Späte Wiederentdeckung der böhmischen Dörfer
Der Titel des Buches ist doppelsinnig: "Böhmische Dörfer". Das meint nach altem Sprachgebrauch etwas, von dem man keine Ahnung hat. Jürgen Serke nun machte sich auf, in einer speziellen Hinsicht just in der bezeichneten geographischen Region zu erkunden, was für uns wahrlich "böhmische Dörfer" sind. Er nennt sein Unternehmen: "Wanderungen durch eine verlassene literarische Landschaft".
Bei der Wahl dieses Untertitels mag ein Seitenblick auf Fontane hineingespielt haben. Aber hier ist der Autor kein Betrachter nur in kluger Beschauhchkeit oder ein poesievoller Scrülderer; er ist vielmehr ein angestrengter Sucher.
Jürgen Serke, rühmlich ausgewiesen durch seine schon als Standardwerke sich bewährenden Dokumentationen "Die verbrannten Dichter" und "Das neue Exü - Die verbannten Dichter", hat in mühevollen Recherchen Erkundungen angestellt, um der böhmischen Dichter deutscher Sprache aus unserem frühen Jahrhundert habhaft zu werden kaum mehr bekannte, wiederzuentdeckende Namen.
Weltweite Suche nach vergessenen Namen
Er hat dafür viel und weit reisen müssen, damit seine "Böhmischen Dörfer" Konturen gewinnen konnten. Er stöberte in europäischen, amerikanischen und israelischen Archiven und Bibliotheken, suchte Zeugnisse und Zeugen für die 47 Dichter, deren Lebensläufe er auf- und nachzeichnet und zu deren Schaffen er wichtige Einblicke vermittelt. Wie erschreckend: Beinahe alle diese Autoren wurden unter dem Hitler-Regime in die Emigration oder in die Konzentrationslager getrieben. Nun fällt Licht in ein verdunkeltes Kapitel Zeit- und Kulturgeschichte.
Kafka, Rilke und Werfel, die bewahrten Berühmten, sind zugunsten der anderen im großen Kreis der Prager/ Böhmen hier nicht gesondert behandelt. Doch es ergeben sich diverse Bezüge. So ist Interessantes zu erfahren über den Kafka-Freund und (angefochtenen) Kafka-Herausgeber Max Brod.
Zu Beginn des ihm gewidmeten Kapitels zitiert Serke den "schnoddernden" Hermann Kesten: "Die ganze Prager Schule ist telefonisch mit dem heben Gott verbunden, lauter Kaffeehauskünstler mit mystischen Weltsymbolen. Auch die meisten Objekte ihrer Wollust saßen im Kaffeehaus. Alle hatten sie Spaß am Verstiegenen, Skurrilen, Fremden; die ganze Welt sah bei ihnen wie Prag und Prag wie die ganze Welt aus, mit Golems, mit Hradschins, mit dem Judenfriedhof und dem böhmischen Sprachenproblem. "
Welch ein erstaunliches Spektrum sich von Prag aus entfaltet hat, weist Jürgen Serke aus. Seine Entdeckungen verblüffen, seine Darstellungen sind reich an Fakten und fesseln. Da bietet er uns, um einige aus dieser respektablen halben Hundertschaft der schreibenden Zunft zu nennen: H. G. und Paul Adler, Paul Kornfeld, Hermann Grab, Ernst Weiß, Walter Serner, Josef Paul Hodin, George Saiko, Ludwig Winder, Johannes Urzidü, Hans Natonek, Josef Mühlberger, Leo Perutz, Joseph Wechsberg.
-Europa starb in Prag"
Die Umfange der einzelnen Darstellungen differieren, bedingt wohl durch das unterschiedliche Quantum an Quellenmaterial. Serke mühte sich um ein Optimum der Vermittlung, selbst wenn etwa für Saiko nur ein wenig mehr als zwei Seiten stehen.
Die Resultate der Expedition Jürgen Serkes liegen vor in einem gewichtigen, opulenten Band. Er ist üppig ausgestattet mit Porträts, Werkbüdern, Illustrationen und Handschriften - fast auch ein BUderbuch! Von beträchtlichem Nutzen ist der Anhang mit Literaturverzeichnis und Register.
Nicht ohne manchen Einwand hinzunehmen, höchst anregend indes jedenfalls, er- öffnet Jürgen Serke - in heiklen Jahren Korrespondent in Prag - sein Buch mit dem Essay "Europa starb in Prag". Er holt weit aus und geht energisch nahe heran: "Ich schreibe über eine Literatur, die Opfer der Pohtik wurde. Chamberlain machte die Pohtik erst möglich. Hitler besorgte, Stalin vollendete sie."
Die geschichtliche Position Prags zu fixieren, blickt er zurück auf den tschechischen Reformator Hus, der 1415, zum Konzü nach Konstanz geladen, als Ketzer verbrannt wurde. Kolumbus' Amerika-Entdeckung ist nach Serkes Ansicht für das Weltbüd (europäisch gesehen) weniger gravierend: "Jan Hus gab dem europäischen Denken jene Richtung, die über Luther und Calvin zu uns heute führt. Eine Richtung, die die Welt veränderte. Wir kommen alle aus Böhmen." Die Literatur der "böhmischen Dörfer" hat ihre Ausprägung und ihren Rang im Spannungsverhältnis der tschechischen, deutschen und (akzentuiert) jüdischen Traditionen und Bindungen gewonnen.
Serkes Bemühen geht weiter: Er betreut die Reihe "Böhmische Dörfer" im Paul Zsolnay Verlag. Nach dem Bemühen um Leo Perutz hegen jetzt auch Neuausgaben von Romanen Hans Natoneks, Ernst Sommers und Ludwig Winders vor.