Game over
Ob er wohl wach wird? Mist, was mach ich nur, wenn er wach
wird. Hätte ich doch nur nicht die Rundschau gelesen.
Hier in der Notaufnahme liegt sie auch. Irgendjemand hat sie
wohl vergessen. Sie liegt da und ich kann gar nicht weg sehen.
Am besten ich schmeiße sie in den Müll. Nicht dass einer vom
Personal sie noch sieht und auf komische Gedanken kommt.
Ich muss es aber noch mal sehen. Ach, hätte ich das vorher
gewusst, ich hätte sie nicht aufgeschlagen. Aber, das ist ja unlogisch.
Ich denke nur noch unlogisch. Das muss an den Beruhigungstabletten
liegen, die ich genommen habe.
Die Ärztin war ja `ne ganz Nette.
„Das wird schon´.“, hat sie zu mir gesagt. Wenn die wüsste.
Wie sollte alles werden, jetzt nachdem …
Da vorne der Mann ist total nervös. Vielleicht hat er aber nur
Angst, so wie ich.
Ob man es mir anmerkt. Ach, was sollen die merken. Nur meine
Angst, aber den Grund, den kennen sie ja nicht. Mein Verhalten
ist völlig normal.
Simon hat sich auch ganz normal verhalten. Als wenn nichts
gewesen wäre. Er kam spät nach Hause, aber das passiert schon
mal an so einem Tag: Der BVB hat zu Hause gegen Schalke
4:1 gewonnen. Ein glatter Sieg, fast eine Demontage. Barrios
hat zwei Tore geschossen, eins Lewandowski und eins Kagawa.
Ich hab es im Radio gehört und bereits gewusst, dass es später
werden wird. Er hat dann auch gegen sechs angerufen und
Bescheid gesagt. Als er dann gegen 23 Uhr kam, war er ziemlich
betrunken und erzählte, wie schön es gewesen wäre. Wenn
ich doch hätte mitkommen können und bald würden wir alle
zusammen, ich und unser Baby und er ins Stadion gehen, sobald
das Kleine alt genug wäre. „Und dann meld ich ihn beim
BVB an, als Mitglied und später bei der Eintracht. Er geht auf
jeden Fall Fußballspielen. Das ist klar, Corinna. Und der erste
Strampler wird schwarz/gelb. Ach, ich kauf gleich zwei davon
oder drei.“ Völlig euphorisch war er. Und dann hat mich ganz
lieb angesehen, ist in die Knie gegangen und hat unserem Kind
etwas zugeflüstert, dass ich nicht verstand.
Ich fragte noch nach dem Spiel und er stellte einige Szenen
direkt im Wohnzimmer nach. „Also der Weidenfeller, ein Paradebeispiel
für einen Torwart, das wird unser neuer Nationaltorwart,
der Neuer ist weg, nach diesem Spiel. Da bin ich sicher.
Also da kommt der Huntelaar, umspielt Hummels, der war
heute nicht ganz so gut drauf, als nächstes spielt er Subotic aus
und wir dachten schon alle: Jetzt ist er drin! Jetzt ist er drin und
dannSchuss! Dabei flog unser Kissen in das Bücherregal und
ich lachte laut. Simon ließ sich nicht irritieren.
“Und Weidenfeller, super sag ich dir, einfach nur super. Hält.
Ohne nachzudenken, pure Reaktion, zack, hat er den Ball. Ein
Aufatmen auf der Südtribüne. Das musst du doch hier noch
gehört, Schatz. Und dann die Tore von Barrios, zweimal hat
Lewandowski vorgelegt, ein Tor hat er selbst geschossen. Er ist
der Held des Tages. Gut dass der Kloppo ihn wieder rein genommen
hat, das hat er sich auch verdient. Ach Schatz, das war
ein super Spiel. Wird Zeit, dass du wieder mitkannst.“
Ich stimmte ihm zu und sagte ihm, wie ich die Südtribüne vermissen
würde und die Leute, die ich nur da treffe und dass wir
den Kleinen, sobald er soweit ist, zur Oma bringen, damit ich
mal wieder mit kommen kann.
