Die Nacht war sommerlich warm, schwül und schon für
gesunde, junge Menschen eine Strapaze, doch alten, kranken,
bettlägerigen Zeitgenossen geriet sie zur unerträglichen Qual.
Nicht wenige schlossen in diesen Stunden für immer ihre Augen.
Etliche erlitten Kreislaufzusammenbrüche, Herzstillstände
und bei anderen versagten die letzten schwachen Kräfte, die
sie noch im Leben hielten.
Darüber machte sich der alte Mann allerdings keine Gedanken.
Sein Leben war nur mehr ein immer gleiches, dunkles,
von keiner Aufhellung, keiner Abwechslung und keinem
schönen Gedanken mehr unterbrochenes Warten. Worauf,
wusste er selbst nicht zu sagen. Die Pflegerin, die nachts über
die Heimbewohner wachte, hatte ihm eine gute Nacht gewünscht,
nachdem sie sich vergewissert hatte, dass bei ihm
alles in bester Ordnung war und ihn dann, wie jeden Abend,
allein gelassen und sich jenen gewidmet, die ihrer Aufmerksamkeit
mehr bedurften, als der bescheidene, unauffällige und
scheinbar immer zufriedene alte Herr.
Seine vom Leben gegerbte und von tiefen Falten durchfurchte
Haut war bis in den letzten Winkel von fechtnassem,
klebrigem Schweiß überzogen. Das Atmen fiel ihm schwer
und er fühlte sich, als laste ein Sack Zement auf seiner Brust.
Wie bei diesen Temperaturen nicht anders zu erwarten, versank
er in einem halbwachen, halbwahnsinnigen Zustand,
in dem sich Halluzination und Realität zu einem schweren,
langatmigen Alptraum vermischen und in dem man die Sorge
bekommt, nie wieder klar und zurechnungsfähig zu werden.
Vor dem weit geöffneten Fenster, dass er nicht sehen, sondern
nur erahnen konnte, raschelte das Laub des Ahorns sachte
im kaum wahrnehmbaren Wind, der nicht bis ins Zimmer
reichte und die warme Luft draußen nur ein wenig verwirbelte,
statt für die ersehnte Abkühlung zu sorgen. Gelegentlich
knarrte der Rahmen, wenn er von einer der Brisen kaum hörbar
bewegt wurde.
Jeder Atemzug wurde zu einer Anstrengung, die er einzeln
und belastend auf sich nahm. Im Ohr begann er seinen Puls
schlagen und sein schlechtes, krankes Blut rauschen zu hören.
Immerhin, dachte er, war es trotz miserabler Werte, bei denen
andere schon gestorben wären, noch gut genug, um seinen
Körper und die zunehmend schwerfällig arbeitenden Organe
mehr schlecht als recht funktionieren zu lassen.
Schwülstig gefährliche, blutige, wirre Bilder zogen in einer
absonderlichen, peinigenden Diaschau vor seinem inneren
Auge vorbei. Seine Haut klebte am Bettzeug fest und der
Atemzug, dem seine volle Aufmerksamkeit galt, wurde noch
schwerer. Zusätzlicher Schweiß trat ihm auf die Stirn. Warum
musste das Alter untrennbar mit Leid, Niedergang und langsamem
Übergang in den Tod verbunden sein?
Heute Nacht konnte es zu Ende gehen. Wenn man demEin- und Ausatmen, dem fast nie die Aufmerksamkeit des Bewusstseins
gilt, sondern das mechanisch vom Unterbewusstsein
als notwendige Selbstverständlichkeit zur Erhaltung des
Organismus koordiniert wird, den kümmerlichen Rest an klaren
Gedanken schenken muss, sollte man Angst bekommen.
Der alte Herr im Seniorenheim fürchtete sich nicht davor,
endgültig abberufen zu werden. Er war im Hier und Jetzt, im verschwitzten Bett, im stickigen Zimmer, in seiner irrealen,
schrecklichen Dunkelheit gefangen. Sich zu bewegen, war
ihm zu anstrengend und nichts hätte ihn bei diesen Temperaturen
zu beruhigenden, vertrauten klaren Gedanken bringen
können. Sollen nicht schon normale, friedfertige Menschen in
ähnlichen Zuständen getötet haben, ohne sich im Nachhinein
daran zu erinnern? Stumme Schreie, Blut, Särge, ätzende
Wunden und alles, was ein gesunder Geist gern verdrängt,
peinigten den alten Mann, der auf die Gnade hoffte, einzuschlafen.
