Schlachthaus Familie
Christina Steads großartiges Porträt eines Tyrannen ist eine historische Fallstudie von prophetischer Bedeutung
In einer Schlüsselszene des unverhüllt autobiographischen Romans Ein springender Brunnen, der Martin Walsers Mensch- und Dichterwerdung erzählt (und in diesem Herbst mehr Menschen bewegt und beschäftigt als irgendein Roman sonst), erfahren wir, woher sein Titel kommt. Auf Wunsch seines Vaters, der ein Bilderbuchvater an Liebe und Güte ist, liest da der junge Johann - das Alter ego Martin Walsers als Kind - dem Vater das Nachtlied aus Nietzsches Zarathustra vor: "Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen." Seltsame Koinzidenz: In Christina Steads ebenfalls unverhüllt autobiographischem Roman Der Mann, der seine Kinder liebte zitiert die vierzehnjährige Louie - das Alter ego der Autorin als Kind - ihrem Vater, der das Gegenteil von Johanns Vater ist, nämlich absolut unfähig zu Liebe und Güte, dasselbe Nachtlied Nietzsches. Freilich ohne Verfasserangabe, möchte sie doch kein Gespräch mit ihrem Vater über Nietzsche heraufbeschwören und erst recht keines über ihre eigene Gemütslage, für die ihr Nietzsches Vers die Folie liefert. (Daß die deutsche Übersetzerin Nietzsches Vers nicht erkannt und wörtlich aus dem Englischen übersetzt hat - ... alle Brunnen sprudeln lauter, so wie mein Herz ... - ist Pech für sie und die Leser.)
In beiden Romanen sind es die dreißiger Jahre, in denen Kindern, aus denen einmal Dichter werden, Nietzsche als Identifikationsvehikel dient. Aber es gibt, davon abgesehen, daß sich Martin Walsers und Christina Steads Romane inhaltlich wie Paradies und Hölle zueinander verhalten, noch einen gewichtigen Unterschied. Walser schrieb seinen Roman, auch wenn er ihn sehr lange in sich austrug, erst in den neunziger Jahren nieder, und er schrieb ihn in der Sprache, die auch Nietzsches Sprache war, Christina Stead aber, 1902 in Sydney geboren, schrieb ihren Roman in den dreißiger Jahren auf englisch und transponierte ihre traumatischen australischen Kindheitserfahrungen aus den zehner und zwanziger Jahren in die Zeit seiner Niederschrift und dazuhin in eine amerikanische Umgebung: Seit 1937 lebte sie in den USA.
Falsch übersetzt, aber absichtlich falsch, ist auch der Titel ihres Romans: The Man Who Loved Children, wie er im Original lautet, klingt politisch korrekten Ohren heute offenbar zu zweideutig. Auf eine falsche Fährt lockte allerdings schon Christina Stead ihre Leser, denn Sam, der Protagonist ihres Romans, liebt weder seine eigenen noch andere Kinder, auch wenn er seine Kinderliebe unentwegt verkündet, er liebt überhaupt niemanden außer sich selbst und tarnt seine Liebesunfähigkeit - auch vor sich selbst - mit seiner Liebe zur Menschheit.
Sam Pollit, ein puritanischer amerikanischer Proletariersohn, bewohnt mit seiner Frau Henny, seiner Schwester Bonnie und sechs Kindern zunächst ein komfortables Haus in Washington, muß aber - nachdem er wegen einer selbstverschuldeten Intrige seine leitende Stellung als Zoologe eingebüßt hat und auch bei seinem einflußreichen Schwiegervater in Ungnade gefallen ist - in eine Bruchbude seines Geburtsortes Baltimore umziehen, die fortan zu einem Familienkriegsplatz von trojanischem Ausmaß wird. Sam Pollit wirkt wie die Karikatur des Übermenschen (was vielleicht ein Synonym ist). Der Mann, der erklärt, er habe vor, "den Staat, ja, die ganze Welt zu reformieren, weil er kraft seiner Liebe mehr wisse als alle Politiker zusammen", zwingt seine wie Leibeigene gehaltenen Kinder, sich gegenseitig zu überwachen, verkehrt mit seiner aus der Oberklasse stammenden Frau nur in der grellsten Form von Beleidigungen, was diese - einst eine Schönheit in Samt und Seide und nun eine Vogelscheuche, die sich selbst verabscheut - auf derselben fürchterlichen Frequenz von haßerfülltem Gekeife beantwortet.