Anschließend saßen wir noch gemütlich auf dem Sofa.
Er hat mich mit einer Decke zugedeckt und wir haben ein bisschen
gekuschelt. Richtig schön war es. Er hat meinen Bauch gestreichelt
und mir gesagt, wie sehr er mich liebt und wie glücklich
er ist.
Das war vorgestern.
Heute ist Montag.
Heute ist alles anders.
Heute Morgen bin ich zum Frisör gegangen und dort lag sie,
die Rundschau. Ich habe sie aufgeschlagen. Ganz normal, wie
immer und dann auf der zweiten Seite hab ich es gesehen: Das
Photo. Der Rombergpark, die Allee, Sonne und in der Mitte:
Simon und seine Arbeitskollegin Louise, verliebt aneinander
geschmiegt. Sie küssen sich gerade. Darunter stand: „Die erste
Frühlingssonne lockte am Samstagnachmittag in die Dortmunder
Grünanlagen. Nicht nur in der prächtigen Lindenallee
genossen Liebespaare …“
Stopp! Halt! Falsch! Die sind kein Liebespaar, das Liebespaar
heißt Corinna und Simon, das sind wir: Simon und ich, verheiratet
seit zwei Jahren, ich im achten 8 Monat, kennen gelernt
vor drei Jahren. Wir sofort verliebt. Die große Liebe, für immer,
heiraten und ich bin sein ein und alles und er liebt mich,
ich liebe ihn, wir bekommen noch mindestens zwei Kinder, wir
wissen schon, wie sie heißen, auf welche Schule sie gehen werden.
Unsere gemeinsame Zukunft ist unabänderlich geplant.
Ich habe die Zeitung sorgfältig zusammen gefaltet und bin
dann gegangen. Als er dann von der Arbeit nach Hause kam,
bin ich erst mal ganz ruhig geblieben. Nur unser Baby hat wohl
gemerkt, dass etwas nicht stimmte und hat kräftig gegen meinen
Bauch geboxt. Ich hatte mir vorgenommen, ganz ruhig zu
bleiben, alles durchzudiskutieren, alles logisch zu betrachten.
Vielleicht ist ja nichts gewesen, vielleicht haben sie das Photo
nur für den Photographen gemacht. Aber warum war er dann
überhaupt im Rombergpark und nicht im Stadion?
Vielleicht war es vor dem Spiel gewesen? Ich wollte ihn das
alles fragen. Warum ich dann, als er sich wegdrehte, die Mamorskulptur
auf seinen Schädel krachen ließ, ich weiß es nicht.
Ich weiß es einfach nicht. Er ist umgefallen und hat mich ganz
ungläubig angeschaut. Ich habe noch gewartet. Ich weiß nicht
warum. Irgendwann aber, dachte ich, ich muss Hilfe holen,
sonst fällt es auf. Simon hatte die Augen geschlossen.
Vielleicht wollte er mich nicht mehr sehen.
Die Skulptur befreite ich vorsichtshalber von meinen Fingerabdrücken.
Dem Notarzt sagte ich, die Skulptur hätte auf dem Regal gestanden
und Simon hätte etwas unten aus dem Regal ziehen
wollen und das hätte gehakt und er hätte weiter fest gezogen
und das Regal hätte gewackelt und mit ihm die Figur und dann
wäre sie plötzlich runter gefallen und direkt auf seinen Kopf
geknallt. Ich hätte in der Tür gestanden und noch „Vorsicht“
gerufen, aber alles wäre so schnell gegangen und …
dann hab ich geheult …
Ich war sehr glaubwürdig, ich bin eine schwangere Frau.
Ob er wieder wach wird? Dann komme ich ins Gefängnis. Das
Kind kommt bestimmt ins Heim oder noch schlimmer zu ihm
und Louise, dieser alten Schlampe. Er darf nicht wach werden.
Und was, wenn doch?
Ob ich ihm unauffällig ein Kissen aufs Gesicht drücken kann?
Sie müssen mich zu ihm lassen. Ich bin seine Frau.
Bitte, bitte stirb Simon.