Obwohl er sich zusammenriss, war es ihm unmöglich,
die verrückten Gedanken, die grausigen Bilder, abzuschütteln
und er brachte es nicht einmal fertig, einen Finger zu
heben, geschweige denn, sich aufzusetzen. Das morbide Kino
nahm kein Ende. Sollte er die Belastung, Luft einzuziehen,
überhaupt noch weiterhin auf sich nehmen? In Momenten wie
diesen, ist es einfacher, sich dem Tod zu ergeben, als das Leben
zu verewigen. Seine Erschöpfung war vollkommen. Er dämmerte
dahin.
Ein gedämpftes Poltern drang an sein Ohr. Er vernahm
geisterhafte Schritte, die sich auf ihn zu bewegten. War er
noch allein in seiner Alptraumwelt? Hatte er soeben die Grenze
überschritten, hinter der Erscheinungen, imaginäre Freunde,
einflüsternde Stimmen, Dämonen und dauerhafte geistige
Umnachtungen lauerten? Nein, er war nicht mehr allein. Seine
Augenlider waren so unbeweglich, als hätte man sie in geschlossenem
Zustand mit zuverlässigem Sekundenkleber festgeklebt.
Er nahm sich zusammen, legte seinen ganzen Willen
hinein und nach einer kleinen Ewigkeit bekam er sie einen
winzigen Spalt weit geöffnet. Da das Augenlicht ihn fast zur Gänze verlassen hatte, war das, was es ihm in der Dunkelheit
zeigte, genauso verschwommen, schwarz und unbestimmt wie
die Welt, aus der er in den letzten Stunden nicht hinausgekommen
war. Eine abkühlende Klimaanlage hätte ausgereicht, um
die Überhitzung seines Körpers und den temporären Wahnsinn
zu beenden, doch hier gab es sie nicht.
Stand dort ein unbeweglicher Schatten? Sah ihn jemand
an? Er glaubte, einen fremden Atem zu spüren, ein fremdes
Herz schlagen zu hören. Er wurde verrückt. Natürlich war
niemand außer ihm im Raum und ebenso selbstverständlich
hatte er keine Schritte gehört. Wie von selbst, schlossen sich
seine Augen wieder und er ergab sich der heißen, schauderhaften,
entsetzlichen Welt in seinem inneren, seinem vernebelten
Gehirn, seinem versagendem Leib.
„Erinnern Sie sich an mich?“, fragte eine ferne Stimme.
Der greise Herr antwortete nicht. Wenn man einmal anfängt,
mit nicht existierenden Stimmen zu sprechen, sagte er
sich, hörte man möglicherweise nie mehr damit auf.
„Ich werde Sie und Ihren Namen niemals vergessen.“ Die
Stimme schwieg nach diesen eindringlichen Worten. Nach einer
langen Pause sagte sie: „Ich bin hier, um Ihnen eine Frage
zu stellen.“
Jetzt stellte ihm der herbeigeträumte Gesprächspartner, der
seiner Phantasie entsprang, also hartnäckige Fragen.
Die Stimme nannte einen Namen. Der Alte hoffte, dass sie
so schnell und plötzlich verschwand, wie sie gekommen war,
wenn er sie standhaft ignorierte. Mit Geistern redet man nicht.
Eine stahlharte, eiskalte Hand umklammerte sein abgemagertes,
knochiges, verschwitztes Handgelenk. Er fühlte Schmerzen, die es nicht geben konnte, weil die Person, die sie
verursachte, nur in seinem Kopf existierte, ihm Gesellschaft
leistete und ihn mit ihrer Aufdringlichkeit belästigte.
Jetzt hauchte sie ihm etwas aus unmittelbarer Nähe ins
Ohr. Er roch den fremden Atem und fühlte ihn auf der Haut.
Die Faust, die sein Handgelenk zerquetschte, drückte fester
zu. Er war nicht im Stande, zu schreien. Die der Erschöpfung
geschuldete Lähmung war vollkommen.
