wind, der nicht bis ins Zimmer reichte und die warme Luft draußen nur ein wenig verwirbelte, statt für die ersehnte Abkühlung zu sorgen. Gelegentlich knarrte der Rahmen, wenn er von einer der Brisen kaum hörbar bewegt wurde. Jeder Atemzug wurde zu einer Anstrengung, die er einzeln und belastend auf sich nahm. Im Ohr begann er seinen Puls schlagen und sein schlechtes, krankes Blut rauschen zu hören. Immerhin, dachte er, war es trotz miserabler Werte, bei denen andere schon gestorben wären, noch gut genug, um seinen Körper und die zunehmend schwerfällig arbeitenden Organe mehr schlecht als recht funktionieren zu lassen. Schwülstig gefährliche, blutige, wirre Bilder zogen in einer absonderlichen, peinigenden Diaschau vor seinem inneren Auge vorbei. Seine Haut klebte am Bettzeug fest und der Atemzug, dem seine volle Aufmerksamkeit galt, wurde noch schwerer. Zusätzlicher Schweiß trat ihm auf die Stirn. Warum musste das Alter untrennbar mit Leid, Niedergang und langsamem Übergang in den Tod verbunden sein? Heute Nacht konnte es zu Ende gehen. Wenn man demEin- und Ausatmen, dem fast nie die Aufmerksamkeit des Bewusstseins gilt, sondern das mechanisch vom Unterbewusstsein als notwendige Selbstverständlichkeit zur Erhaltung des Organismus koordiniert wird, den kümmerlichen Rest an klaren Gedanken schenken muss, sollte man Angst bekommen. Der alte Herr im Seniorenheim fürchtete sich nicht davor, endgültig abberufen zu werden. Er war im Hier und Jetzt, im verschwitzten Bett, im stickigen Zimmer, in seiner irrealen, schrecklichen Dunkelheit gefangen. Sich zu bewegen, war ihm zu anstrengend und nichts hätte ihn bei diesen Temperaturen zu beruhigenden, vertrauten klaren Gedanken bringen können. Sollen nicht schon normale, friedfertige Menschen in ähnlichen Zuständen getötet haben, ohne sich im Nachhinein daran zu erinnern? Stumme Schreie, Blut, Särge, ätzende Wunden und alles, was ein gesunder Geist gern verdrängt, peinigten den alten Mann, der auf die Gnade hoffte, einzuschlafen. Obwohl er sich zusammenriss, war es ihm unmöglich, die verrückten Gedanken, die grausigen Bilder, abzuschütteln und er brachte es nicht einmal fertig, einen Finger zu heben, geschweige denn, sich aufzusetzen. Das morbide Kino nahm kein Ende. Sollte er die Belastung, Luft einzuziehen, überhaupt noch weiterhin auf sich nehmen? In Momenten wie diesen, ist es einfacher, sich dem Tod zu ergeben, als das Leben zu verewigen. Seine Erschöpfung war vollkommen. Er dämmerte dahin. Ein gedämpftes Poltern drang an sein Ohr. Er vernahm geisterhafte Schritte, die sich auf ihn zu bewegten. War er noch allein in seiner Alptraumwelt? Hatte er soeben die Grenze überschritten, hinter der Erscheinungen, imaginäre Freunde, einflüsternde Stimmen, Dämonen und dauerhafte geistige Umnachtungen lauerten? Nein, er war nicht mehr allein. Seine Augenlider waren so unbeweglich, als hätte man sie in geschlossenem Zustand mit zuverlässigem Sekundenkleber festgeklebt. Er nahm sich zusammen, legte seinen ganzen Willen hinein und nach einer kleinen Ewigkeit bekam er sie einen winzigen Spalt weit geöffnet. Da das Augenlicht ihn fast zur Gänze verlassen hatte, war das, was es ihm in der Dunkelheit zeigte, genauso verschwommen, schwarz und unbestimmt wie die Welt, aus der er in den letzten Stunden nicht hinausgekommen war. Eine abkühlende Klimaanlage hätte ausgereicht, um die Überhitzung seines Körpers und den temporären Wahnsinn zu beenden, doch hier gab es sie nicht. Stand dort ein unbeweglicher Schatten? Sah ihn jemand an? Er glaubte, einen fremden Atem zu spüren, ein fremdes Herz schlagen zu hören. Er wurde verrückt. Natürlich war niemand außer ihm im Raum und ebenso selbstverständlich hatte er keine Schritte gehört. Wie von selbst, schlossen sich seine Augen wieder und er ergab sich der heißen, schauderhaften, entsetzlichen Welt in seinem inneren, seinem vernebelten Gehirn, seinem versagendem Leib. „Erinnern Sie sich an mich?