Lieblingsgedichte

Bild von Reinhard E. Karner
Verfasst von bookreaders team member Reinhard E. Karner am Fr, 09/10/2009 - 18:28

Wir fühlen dankbar wie zu leisem brausen
Von wipfeln strahlenspuren auf uns tropfen
Und blicken nur und horchen wenn in pausen
Die reifen früchte an den boden klopfen.
Stefan George

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Bild von headmaster

Herbsttag


Rainer Maria Rilke
 
Mein absolutes Lieblingsgedicht!

 

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Bild von Claudia Maralik

Hier mein Beitrag - auch von

Hier mein Beitrag - auch von Rainer Maria Rilke
Mein Leben ist wie leise See:
Wohnt in den Uferhäusern das Weh,
wagt sich nicht aus den Höfen.
Nur manchmal zittert ein Nahn und Fliehn:
aufgestörte Wünsche ziehn
darüber wie silberne Möven.
 
Und dann ist alles wieder still...
Und weißt du was mein Leben will,
hast du es schon verstanden?
Wie eine Welle im Morgenmeer
will es, rauschend und muschelschwer
an deiner Seele landen.

Bild von tedesca

Eines meiner Lieblingsgedichte:

 

Vorgebeugt werfe ich abends meine trüben Netze aus
nach deinen ozeanischen Augen.-
Dort reckt sich und brennt, himmelhoch lodernd,
meine Einsamkeit, die mit den Armen um sich schlägt
wie ein Ertrinkender. -
Rote Zeichen mache ich über deinen abwesenden Augen,
die Wellen werfen wie das Meer am Saum eines
Leichtturms. -
Du verharrst bloß in Finsternis, Weib, mir fern und mein,
aus deinem Blick taucht zuweilen die Küste des
Grauens auf. -
Vorgebeugt werfe ich abends meine trüben Netze aus
aufs Meer, das deine ozeanischen Augen hin und her
treibt. -
Die Nachtvögel picken die ersten Sterne auf,
die funkeln wie meine Seele, wenn ich dich liebe.-
Es galoppiert die Nacht auf ihrer düsteren Stute,
blaue Ähren über die Flur verstreuend.
(Pablo Neruda -Liebesgedichte- 7. Gedicht)

Bild von Taliesin

gedichte

einfach wunderschön. Kennst du den Film Der Postmann? Handelt von Nerudas Zeit im Exil. Unbedingt anschauen.
Hier ein gedicht von Juan Ramon Jimenez
mein herz ist nun so rein,
daß es gleichviel zählt, ob es stirbt
oder singt.
 
Es kann das Buch des Lebens füllen
oder das Buch des Todes.
Beide sind unbeschrieben für mein Herz
das denkt und träumt.
 
Gleichviel Ewigkeit wird es in beiden finden.
Herz, es zählt gleichviel: stirb oder singe.
 

Bild von tedesca

Natürlich kenn ich den

Natürlich kenn ich den Film, er gehört zu meinen Lieblingen. Auch wenn er reine Fiktion ist (Neruda war nie auf Salina), spürt man deutlich die Poesie dieses energischen und kraftvollen Mannes, dessen große Leidenschaft der Freiheit und den Frauen galt.
 
Jimenez sagt mir leider garnix, aber das Gedicht ist beeindruckend. Ich schicke Euch jetzt noch ein Gedicht meiner Lieblingsautorin Gioconda Belli:
 
Definitionen
 
Wir könnten über Liebe sprechen.
Ich würde dir sagen,
mir gefällt die seltsame Art
in der dein Körper und meiner sich kennen
Pfadfinder die noch einmal
den uralten Weg der Erkenntnis erforschen.
 
Ich würde dir sagen
ich liebe deine Haut
und meine Haut liebt dich
deinen versteckten Turm
der sich plötzlich erhebt
und erzittert in mir
auf der Suche nach der Frau
die im tiefsten Innern meiner Weiblichkeit nistet.
 
Ich würde dir sagen
ich liebe deine Augen
die rein sind und mich gleichfalls durchdringen
zart oder mit einem Hauch von Fragen.
 
