Wolfszorn

5106449-978381960828_cover.jpgAls man den Arzt Dr. Christoph Auffermann tot auf der Bochumer Erzbahntrasse findet, scheint für die Kommissare Brenner und Rogalla eine normale Ermittlung zu beginnen. Doch bald zeigt die DNA-Analyse, dass die beiden vor dem ungewöhnlichsten Fall ihrer Karriere und vielleicht sogar der Kriminalgeschichte überhaupt stehen. Ein zweites Opfer wird auf die gleiche Weise hingerichtet. Der Polizeipräsident fordert die Unterstützung einer Profilerin des LKA an. Man hat es mit einem hochintelligenten Täter zu tun, der zudem, was die Auswahl der Opfer betrifft, moralisch motiviert scheint. Hilfreiche Hinweise bekommen die Kommissare auch von einer pfiffigen Praktikantin, mit der Rogalla gern zusammen arbeitet. Mehr und mehr konzentrieren sich die Ermittlungen auf den Kreis um den Bochumer Arzt. Welche Rolle spielt die geheimnisvolle und prätentiöse Künstlerin Klara Bodschwinna? Oder der Frührentner Jochen Buchholz, der Auffermanns Ehefrau sehr zugetan ist? Rätsel gibt auch der Dichter Andreas Arndt auf, der mit der Vergangenheit nur noch lyrisch fertig wird. Und ebenso verdächtig ist in dem illustren Kreis ein Zahnarzt, der nicht nur Zähne zieht. Als ein drittes Opfer aus dem Auffermann-Kreis gefunden wird, hat die Presse ihre Schlagzeilen, und der Polizeipräsident wird ziemlich nervös. Es kommt zu einem tödlichen Finale, bei dem Brenner wie gelähmt erscheint

Meine Gedanken zum Buch: 

Wenn die Kommissare Brenner und Rogalla nach der Aufklärung ihres Falles in Rainer Küsters und Rüdiger Schneiders drittem gemeinsamen Kriminalroman „Wolfszorn“  auf ein Bier im Bochumer Café sitzen, weiß der Leser, dass Polizeiarbeit Spuren hinterlässt. „Der Fall ist ungewöhnlich“, heißt es im Roman, und diese Feststellung ist nicht übertrieben, denn die Kommissare werden mit der Erkenntnis konfrontiert, dass der Mörder kein Mensch, sondern ein Wolf ist.
Das hat zur Folge, dass den Kommissaren eine Profilerin zur Seite gestellt wird, die helfen soll, Licht ins Dunkel zu bringen. Eine andere Frau, eine Praktikantin, ist durch ihre forsche Art eine Hilfe für das Ermittlungsteam. Beide Kommissare reagieren unterschiedlich auf die Anwesenheit der Frauen, was auf einer ganz anderen als der Mord-Ebene schon interessant und lesenswert ist. Überhaupt geht es in diesem Kriminalfall um Liebe in all ihren Spielarten und um den Tod, der kein natürlicher ist, ausgelöst von einem Ereignis in der Vergangenheit, an dem die Opfer beteiligt waren.
Der Kreis der Opfer ist eine Clique, deren Mitglieder befreundet sind und verheiratet. Jede dieser Ehen ist belastet oder schon längst keine mehr, ein Wust aus Untreue, Gleichgültigkeit und Verrat. Und einer steht dabei, Jochen Buchholz, der eigentlich nicht dazu gehört.

Aber es geht auch um Gerechtigkeit, wenn man Rache aus einem verständlichen Blickwinkel so bezeichnen will. Bei jedem Ermordeten findet man eine rote Karte mit der Aufschrift „Ex 21“, die auf das zweite Buch Mose hinzuweisen scheint: „Auge um Auge, Zahn und Zahn.“

Rainer Küster und Rüdiger Schneider haben mit ihrem dritten Krimi ein außergewöhnliches Buch geschrieben, in dem alles passt, die vielen agierenden Figuren, die Spannung, auch die klare schnörkellose Sprache. Kenntnisreich beschreiben sie das Milieu des Ruhrgebiets, die Liebe zum Fußball, die auch ihre eigene ist. Und last not least haben sie ein Gespür für Auftritte, Abgänge und große Momente, was auf der dunklen Seite des Lebens von Vorteil ist.
Ein spannendes Buch mit viel Lokalkolorit!
 