Wie diese beiden menschlichen Ungeheuer zu ihren Kindern kamen, läßt sich eigentlich nur noch erklären mit winzigen Erschöpfungspausen im ansonsten totalen Ehekrieg, der nie einen Waffenstillstand kennt. Jeder Ort, an dem sie für ihren Mann unerreichbar wäre, selbst eine Gefängniszelle, erschiene Henny erträglicher als ihr Zuhause. Doch da sie sich nach einer kläglich verlaufenen Liebesaffäre keinen Ausbruch mehr zutraut, bleibt ihr als letzte Waffe gegen ihren Mann nur die permanente Drohung, das Haus anzuzünden und die Kinder umzubringen. Diese Kinder fühlen sich zwischen Staunen und Schrecken hilflos hin- und hergerissen. Einerseits richtet Sam ihnen einen Kleinzoo ein und versorgt sie mit täglichen Überrationen seines Optimismus, andererseits werden sie von den Eltern als Kuriere für die gegenseitigen Kriegserklärungen mißbraucht und erleben Vater und Mutter als Rachegötter, deren Zorn sich vor allem nachts entlädt, wie Gewitter, von denen man am nächsten Morgen meint, man habe sie vielleicht nur geträumt.
Voll bewußt beobachtet dieses jedes Strindberg-Maß sprengende Familienverhängnis nur die vierzehnjährige Louie, meist Lulu gerufen, die einzige Tochter aus der ersten Ehe Sams. Für Louie, die sich als Ersatzmutter für die von ihrer Mutter völlig vernachlässigten Geschwister betätigen muß - sie haben nur Lumpen anzuziehen und kaum zu essen, einer ißt seinen eigenen Kot, einer versucht sich zu erhängen -, ist jeder Raum des Hauses "voll von Krebsgeschwüren der Beleidigung, Lepraknoten der Desillusionierung, Abszessen des Zorns, Gangränen des Nimmermehr, Fieberschüben der Scheidung". Einzig ihr Tagebuch bietet Louie Zuflucht vor der Übermacht des Vaters und all den Eindrücken, denen sie täglich ausgeliefert ist. Nach der Lage der Dinge versteht sich fast von selbst, daß ihr Vater sich eines Tages dieses Tagebuchs bemächtigt, um daraus den jüngeren Geschwistern unter deren Gewieher genüßlich vorzulesen und es als "Dichtkrams" und "Kanakenschreiberei" zu verhöhnen.
Soviel Horror kann man nicht erfinden, nur erlebt haben. Christina Stead war zwei Jahre alt, als ihre Mutter starb, und gerade vier, als ihr Vater eine neue Ehe einging, die ähnlich unglücklich war wie die der Pollits - und aus der dennoch sechs weitere Kinder hervorgingen. David Stead, ein ebenso schöner wie sanguinischer Mann, den das Aussehen seiner Tochter stets zu Spott anstachelte (Peg, sein Spitzname für sie, stand für Pig Face oder Piggy), lieferte das unverkennbare Vorbild für Sam Pollit. Wie dieser war er Naturforscher und beteiligte sich einmal an einer Expedition nach Malaya (einige seiner Briefe von dort hat Christina Stead wörtlich in ihren Roman aufgenommen). Ironischerweise verdankt Christina Stead diesem unermüdlich erzählenden und schwadronierenden Vater ihre eigene Erzählgabe, die ihr allerdings erst dann, als sie sich als Sechsundzwanzigjährige aus Australien nach Europa abgesetzt hatte, auch erlaubte, sie gegen diesen Vater und Urheber allen Übels voll auszuspielen.
