Zehn Minuten Gezuppel mit Linie zehn zum Hauptbahnhof, dann umsteigen Richtung Gleidingen. Ich liebe es, Straßenbahn zu fahren. Das ist für mich kostengünstiges 4-D-Cinema. Wenn ich mir die Gestalten anschaue, stelle ich mir ihre Lebensgeschichten vor. Ist schon die eine und andere Story draus entsprungen. Mir gegenüber sitzt ein Schmerbauch mit Stirnglatze und Matte. Trägt eine schmuddelige Lederweste. Sein Unterkiefer überragt den Oberkiefer um bestimmt fünf Zentimeter. Seht ihr, was ich meine? Welche Macht hat die Wege dieses Typen mit meinen kreuzen lassen? Er hat eine böse Ausstrahlung merke ich. Er sieht, dass ich ihn beobachte und starrt mich finster an. Lasse mich nicht auf ein Blickbattle ein und schaue weg, als hätte ich ihn unbeabsichtigt fixiert. Ich taufe ihn auf den Namen Ingo. Er hat in seinen fünfundvierzig Jahren viele Tiefs erlebt. Wenig Hochs. Die Sonnenstrahlen weichen aus, wenn er sich nähert. Als Kind hat ihn sein Vater geschlagen, Ma hat vor seinen Augen mit anderen Männern gevögelt. Alkohol als permanenter Freund, der das Leben erträglich macht. Doch Ingo hat beschlossen, sich zu wehren.
In seiner angeschmuddelten Nike-Sporttasche befindet sich eine Knarre. Hat er von einem albanischen Hehler auf dem Kiez gekauft, den nur Bares interessiert. Wenn Ingo am Hauptbahnhof aussteigen wird, setzt er sich in die Bahn und fährt nach Mittelfeld oder Vahrenheide, Stadtteile in denen man sich beim Frühstück die Birne mit Vodka zuknallt. Dort kennt ihn niemand. Er geht zu einer Sparkassenfiliale, zieht sich eine Skimütze über den markanten Schädel, wartet bis das Geschäftslokal bis auf die Angestellten leer ist. Dann haut er sich noch einen Jägermeister rein, öffnet die Tür und zieht seine Waffe. Erwartet, dass die Mitarbeiter sich vor Angst in die Hosen machen.
"Hände hoch. Das ist ein Überfall! Alles Bargeld in die Tasche! Sonst vergesse ich mich!"
Trotz Alkohol ist er nervöser als eine Wespe im Colaglas. Und die Anspannung, das dumpfe Gefühl in der Magengegend steigt. Denn die Mitarbeiter bleiben vollkommen ruhig.
"Es tut mir Leid, dass wir ihren Wunsch nicht erfüllen können. Unsere Geldbestände sind zentral gesichert. Den Code kennt nur der Direktor und der befindet sich im Urlaub. Wenn sie von Ihrer Schusswaffe Gebrauch machen wollen, nur zu. Wir sind sowieso unseres Lebens überdrüssig. Kostenlose Überstunden sind Pflicht, wir werden chronisch unterbezahlt und gemobbt, weil wir den Kunden nicht genügend Finanzprodukte andrehen. Meinen sie nicht, dass für uns reizvoll ist, wenn sie uns von diesem unbefriedigenden Berufsleben erlösen? Das spart uns viel Zeit. Thema Finanzprodukte: Haben sie schon an ihre Altersvorsorge gedacht? Bankräuber gehen erfahrungsgemäß oft in den Vorruhestand, und ob dann Ersparnisse und Rente reichen.."
Ingo ist verwirrt. Er zieht noch einen Jägerflachmann aus der Jackentasche. Prost und runter. Irgendwie wird alles kompliziert und unangenehm. Wenn Banküberfälle so ablaufen, hat er keine Lust drauf. Er mag es bequem und einfach. Nach zwei Minuten Überlegung hat er eine Entscheidung gefällt. "Wo muss ich unterschreiben, Alter? Rente ist echt wichtig."
So stelle ich mir Ingos Tagesablauf vor. Auf einmal winkt eine Frau. Jung, attraktiv, in ein graues Spießeroutfit gehüllt. Könnte in Beas Kreativitätsschmiede knechten. Obwohl ich sie nicht erkenne, winke ich zurück. Doch sie stürzt sich auf Ingo.
"Hallo Peter", haucht sie ihm ein Küsschen auf die Wange. "Musst du nicht den japanischen Kollegen das Werk zeigen?"
"Hi, Denise", zeigt sich Ingo-Peter erfreut. "Nein, Gott sei Dank. Ich konnte mir den Tag freischaufeln und gehe mit Erni squashen. Das rebootet den Organismus. Ich hoffe, dann bin ich für die anstehenden Aufgaben der nächsten Wochen gewappnet." Peters Stimme vibriert mit denselben dunklen sexuellen Schwingungen wie ein Barry-White-Song.
Denise scheint darauf anzuspringen. Sie grinst ihn verstrahlt an, als wäre er der sexiest man alive. Nicht zu glauben, dass Frauen auf so schräge Vögel fliegen. Mit dem Bankräuber habe ich knapp daneben gelegen.