Manchmal ist es nur ein kleiner, unbedachter Schritt, der
ein Leben umkrempelt, ein spontaner, scheinbar unwichtiger
Entschluss, eigentlich nur ein Impuls, der gewaltige Folgen haben
kann. Später, falls irgendjemand die Chance bekommt, die
Zusammenhänge in eine logische Reihenfolge zu bringen, wundert
man sich über die lächerlichen Proportionen von Ursache
und Wirkung. Und nur selten gelingt es, genau zu benennen,
was zu dem entscheidenden Schritt geführt hat. Man schiebt
den Gang der Dinge dem Zufall zu, ohne dass dies besonders
beruhigend wäre. Ein paar Sekunden früher oder später – und
das Leben wäre weiter in den eingefahrenen Gleisen verlaufen,
so, wie es einmal war.
Manchmal jedoch sind die Pflöcke schon eingeschlagen,
längst bevor man irgendwelche wohl überlegten oder auch
spontanen Entschlüsse treffen kann. Zwar glaubt man, man
hätte sein Leben selbst in der Hand. Doch man täuscht sich,
denn man ist in einem Netz gefangen, das andere sorgsam geknüpft
haben und das keine Spielräume mehr zulässt. Man
meint, für sein Handeln verantwortlich zu sein, und ahnt
nicht, dass sich das Netz, in dessen Maschen man zappelt, von
fremder Hand bewegt, unmerklich zuzieht.
Als Christoph Auffermann seinen Audi unterhalb der Jahrhunderthalle
abstellte, hatte er noch eine Stunde und drei Minuten
zu leben. Man hätte ihn auch hier töten können, denn er
war ganz allein. Aber man hatte anderes mit ihm vor.
 

Seitenangabe für Zitat1: 
7

Ein paar hundert Meter hinter der Brücke sah er, dass vor
ihm jemand auf der Trasse war. Er fuhr ziemlich nah an die
Person heran, die, soweit er sehen konnte, einen Hund mit sich
führte. Wahrscheinlich war es das Pärchen, das er schon auf
dem Hinweg gesehen hatte. Beide standen sie mitten auf der
Trasse mit dem Rücken zum herannahenden Radfahrer, der
nicht wusste, ob er überhaupt wahrgenommen worden war.
Er klingelte. Aber die beiden ließen sich nicht bewegen, ein
Stückchen an den Rand des Weges zu gehen. Auffermann zog
scharf an beiden Bremsen, rutschte auf dem nassen Boden ein
paar Meter und kam unmittelbar hinter der Person zu stehen,
die sich nun langsam zu ihm umdrehte.
Er blickte in ein Gesicht mit toten Augen, eine Maske vielleicht.
Er wollte wieder in die Pedale treten, an dem seltsamen
Paar vorbeifahren, den Spuk hinter sich lassen. Aber im selben
Augenblick vernahm er einen zischenden Laut, vielleicht war es
auch ein Pfiff. Der große Hund war nicht angekettet; er sprang
hoch und riss Auffermann, der sich mit Händen und Füßen
wehrte, zu Boden. Das Fahrrad polterte auf den regennassen
Schotter der Trasse. Auffermann dachte an die Handschuhe,
die im Wagen lagen und ihn jetzt hätten schützen können.
Aber die klammen Hände, mit denen er sich zu verteidigen suchte, interessierten das Tier nicht. Es hatte anderes im
Sinn und fand sehr schnell, was es suchte. Sein Maul verbiss
sich durch den Gurt in Auffermanns Kehle. Während ihm die Kräfte schwanden, hörte er einen Schrei, der so klang wie der
morgendliche Weckruf des Muezzins, einen heiseren Schrei,
der durch irgendein elektrisches Instrument noch verstärkt
wurde. Auffermann vernahm seinen eigenen Namen und noch
einen anderen Namen, der ihm auch vertraut war. Die weiteren
Namen, die heiser und drohend aufgerufen wurden, konnte er
nicht mehr verstehen. Sein Fahrradhelm rollte über den Boden
der Erzbahntrasse, kullerte dann einen Abhang hinunter
und stieß gegen die Schwelle eines alten Schienenstrangs. Dort
blieb er liegen.

Seitenangabe für Zitat2: 
12

„Rottweiler, Pitbull, Mastiff. Was weiß ich?“ Der Arzt zuckte
mit den Schultern. „Mehr wird Ihnen Ihr Pathologe auch
nicht erzählen können. Ein Biss, vielleicht zwei. Die Kehle
durch, die äußere Halsschlagader angerissen. Der Mann ist
verblutet. Todeseintritt vor etwa einer Stunde. Damit müssen
Sie sich zufrieden geben.“ Der Arzt hob beide Hände, schien
anzudeuten: Tut mir leid, mehr kann ich wirklich nicht sagen.
Die beiden Kommissare vom Bochumer KK 11, Klaus
Brenner und Erich Rogalla, standen etwa einen Meter neben
dem Toten, hatten den Kragen ihrer Mäntel hoch geschlagen,
starrten die Erzbahntrasse entlang, soweit sie vom Licht der
Scheinwerfer erfasst wurde. Am Rand, wo der Tote auf einer
schmalen Grasnarbe lag, ging es zwei, drei Meter hinunter zu
einem Schienenstrang. Der Abhang war hier nicht besonders
steil, der Durchlass zu den Schienen frei von Gestrüpp. Hinter
dem Strang mochten sich Felder erstrecken. Das war in der
Dunkelheit nicht genau zu erkennen. Auf der anderen Seite der
Trasse stand eine Wand aus Wald und Unterholz.

Seitenangabe für Zitat3: 
0
Verlag: 
Universitätsverlag Brokmeyer
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
978-3-8196-0828-5