“, fragte eine ferne Stimme. Der greise Herr antwortete nicht. Wenn man einmal anfängt, mit nicht existierenden Stimmen zu sprechen, sagte er sich, hörte man möglicherweise nie mehr damit auf. „Ich werde Sie und Ihren Namen niemals vergessen.“ Die Stimme schwieg nach diesen eindringlichen Worten. Nach einer langen Pause sagte sie: „Ich bin hier, um Ihnen eine Frage zu stellen.“ Jetzt stellte ihm der herbeigeträumte Gesprächspartner, der seiner Phantasie entsprang, also hartnäckige Fragen. Die Stimme nannte einen Namen. Der Alte hoffte, dass sie so schnell und plötzlich verschwand, wie sie gekommen war, wenn er sie standhaft ignorierte. Mit Geistern redet man nicht. Eine stahlharte, eiskalte Hand umklammerte sein abgemagertes, knochiges, verschwitztes Handgelenk. Er fühlte Schmerzen, die es nicht geben konnte, weil die Person, die sie verursachte, nur in seinem Kopf existierte, ihm Gesellschaft leistete und ihn mit ihrer Aufdringlichkeit belästigte. Jetzt hauchte sie ihm etwas aus unmittelbarer Nähe ins Ohr. Er roch den fremden Atem und fühlte ihn auf der Haut. Die Faust, die sein Handgelenk zerquetschte, drückte fester zu. Er war nicht im Stande, zu schreien. Die der Erschöpfung geschuldete Lähmung war vollkommen. „Sie erinnern sich genau.“, sagte die Stimme mit hypnotisierender, betonungsloser Gleichmäßigkeit. „Sie vergessen meinen Namen so wenig, wie ich Ihren vergessen habe.“ Der alte Herr gab auf. „Warum sind sie gekommen?“ „Sie wissen also, wer ich bin?“ Die Stimme war so nah bei ihm, wie seine eigene. „Ja, Sie haben recht.“ Flüsternd zu hauchen, fiel leichter, als gedacht. „Was wollen Sie von mir?“ Eine schier endlose Pause absoluter, vollkommener Stille entstand. „Das können Sie sich wirklich nicht denken?“ In der Frage schwang kein ehrliches Erstaunen mit, sondern nur die traurige Bestätigung einer bestimmten Erwartung. „Nein.“, rang der alte Herr sich ab. „Das kann ich nicht.“ Erneut verfiel die schemenhafte Gestalt in abwartendes Schweigen. Vor dem Fenster raschelten die Blätter wieder und der bis zur Unerträglichkeit erschöpfte Mann wähnte sich endlich allein. Der Geist hatte sein Handgelenk freigegeben und auf das Bettlaken zurückfallen lassen. Jetzt, da der Wahnsinn sich zu lichten begann, konnte er daran denken, zu schlafen. „Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen, die den nicht hoch genug einzuschätzenden Vorteil hat, wahr zu sein.“ Die eingebildete Stimme war wieder nah bei ihm und malträtierte ihn mit ihrem verstörenden Realismus. Er hätte schwören können, dass sie tatsächlich existierte. „Verschwinde...“. Er setzte dazu an, seinem Gesprächspartner, den es gar nicht geben durfte, die Tür zu weisen und ihn in die dunkle Ecke seines Verstandes zurück zu schicken, aus der er ohne Vorankündigung aufgetaucht war. Man konnte die Erde Jahrzehnte bewohnt und alles gesehen haben – und dann reichte eine heiße Sommernacht aus, um Unmögliches geschehen zu lassen und ein Weltbild zu zertrümmern. Die kalte Hand, die vor einer Minute, vielleicht auch einer halben oder ganzen Stunde – die Zeit steht still in solchen Zuständen – sein Handgelenk zerquetscht hatte, legte sich mit bestimmender, kompromissloser Macht auf die zitternden Lippen des alten Mannes. „Sparen Sie sich Ihre Kraft für die Antwort auf die Frage, die Sie mir nicht beantworten wollten. Wenn Sie sich meine Geschichte angehört haben, werden Sie mir den Namen, den ich wissen möchte, verraten. Ich weiß, dass Sie ihn kennen.