„Sie erinnern sich genau.“, sagte die Stimme mit hypnotisierender,
betonungsloser Gleichmäßigkeit. „Sie vergessen
meinen Namen so wenig, wie ich Ihren vergessen habe.“
Der alte Herr gab auf. „Warum sind sie gekommen?“
„Sie wissen also, wer ich bin?“ Die Stimme war so nah bei
ihm, wie seine eigene.
„Ja, Sie haben recht.“ Flüsternd zu hauchen, fiel leichter, als
gedacht. „Was wollen Sie von mir?“
Eine schier endlose Pause absoluter, vollkommener Stille
entstand. „Das können Sie sich wirklich nicht denken?“ In der
Frage schwang kein ehrliches Erstaunen mit, sondern nur die
traurige Bestätigung einer bestimmten Erwartung.
„Nein.“, rang der alte Herr sich ab. „Das kann ich nicht.“
Erneut verfiel die schemenhafte Gestalt in abwartendes
Schweigen. Vor dem Fenster raschelten die Blätter wieder und
der bis zur Unerträglichkeit erschöpfte Mann wähnte sich endlich
allein. Der Geist hatte sein Handgelenk freigegeben und
auf das Bettlaken zurückfallen lassen. Jetzt, da der Wahnsinn
sich zu lichten begann, konnte er daran denken, zu schlafen.
„Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen, die den nicht
hoch genug einzuschätzenden Vorteil hat, wahr zu sein.“ Die
eingebildete Stimme war wieder nah bei ihm und malträtierte
ihn mit ihrem verstörenden Realismus. Er hätte schwören können,
dass sie tatsächlich existierte.
„Verschwinde...“. Er setzte dazu an, seinem Gesprächspartner,
den es gar nicht geben durfte, die Tür zu weisen und ihn in die
dunkle Ecke seines Verstandes zurück zu schicken, aus der er
ohne Vorankündigung aufgetaucht war. Man konnte die Erde
Jahrzehnte bewohnt und alles gesehen haben – und dann reichte
eine heiße Sommernacht aus, um Unmögliches geschehen zu
lassen und ein Weltbild zu zertrümmern.
Die kalte Hand, die vor einer Minute, vielleicht auch einer
halben oder ganzen Stunde – die Zeit steht still in solchen Zuständen
– sein Handgelenk zerquetscht hatte, legte sich mit bestimmender,
kompromissloser Macht auf die zitternden Lippen
des alten Mannes. „Sparen Sie sich Ihre Kraft für die Antwort
auf die Frage, die Sie mir nicht beantworten wollten. Wenn Sie
sich meine Geschichte angehört haben, werden Sie mir den Namen,
den ich wissen möchte, verraten. Ich weiß, dass Sie ihn
kennen.“
Der Geist begann mit einem Vortrag, der kein Ende nehmen
wollte. Die Bilder, die sich währenddessen im Kopf des alten
Mannes zusammensetzten, standen den alptraumhaften Halluzinationen,
die er vor seinem Auftauchen gehabt hatte, nicht
nach. Er driftete davon. Die Stimme entfernte sich immer weiter,
während der Greis in seinem Wahn versank und ihn der klebrige
Schweiß auf seiner Haut, der ausgetrocknete Mund und seine
grenzenslose Erschöpfung malträtierten.
Sprach der Geist noch mit ihm? Seine Stimmbänder bewegten
sich wie von selbst und sprachen einen Namen aus, der
aus den Tiefen seiner Erinnerung herangerauscht kam.
Hatte er jetzt endlich Ruhe? Er konnte nicht mehr.
Kalte, schweißnasse Hände legten sich um seinen Hals und
drückten zu. Er blieb passiv und hatte nichts mehr zu seiner
Verteidigung aufzubringen. Ein Ring aus Stahlbeton drückte
ihm die Luft ab. Wenige Sekunden später versank er in der
Schwärze. Noch einmal riss er mit letzter Kraft für einen Sekundenbruchteil
die Augen auf. Das Letzte, was er von dieser
Welt sah, war das zufriedene, gütige Gesicht des Mörders, der
sich über ihn beugte.