Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam

In ihrem Debütroman entfaltet Vea Kaiser mit großer Verve und unwiderstehlichem Witz die Welt des abgeschiedenen alpenländischen Bergdorfes St. Peter am Anger und erzählt die Geschichte einer Familie, die über drei Generationen hinweg auf kuriose Weise der Wissenschaft verfallen ist. Gegen die Engstirnigkeit und den unreflektierten Traditionssinn der St. Petrianer hegt Johannes A. Irrwein – geschult an seinem Großvater, dem Bandwurmforscher Johannes Gerlitzen – seit frühester Kindheit eine starke Abneigung. Bildungshungrig und aufgeweckt wie er ist, sehnt er sich nach jener aufgeklärten Welt, die er hinter den Alpenmassiven vermutet. Als der Musterschüler jedoch unerwartet durch die Matura fällt, beginnt er, sich mit seinem Dorf auseinanderzusetzen. Seinem Lieblingsautor Herodot, dem Vater der Geschichtsschreibung, nacheifernd, macht er sich daran, die Chroniken seines Dorfes zu verfassen – und verursacht dabei ungewollt das größte Ereignis in der Geschichte St. Peters, das das Bergdorf auf immer verändern wird. Ein 14,8 Meter langer Fischbandwurm, eine Seifenkiste mit Kurs auf den Mond, ein ungeahnt attraktiver Mönch im Jaguar, eine schwangere Dorfprinzessin, eine altphilologische Geheimgesellschaft, eine nordicwalkende Mütterrunde, ein Jungfußballer mit dem Herz am rechten Fleck, eine sinistre Verschwörung der Dorfältesten sowie jede Menge poppige Blasmusik gehören zum einzigartigen Mikrokosmos dieses Romans, der durch seine Liebe für leuchtende Details und skurrile Begebenheiten, durch seinen erzählerischen Furor und seine Vielstimmigkeit besticht. Vea Kaiser gelingt mit dreiundzwanzig Jahren ein wagemutiges, herausragendes Debüt. Dieser Roman wird Sie verzaubern.

Meine Gedanken zum Buch: 

Ein absoluter Knaller, Vea Kaiser hat das Buch selber in unserer Buchhandlung vorgestellt und Pasagen daraus vorgelesen, aber selber lesen ist einfach besser.

Verlag: 
KiWi
Auflage: 
Erstauflage
ISBN: 
978-3-462-04464-5

Kommentare

  1. Die schiefen und vom Tonband verzerrten hohen Töne des Refrains schmerzten in Mark und Bein. (V. Kaiser)

     
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  2. 1m
    V. Kaiser aus Blasmusik-Pop, S 332

     
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  3. 1m
    Du bist perfekt, deine Nase ist die schönste der Weltgeschichte, nicht mal Kleopatras Nase war so schön, und wegen der wurden Kriege geführt

     
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  4. 3m
    Kairos, der von uns verehrte Gott des rechten Augenblickes, hat mir heute eine Fährte gelegt, die ich sofort witterte. (V. Kaiser)

     
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  5. 5m
    Sogar die Frühlingsvögel hielten die Luft an. (V. Kaiser)

     
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  6. 1h
    Heilige Schimpfwörter fielen. (V. Kaiser)

 

  1. ernährt von undefinierbaren Krümeln. (V. Kaiser)

     
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  2. 1m
    In der Polsterritze entdeckte X eine Kolonie zerknüllter Taschentücher, die zusammen mit Haargummis ein Paralleluniversum gegründet hatten.

     
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  3. 3m
    Es endet immer im Unheil, wenn ein Rat aus ausschließlich alten Männern Verantwortung in die Hand bekommt ... (V. Kaiser)

     
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  4. 4m
    Wie kann man sich konzentrieren, wenn man pausenlos auf Botschaften antworten muß? (V. Kaiser)

 

Auf und ab, wie in den Bergen, wo diese Geschicht spielt. Der Beginn ist ausgeklügelt, wohlüberlegt, spontan, überraschend und sehr flüssig zu lesen. Die Generationserzählung kommt jedoch ins Stocken, da die Spannung im Mittelteil nicht gegeben ist. Warum? Ja, da wird die Stumpfsinnigkeit beschrieben, das ist halt als Thema nicht spannend. Die Doppelhandlung aus der Vergangenheit, die sich sehr historisch fundiert gibt, ist unnötig, da sie auch mit der Haupthandlung nur entfernt verknüpft ist. Die Briefe an Johannes' Mittelschul-Kollegen dagegen sind auflockernd und gleichzeitig halten sie den inhaltlichen Rahmen fest. Gegen Ende, wie sich doch noch ein zentrales Thema ("Wir spielen Fußball gegen eine Weltmannschaft") ergibt (oder steuert eh alles darauf hin?) wird es nochmals richtig lustig und nun hat man endlich auch Bilder zu den Personen im Kopf. Ja, was soll ich sagen, fast hätte ich es bei der Hälfte weggelegt. Gut, dass ich durchgehalten habe. Für einen Debüt-Roman dann doch nicht übel und damit die Schulnote 2.

Mir ist es mit der "Doppelhandlung aus der Vergangenheit" ähnlich ergangen. Am liebsten hätte ich diese Exkurse übersprungen, aber brav wie ich bin... Vielleicht sollten diese Texte von Johannes verfasst worden sein, was meinst du? Ansonsten hat mir dieser Roman sehr gut gefallen. Exzellent und intelligent am Anfang, ein bisschen langatmig im Mitteilteil, aber wieder formidabel zum Schluss.