“ Der Geist begann mit einem Vortrag, der kein Ende nehmen wollte. Die Bilder, die sich währenddessen im Kopf des alten Mannes zusammensetzten, standen den alptraumhaften Halluzinationen, die er vor seinem Auftauchen gehabt hatte, nicht nach. Er driftete davon. Die Stimme entfernte sich immer weiter, während der Greis in seinem Wahn versank und ihn der klebrige Schweiß auf seiner Haut, der ausgetrocknete Mund und seine grenzenslose Erschöpfung malträtierten. Sprach der Geist noch mit ihm? Seine Stimmbänder bewegten sich wie von selbst und sprachen einen Namen aus, der aus den Tiefen seiner Erinnerung herangerauscht kam. Hatte er jetzt endlich Ruhe? Er konnte nicht mehr. Kalte, schweißnasse Hände legten sich um seinen Hals und drückten zu. Er blieb passiv und hatte nichts mehr zu seiner Verteidigung aufzubringen. Ein Ring aus Stahlbeton drückte ihm die Luft ab. Wenige Sekunden später versank er in der Schwärze. Noch einmal riss er mit letzter Kraft für einen Sekundenbruchteil die Augen auf. Das Letzte, was er von dieser Welt sah, war das zufriedene, gütige Gesicht des Mörders, der sich über ihn beugte.    

Seitenangabe für Zitat1: 
3

„Karlheinz, traust du es dir zu, das Haus für ein paar Tage
zu beaufsichtigen?“ Inge Bachmann machte eine freundliche
und unschuldige Miene, der kaum jemand eine Bitte hätte abschlagen
können. In der grellen Mittagssonne wirkte ihr von
der heimischen Sonne vorgebräuntes Gesicht trotz der fünfundfünfzig
Jahre, die sie bereits zählte, jugendlich und unverbraucht.
Man hätte sie ohne Schwierigkeiten eine Dekade
jünger schätzen können.
„Nun ja,“, räusperte sich Karlheinz Kappler, der die letzten
Jahre in selbst gewählter Einsamkeit mit seinen Büchern verbracht hatte, „es geht weniger darum, ob ich es mir zutraue,
sondern eher darum, ob ich hier meine Ruhe haben könnte.“
Sie prustete vergnügt los. „Mein lieber Karlheinz, soweit ich
weiß, hast du schon das ganze Jahr über deine Ruhe und bist
viel zu viel allein. Ein bisschen Abwechslung würde dich sicherlich
auf andere Gedanken bringen.“ Sie tätschelte ihn wohlwollend
am Arm.
Wenn er eines nicht mochte, dann waren es Leute, die meinten,
sein Leben nach ihren Vorstellungen verändern zu können
und die der festen Überzeugung waren, ihm damit etwas Gutes
zu tun. „Inge, ich glaube, dass ich immer noch ganz gut alleine
entscheiden kann, welche Abwechslung mir eine Wohltat ist
und auf welche ich lieber verzichte.“
„Wir möchten dich weder bevormunden, noch dich zu etwas
drängen, das dir widerstrebt.“, mischte sich Siegfried Bachmann,
Kapplers alter Freund, ein. „Wir haben uns lediglich
darüber gefreut, dass du dich nach so langer Zeit der Zurückgezogenheit
wieder mit uns getroffen hast und wir dachten, dass
dir ein kleiner Urlaub vom Alltag gut tun würde. Außerdem
lassen wir das Haus wegen der Gefahr durch Einbrecher nicht
gerne leer stehen und sind beruhigt, wenn jemand nach dem
Rechten sieht... Und wem kann man heute noch vertrauen?“,
fragte er nach einer kurzen Pause nachdenklich.
Im Gegensatz zu seiner Ehefrau und dem seltenen Gast saß
er im Schatten der ausgefahrenen Markise. Den wärmenden
und belebenden, stechenden Sonnenstrahlen schien er nichts
abzugewinnen.
Kapplers Glatze glänzte vom Schweiß, der ihm in unansehnlichen
Bahnen vom kahlen Haupt über das gerötete Gesichthinab lief und im wallenden, grauen Bart versickerte. Er bot
ein ungewöhnliches, unzeitgemäßes, altertümliches Bild und
glich eher einem um zwei Jahrtausende verspäteten keltischen
Druiden, als einem deutschen Pensionär seiner Zeit. Die Leute
tuschelten und schmunzelten, wenn sie ihn auf der Straße sahen
und die Meisten glaubten einen extravaganten Spinner vor
sich zu haben, während nur wenige erkannten, dass hinter der
außergewöhnlichen Fassade ein ebenso eigentümlicher, freier,
belesener und instinktsicherer Geist verborgen war.