Ich würde dir sagen
ich liebe deine Stimme
vor allem wenn sie Gedichte spricht
doch auch wenn du ernst klingst
so bemüht diese Welt zu verstehen
die weit ist und fremd.
 
Ich würde dir sagen
ich liebe, wenn ich dich sehe,
das Schmettrlingsflattern in meinem Magen
die Lust zu lachen
aus Freude daß ich ich bin und es dich gibt
und daß ich weiß, dier gefallen die Wolken
und die kalte Luft von Matagalpa.
 
Wir könnten darüber sprechen
ob dies alles ernst ist was ich dir sage.
Ob die Verbrennung leicht ist
zweiten dritten oder ersten Grades
Ob man die Dinge beim Namen nennen muß oder nicht.
Ich sage dir nur diesen einzigen Satz:
Ich liebe dich.

Bild von Taliesin

Kommentar und Info

hallo Tedesca,
Ein wunderbares Gedicht. kenne die Autorin (noch) nicht, werde mich aber schleunigst informieren.
Hier noch ein paar Infos zu Jimenez; Nobelpreisträger 1965. hauptvertreter des Modernismus. Gilt als Wegbereiter von Dichtern wie Garcia Lorca und Salinas.
das von mir vorgestellte Gedicht ist aus dem gleichnamigen Band entnommen.
Diogenes Verlag 1977  ISBN 3 257 20388 8
gruß Taliesin

Bild von tedesca

Danke für die Info!

Gioconda Belli hat jahrelang im nicaraguanischen Widerstand gekämpft und lebt heute noch zum Teil im Exil. Ihr bekanntestes und meiner Meinung auch bestes Buch ist "Bewohnte Frau", das großteils autobiografisch ist, aber auch die Geschichte der Eroberung Mittelamerikas durch die Spanier verarbeitet. Sehr gut zu lesen ist auch ihre Autobiografie, die Du, so wie alle anderen Bücher von ihr auch, hier als Buchpatenschaft finden kannst.
Liebe Grüße
Germana

Bild von headmaster

noch ein Lieblings - Rilke!

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus;
den weißen Wegen streckt sie die Zweige hin,
bereit und wehrt dem Wind
und wächst engegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Bild von tedesca

Arme Tanne!

Das erinnert ich an das Märchen vom Tannenbäumchen, das so gern eine Weihnachtsbaum werden wollte. Und nachdem es das endlich geschafft hatte, wurde es zu Lichtmess entsorgt.... Diese Geschichte musste ich in der Volksschule X-mal zur Strafe abschreiben. Immer, wenn uns der Herr Direktor am Gang beim Rennen erwischt hat, hieß es "Lesebuch Seite 50 - bis morgen", und da war's dann, das Tannenbäumchen :-)
 

Bild von headmaster

Na geh!

Dabei ist das doch sooo schön!
Rilke ist sowieso einer meiner Lieblingslyriker, seine Gedichte haben eine so musikalische Sprache!

Bild von tedesca

Es ist ja wirklich schön!

Aber du weißt ja, ersten Assoziationen ist man hilflos ausgeliefert... - dafür spendier ich Dir jetzt auch noch einen Rilke:
 
Das Märchen von der Wolke
 
Der Tag ging aus mit mildem Tone,
so wie ein Hammerschlag verklang.
Wie eine gelbe Goldmelone
lag groß der Mond im Kraut am Hang.

Ein Wölkchen wollte davon naschen,
und es gelang ihm, ein paar Zoll
des hellen Rundes zu erhaschen,
rasch kaut es sich die Bäckchen voll.

Es hielt sich lange auf der Flucht auf
und sog sich ganz mit Lichte an; -
da hob die Nacht die goldne Frucht auf:
Schwarz ward die Wolke und zerrann.

Bild von headmaster

Ich sag's ja!

Rilke hat schon was... Dieses Gedicht kannte ich gar nicht - Dankeschön dafür! Das ist richtig süß!

Bild von headmaster

Der Römische Brunnen C. F. Meyer

Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Bild von tedesca

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke

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