Bunny und Blair

Bunny_und_Blair.jpgKurzbeschreibung von Amazon:
Im Alter von 33 Jahren werden die siamesischen Zwillinge Bunny und Blair voneinander getrennt. Bunny kränkelt nach der Operation vor sich hin, während Blair seine sexuelle Freiheit genießen will. Tausende Kilometer entfernt, in der Bürgerkriegsregion am Fuße des Kaukasus, erstickt Ludmilla Iwanova ihren zudringlichen Großvater. Nun soll sie sich für den Unterhalt der Familie prostituieren. Ihr Foto landet auf der Website eines dubiosen Heiratsvermittlers, und so verliebt sich Blair in Ludmila. Seinen Bruder im Schlepptau, macht er sich auf den Weg gen Osten, um die Frau seiner Träume zu treffen. Es entspinnt sich ein aberwitziges und atemberaubendes Drama, in dem sich alles um die Macht der Triebe, die Überzeugungskraft von Kalaschnikows und ein sättigendes Englisches Frühstück dreht.

Meine Gedanken zum Buch: 

DBC Pierre's erstes Buch "Jesus von Texas" war ein großer Erfolg - mit Recht. Sein Nachfolgewerk  wurde von der Kritik durchwegs negativ aufgenommen, auch die Leser konnten sich damit nur bedingt anfreunden.
 
Ich selbst muss dazu sagen, dass ich während des Lesens stets einen Film im Kopf ablaufen hatte, eine Mischung zwischen Kaurismäki und Tarantino. Skurril, trist, brutal, schwarz-weiß und grellbunt auf einmal.
Einerseits erleben wir die gerade erst voneinander getrennten siamesischen Zwillinge Bunny und Blair, die auf für sie nicht nachvollziehbare Weise in die englische Gesellschaft eingegliedert werden sollen, was zu slapstickartigen Szenen führt. Andererseits begleiten wir Ludmilla durch die Wirren eines Bürgerkrieges in einer fiktiven Gegend im Kaukasus. Immer wieder musste ich an Gogols "Tote Seelen" denken, an diesen schrägen Galgenhumor, der so treffend die Missstände im Russland des 19. Jahrhunderts beschreibt.
 
Alles in allem ist dieses Buch eine Satire auf die englische Gesellschaft und die russische Seele, und gleichzeitig eine berührende Geschichte von Menschen, die in Umständen gefangen sind, die sie emotionell binden und ihnen die Freiheit nehmen, das zu tun, was sie sich im Innersten wünschen.
Wenn man sich an Brachialsprache nicht stößt und die blutige Gewalt im Sinne eines Tarnatino als Mittel zum Zweck sehen kann, ist dieses Buch ein Leseerlebnis der besonderen Art, das ich allen Menschen mit einem Sinn für schrägen Humor nur empfehlen kann.

"Wenn man sie hier ehrlich akzeptierte, würde man sagen: 'Afrikanische Mitglieder unserer Gesellschaft'. Worte sind Konzepte, Blair."
"Das ist doch absurd."
"Nein, Kumpel, das ist die bittere Wahrheit. Indem du jede Kritik tabuisierst, schreibst du das Rassenproblem fest. Und komm mir nicht damit, daß du beschissen multikulturell wärst, weil du dich mit Leuten wie Nicki herumtreibst - sie ist doch nur ein modisches Accessoire mit Knackarsch für dich. Du hast immer gesagt, farbige Mädchen hätten die besten Ärsche."
"Dagegen lege ich jetzt verdammt ernsthaften Einspruch ein."
"Genau das solltest du auch. Denn trotz aller hippen Allüren bleibst du eine analfixierte weiße, bürgerliche, faschistische Schnapsnase."

Seitenangabe für Zitat1: 
143

"Sie verkaufen sie ja wie Brote im Depot!" Ludmilla scrollte sich auf dem Computerbildschirm durch Hunderte dunkler Fotos. Iwan knipste die 40-Watt.Lampe im Abstellraum über der Bar aus, damit die Gesichter auf dem Bildschrim besser zu erkennen waren. Aus einem Radio, das auf der Fensterbank stand, knisterte ein Popsong, der mal lauter und mal leister wurde, als müßte er sich einen Weg durch die Spaliere bunt angepinselter Frauen bahnen.
"Nein, ich verkaufe sie nicht", sagte Iwan. "Sie verkaufen einen Traum. Sie verkaufen eine Adresse, an die man dann zuckersüße und vorwitzige Briefchen schreiben kann, die von unseren Übersetzern mit unverbindlichen Floskeln beantwortet werden. In diesem Augenblick sitzen diese Mädchen zuhause und warten auf Briefe voller Bargeld."

Seitenangabe für Zitat2: 
188

Sie waren Inseln gewesen. Nun wollte einer von ihnen zur Halbinsel werden.
Blair stand da, die schmalen Lippen halb geöffnet.
Bunny nahm die Sonnenbrille ab. An seinen Augenrändern zitterten Tränen. Sie fielen nicht, sondern blieben glitzernd hängen. Bunny legte die Hände langsam auf Blairs Schultern, dann an dessen Kopf. Er küßte ihn so sanft auf die Schläfen, als striche ein Libellenflügel darüber hinweg. "Tut mir leid, Kumpel. Wegen alem"
"Nicht doch, Buns. Mir tut es leid."
"Nein, Kumpel. Bitte nicht. Ich habe nur durch dich gelebt. Du warst mein Charisma."

Seitenangabe für Zitat3: 
239
Verlag: 
Aufbau-Verlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3351030964