Nicht nur daß Sam sich ausdrücklich als Führer bezeichnet, der Geld als "die Wurzel allen Übels" betrachtet und deshalb "die Welt neu erschaffen" will. Dieser selbsternannte Führer und neue Messias verlangt auch gewaltige Opfer. So könnte es beispielsweise nötig werden, "die Tötung von neun Zehnteln der Menschheit zu veranlassen, um für die Tüchtigen Platz zu machen. Dies könnte durch Gasangriffe auf ahnungslos in ausgewählten Gegenden, sozusagen eugenischen Konzentrationslagern lebenden Menschen geschehen, die davon niemals etwas erfahren und ganz schmerzlos in die Ewigkeit eingehen würden."
Diese Sätze wurden nicht nach der "Endlösung" geschrieben, sondern Ende der dreißiger Jahre! Der Menschheits-Führer Sam ist übrigens nicht nur eine Melange aus Braun und Rot, sondern ein früher Grüner: Einzig zum Schutze der Natur möchte er die Menschheit so radikal dezimieren, wie das nicht einmal Hitler und Stalin zusammen beabsichtigten. Der Mann, der seine Kinder liebte ist geschrieben in einer Zeit, in der überall, nicht nur in Deutschland, nach Führern verlangt wurde, "nach einem Messias der starken Hand für das Ganze", wie es General Stumm von Bordwehr in Musils Mann ohne Eigenschaften formuliert; und natürlich läßt so viel Verlangen nach Stärke Rückschlüsse darauf zu, wie schwach man sich allerorten fühlte.
Doris Lessing, Angela Carter, Susan Sontag: Alle schwärmten für das Buch
Bezeichnenderweise wurde Christina Steads Roman, als er 1940 erschien, in seiner Bedeutung überhaupt nicht erkannt. Erst als der große amerikanische Lyriker und Kritiker Randall Jarrell - neben Edmund Wilson wohl der bedeutendste USKritiker - den Roman 1965 neu vorlegte, mit einem vierzigseitigen, ebenso scharfsinnigen wie enthusiastischen Vorwort, in dem er ihn neben Melvilles Moby Dick stellte und Sam als eine Figur von Dostojewskij-Format feierte, wurden die Leser wach. Zumal Christina Steads Schriftsteller-Kolleginnen - von Doris Lessing und Rebecca West bis zu Angela Carter und Susan Sontag (die Christina Steads Roman im Rang neben Anna Karenina und Der große Gatsby plazierte) - überschlugen sich in Lobeshymnen. Die Kollegen standen ihnen kaum nach: Saul Bellow monierte sogar, der Nobelpreis, den er 1976 erhielt, hätte an Christina Stead gehen müssen, deren Erinnerungsvermögen ihm phänomenal erschien. Tatsächlich hat man bei der Lektüre ihres Buches den Eindruck, jeder einzelne Augenblick ihrer Kindheit habe sich gleichsam mit Messern in sie eingeschnitten.
Daß selbst ein Lyriker von so radikalem Anspruch wie Robert Lowell Christina Steads Roman als "a big black diamond of a book" pries, leitet sich sicher mehr noch als von dessen Stoff-Fülle von dessen Sprachgewalt ab, die eine Art schmerzhafter Besessenheit ausstrahlt, der man als Leser nicht immer freudig, sondern öfter auch verzweifelt verfällt - aber eben doch verfällt. "Es ist eher so, daß man ihm zuhört, als daß man es liest", hat Randall Jarrell über Christina Steads Roman gesagt. Und Edmund White hat den ins Mythische gesteigerten Realismus dieser Autorin in Opernnähe gerückt: "Die Tiraden von Henny ... sind allzu sehr mit Verzierungen angefüllt, um etwas anderes als transkribierte Arien zu sein." Szenen wie das ätzend geschilderte tagelange Fischfest kurz vor Hennys Selbstmord - Sams Frau greift schließlich freiwillig nach dem Zyankali, das Louie ihr und ihrem Vater zugedacht hatte - erschienen White als "Vorläufer so magisch-realistischer Bravourszenen wie der mit dem von Aalen wimmelnden Pferdekopf in Die Blechtrommel oder der Dreckfraß-Episode in Hundert Jahre Einsamkeit".