Kappler war unangenehm dabei zumute, einem alten
Freund eine Bitte abzuschlagen. „Wie ist denn die Nachbarschaft?“,
insistierte er vorsichtig.
Inge winkte fröhlich grinsend ab. „Du wirst sie gar nicht
richtig bemerken. Hier rechts wohnt Frau Ziegler. Sie ist alt
und eine leicht verwirrte Querulantin, aber wenn sie nicht gerade
eine unangenehme Anwandlung bekommt, mit der sie
die gesamte Nachbarschaft quält, nimmt man sie gar nicht
wahr. Da du nur unser Gast bist, wird sie sich dir gegenüber
zurückhalten.“
Die Aussicht, sich mit einer debilen Dame auseinanderzusetzen,
die ominöse „Anwandlungen“ überkamen, war wenig
verlockend. Kapplers Blick wanderte über den akkurat geschnittenen,
saftig grünen Rasen zu einem prächtigen Eichelhäher,
der sich auf dem Zaun zu seiner Linken niedergelassen
hatte. „Und wie sieht es mit den Nachbarn auf der anderen
Seite aus?“

Seitenangabe für Zitat2: 
9

Heiner Schmitt verließ das Haus gegen 7.00 Uhr am nächsten
Morgen. Der Nachbar der Bachmanns trug sein dunkelblaues
Nadelstreifensakko leger über dem Arm, hatte die
obersten drei Knöpfe seines Hemdes aufgeknöpft und damit
seinen persönlichen Gipfel der Lockerheit erreicht. Mit seiner
modischen, einfallslosen Kurzhaarfrisur, die außer ihm niemand
gewitzt fand, unterschied er sich nicht von Hunderten
seiner männlichen Kollegen in der Bank. In der rechten Hand
hielt er einen verschrammten schwarzen Aktenkoffer aus Lederimitat,
in dem die Tageszeitung und belegte Brote für die
Mittagspause steckten. Männer wie ihm begegnete man auf
Schritt und Tritt, ohne sich an sie zu erinnern.
Die Kinder schliefen noch und seine Frau hatte sich nach
einem verschlafen gemurmelten „Guten Morgen“ im Bett
wieder umgedreht. Im Gehen drückte Schmitt auf den Autoschlüssel
und an dem Audi-Mittelklassewagen, den er seit einem
Jahr in Raten abzahlte, leuchteten die Scheinwerfer kurz
auf. Alles war wie jeden Morgen. Er öffnete die Fahrertür und
warf den Aktenkoffer, der ein Wirrwarr von allem, außer Akten,
enthielt, achtlos auf den Beifahrersitz. Das Sakko hängte
er an den Haken im Rückraum und strich pedantisch eine
Falte glatt.
Verwundert fiel sein Blick auf die Frontscheibe. Ein blütenweißes
Kuvert klemmte zwischen Glas und Scheibenwischer.
Schmitt nahm es heraus und sah es sich neugierig an. Es war
dünn, konnte also nicht viel enthalten. Kein Absender und
keine Aufschrift deuteten auf den Inhalt hin. Er schüttelte seine Pilotenuhr am Handgelenk in die richtige Position. Das
Schmuckstück war für Tauchgänge in 300 Meter Tiefe ausgelegt,
was er jeden mit vor Stolz geschwellter Brust wissen ließ,
während er darauf hinzuweisen vergaß, dass er noch nie tiefer
als zwei Meter im Familienspaßbad getaucht war.
Er hatte noch Zeit, bis er im Büro sein musste und setzte
sich hinter das Lenkrad. Hatten die Kinder ihm diese kleine
Überraschung am Abend hinterlassen? Sie waren so unglaublich
lieb und aufgeweckt, neben seiner Frau das größte Glück
seines Lebens.
