Das Wasserwerk

E. L. Doctorow, der mit zahlreichen literarischen Auszeichnungen geehrte amerikanische Schriftsteller, führt in diesem Roman in das New York des Jahres 1871. Hier gerät der junge Journalist Martin Pemberton in ein gespenstiges Abenteuer. Er hat in einem Pferdeomnibus auf dem Broadway seinen ein Jahr zuvor verstorbenen Vater gesehen. Bei seinen Nachforschungen entdeckt er ein aufgegebenes Wasserwerk, in dem ein genialisch verrückter Arzt seinen Experimenten nachgeht.

Meine Gedanken zum Buch: 

Doctorow zeichnet in seinem Roman ein kritisch-satirisches Bild der Stadt New York in den 1870ern, einer Zeit, in der Korruption und Betrug von oberster Stelle regieren. Abgesehen von der mystischen Handlung rund um das Wiederauftauchen eines Verstorbenen erfährt der Leser vor allem eine Menge über das Zeitungswesen dieser Epoche, vor allem auch über das unwürdige und harte Leben der für Amerika so typischen Zeitungsjungen. Die Hauptfigur ist Journalist und heftet sich, getrieben von professioneller und auch persönlicher Neugier, auf die Spuren seines Mitarbeiters, der behauptet, seinen schon vor längerer Zeit verstorbenen Vater in einer Kutsche gesehen zu haben. Alle Spuren verdichten sich beim Wasserreservoir der Stadt, wo McIlvaine und seine Begleiter letztendlich eine schreckliche Entdeckung machen, die viele ethische Fragenzum Thema wissenschaftliche Forschung aufwirft. Beim Lesen des Buches hatte ich immer den Film "Gangs of New York" vor meinem geistigen Auge, der zwar nicht ganz in der selben Zeit spielt, aber doch auch ein recht griffiges und skurriles Bild von New York zeichnet. Korrupte Politiker, gierige Geschäftsleute, kleine Gauner und durchaus respektable Leute, die zu allem bereit sind, um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen. Alles in allem ein interessantes Zeitbild mit durchaus spannender tiefgreifender Handlung und gut gezeichneten Figuren, die es nur leider nicht geschafft haben, mich zu berühren. Ein paar Seiten hätte man vielleicht einsparen können, alles in allem aber ein feines Lesevergnügen.

In einer Hinsicht ist es bedauerlich, daß ich persönlich in das hineingezogen wrude, was ich vorläufig einmal diese Pemberton-Sache nennen will. Professionell versuchen Sie, so nah wie möglich an die Dinge heranzukommen, doch nie so weit, daß Sie hineingezogen werden. Wäre der Journalismus nicht ein Handwerk, sondern eine Philosophie, dann würde ich sagen, daß im Universum keine Ordnung herrscht, kein erkennbarer Sinn ohne ... die Tageszeitung. Also erfüllen wir armen Kerle, die das Chaos in Sätze pressen, welche sich zu Spalten auf einer Zeitungsseite fügen, eine bedeutende Pflicht. Wenn wir die Dinge so sehen wollen, wie sie sind, und den Redaktionsschluß einhalten wollen, dann lassen wir uns besser nicht hineinziehen.

Seitenangabe für Zitat1: 
20

Wir fanden es damals nicht so nötig, uns in unserer Berichtserstattung eines objektiven Tons zu befleißigen. Wir waren noch ehrlicher und direkter und machten nicht so ein scheinheiliges Getue um die Objektivität, die letzlich nur ein Verfahren ist, dem Leser eine Meinung zu suggerieren, ohne ihm dies zu sagen.

Seitenangabe für Zitat2: 
37

"Ist es nur eine Frage der richtigen Ausdrucksweise?"
"Ja, schließlich werden wir die Sprache, die Formeln - oder vielleicht das Rechtssystem finden ... die Gott entsprechen."
"Und auf Gett selber und seine Antworten kann man sich nicht verlassen?"
"Nicht auf Gott in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung."

Seitenangabe für Zitat3: 
273
Verlag: 
Btb
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3442721085