Es gibt Szenen von schier unfaßbar brutaler Drastik in diesem Buch (nur ganz wenige habe sie erfunden, versicherte Christina Stead). Wer sich als Leser vor solcher Drastik fürchtet, sollte sich zumindest die ersten 70 bis 100 Seiten dieses Romans zumuten, in denen die Pollits noch in Washington wohnen und die Familienkatastrophen erst allmählich aufzuglimmen beginnen. Hier, wo noch alles in ständiger Bewegung ist, die Kinder auf ihren Rollschuhen gleiten, springen und zirpen und eine intensiv erlebte Sommerlandschaft alle begütigend umschließt, herrscht eine Art zaubrischer Katherine-Mansfield-Atmosphäre, wie übrigens fast alle aus der Perspektive der Kinder erlebten Romanpassagen Vergleiche mit der neuseeländischen Erinnerungspezialistin wecken.
Traurige Ironie wollte es, daß Christina Stead, die sich ab 1928 im Londoner Stadtteil Bloomsbury niederließ und als Sekretärin in der City arbeitete, dort einem Mann - ihrem Arbeitgeber - verfiel, der viele Züge ihres Vaters trug. William Blech, ein jüdischer Amerikaner, der sich später William Blake (!) nannte, belastete seine Beziehung zu Christina Stead nicht nur mit den Seelenqualen, die ihm der Nervenkrieg einer über zwanzig Jahre lang dauernden Trennung von seiner ersten Frau bereiteten - erst 1952 konnten Christina Stead und William Blake heiraten! -, sondern zudem mit seinen Welterlösungsphantasien. Ursprünglich Banker, schrieb er ein Lehrbuch über marxistische Wirtschaftstheorie und zog als kommunistischer Agitator - manche behaupten als sowjetischer Agent - durch Europa. Christina Stead folgte ihm nicht nur nach Paris und ins Spanien des Bürgerkriegs, sondern 1937 auch nach New York, wo sie Der Mann, der seine Kinder liebte niederschrieb (1943 ging sie kurzzeitig als Drehbuchschreiberin für MGM nach Hollywood).
In den USA pflegten Christina Stead und ihr Mann intensive Kontakte zu kommunistischen europäischen Emigranten, was sie ins Visier des FBI geraten ließ und 1947 gar ihre Ausweisung aus Amerika zur Folge hatte. Ruhelos von Quartier zu Quartier, von Pension zu Pension durch Frankreich, Belgien, die Schweiz und England ziehend, immer aus Koffern lebend und fast ausschließlich auf ihre mageren Autorenhonorare angewiesen - William Blake hatte sich inzwischen aufs Schreiben historischer Romane verlegt -, mußte Christina Stead den sozialen Abstieg ihrer Eltern noch einmal in all seinen Phasen nacherleben.
Erst 1968 - mit dem Tod ihres Mannes - erreicht sie der Ruhm, der von den USA ausging und bald auch ihre Heimat Australien aufhorchen ließ. Ein Ruhm, der sich - obwohl Christina Stead insgesamt dreizehn Romane und zwei Bände mit Erzählungen verfaßt hat - vorzugsweise dem einen Buch über ihre Kindheit verdankte. Als Siebenundsechzigjährige kehrte sie 1969 nach Australien zurück, wo sie ab 1974 endgültig und dank einer großzügig dotierten Professorenstelle materiell sorglos lebte. 1983 starb Christina Stead, über die inzwischen zwei Biographien geschrieben und deren Briefe 1992 in zwei Bänden herausgegeben wurden. Bleibt noch festzuhalten, daß Christina Stead und William Blake keine Kinder hatten.
(Peter Hamm in: Die Zeit, 1998)