Sicherlich hatten sie ein Bild für ihn gemalt, das er auf der
Arbeit neben die anderen krakeligen Wachsmalstiftzeichnungen
hängen konnte. Vorsichtig, um nichts zu beschädigen, riss
er den Umschlag auf. Er zog einen zusammengefalteten Zettel
heraus und faltete ihn erwartungsvoll auseinander. Ein Foto
purzelte auf den Boden des Wagens. Die ersten Sonnenstrahlen
schimmerten zart durch das mit einer Schreibmaschine beschriebene,
beinahe durchsichtige Papier. Schmitt las den Text
und traute seinen Augen nicht. Mit offenem Mund lehnte er
sich zurück und versicherte sich gebetsmühlenartig, dass diese
dreiste Lüge nicht wahr sein konnte. Er überflog die Zeilen ein
zweites, drittes und viertes Mal. Nein, niemals.
Hektisch bückte er sich und suchte nervös nach dem Bild,
das unter den Sitz gerutscht war.
ne Pilotenuhr am Handgelenk in die richtige Position. Das
Schmuckstück war für Tauchgänge in 300 Meter Tiefe ausgelegt,
was er jeden mit vor Stolz geschwellter Brust wissen ließ,
während er darauf hinzuweisen vergaß, dass er noch nie tiefer
als zwei Meter im Familienspaßbad getaucht war.
Er hatte noch Zeit, bis er im Büro sein musste und setzte
sich hinter das Lenkrad. Hatten die Kinder ihm diese kleine
Überraschung am Abend hinterlassen? Sie waren so unglaublich
lieb und aufgeweckt, neben seiner Frau das größte Glück
seines Lebens.
Sicherlich hatten sie ein Bild für ihn gemalt, das er auf der
Arbeit neben die anderen krakeligen Wachsmalstiftzeichnungen
hängen konnte. Vorsichtig, um nichts zu beschädigen, riss
er den Umschlag auf. Er zog einen zusammengefalteten Zettel
heraus und faltete ihn erwartungsvoll auseinander. Ein Foto
purzelte auf den Boden des Wagens. Die ersten Sonnenstrahlen
schimmerten zart durch das mit einer Schreibmaschine beschriebene,
beinahe durchsichtige Papier. Schmitt las den Text
und traute seinen Augen nicht. Mit offenem Mund lehnte er
sich zurück und versicherte sich gebetsmühlenartig, dass diese
dreiste Lüge nicht wahr sein konnte. Er überflog die Zeilen ein
zweites, drittes und viertes Mal. Nein, niemals.
Hektisch bückte er sich und suchte nervös nach dem Bild,
das unter den Sitz gerutscht war.wofür er lebte, sich Tag für Tag in der Bank aufrieb und wofür
er jeden Cent, den er verdiente, ausgab, war jetzt in Frage
gestellt.
„Guten Morgen, Herr Schmitt. Na, wollen Sie wohl fleißig
meine Rente verdienen?“ Die gellende Stimme und der dämliche
Witz waren ihm wohl vertraut – bekam er sie doch jeden
verfluchten Morgen mit leichten Abwandlungen zu hören.
Er drehte sich zu Herrn Köhler, der mit seinem Hund eine
frühe Runde ging, um. „Guten Morgen. Man freut sich, wenn
man sieht, für wen man von morgens bis abends schuftet.“
Das falsche, freundliche Grinsen erschien von selbst auf seinem
Gesicht und den in seinen Worten mitschwingenden Sarkasmus
überging der Unsympath starrsinnig.
Köhler hustete, zog den Schleim geräuschvoll hoch und
spie ihn ungeniert auf die Straße. „Nur nicht verzagen, mein
Freund. Auch Sie kommen einmal in meine Lage und dann
werden Sie verstehen, wie unangenehm und verdrießlich das
Leben eines Rentners ist. Man ist den ganzen Tag im Stress,
immer im Dienst, hat niemals frei und bekommt dafür eine
Rente, die gerade einmal zum Überleben reicht.“ Köhler versäumte
es nicht, in zwanzig Meter Abstand stehen zu bleiben
und dank seiner Lautstärke sicherzustellen, dass die ganze
Straße Anteil an ihrer Unterhaltung nahm. „Ich beneide Sie
um Ihren ruhigen Tag und Ihr beschauliches Leben, Herr
Schmitt. Seien Sie jeden Tag aufs Neue dankbar dafür, arbeiten
gehen zu dürfen. Eines Tages werden Sie wehmütig an
meine Worte zurückdenken.“
„An deiner Beerdigung wahrscheinlich.“, zischte Schmitt
durch die Zähne.

Seitenangabe für Zitat3: 
24
Verlag: 
Brockmeyer, Bochum
Auflage: 
Erstauflage
ISBN: 
978-3-8196-0795-0