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Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht

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Verfasst von yellow bookreader tedesca am Di, 15/02/2011 - 15:06
Inhaltsangabe

Wie_ein_Wanderer_in_einer_mondlosen_Nacht.jpgKunstvoll verwebt Dai Sijie die zarte Liebe zwischen einer französischen Studentin und einem chinesischen Gemüsehändler mit einer fast zweitausend Jahre alten Kulturgeschichte. Sein hochpoetischer Roman über die geheimnisvolle Welt Chinas entfaltet auf virtuose Weise einen unaufhaltsamen Sog.

Es ist mehr als das Band einer großen Liebe, das in Peking das Schicksal einer französischen Sinologie-Studentin mit dem eines chinesischen Gemüsehändlers verknüpft. Beide sind sie auf der Suche nach der verlorenen Hälfte einer uralten Schriftrolle, eines seidenen Sutras, das die geheimnisvollen Anfänge des Buddhismus in seinen fremdartig kalligrafierten Zeichen birgt. In einem Anfall von Wahnsinn soll einst Kaiser Pu Yi, der letzte Kaiser von China, das kostbare Relikt mit den Zähnen zerrissen haben. Und so begeben sich die zwei - fasziniert vom Zauber der Sprache und ihrer Macht - auf eine entbehrungsreiche Reise, die sie weit voneinander entfernen und weit zurück in die eindrucksvolle Geschichte der chinesischen Kultur führen wird.

Zitate

Nachträglich erfuhr ich von einem Studienkollegen seinen Namen; es war ein ungewöhnlicher, ein exotisch klingender Name... ein liebkosender Name wie eine Vogelstimme... wie ein vom Wind aufgestäubtes Sandkorn aus der fernen Wüste Gobi oder aus den Steppen des Nordens, das von den Stürmen fortgeweht wurde und am Himmel wirbelte, Länder durchquerte und sich schließlich in meinem Ohr einnistete... Ja, ich war vom ersten Moment an eifersüchtig auf den Namen jenes jungen Mannes mit der Brille: Tumschuk!

Seitenangabe für Zitat1:
62

Qian Zhongshu, ein großer chinesischer Schriftsteller und zweifellos der berühmteste Gelehrte des 20. Jahrhunderts, schreibt in seinem einzigen Roman Die umzingelte Festung mit der für ihn typischen Ironie, dass man sich in den chinesischen Romanen am Anfang einer Liebesbeziehung immer gegenseitig ein Buch borgt, und sei es nur eine japanische Grammatik, ein Strickmusterheft oder eine Anleitung für Fahrradreparaturen. Und ich stellte tatsächlich fest, dass in China, und selbst in den bescheideneren Milieus, Liebesbeziehungen auf diese Weise angeknüpft werde... Nur meine nicht, denn meine Liebesgeschcihte begann mit einem grünlichgelben welkenden Kohl, in dem eine fette Raupe hauste, die sich schleunigst in der Falte eines Blattes versteckte.

Seitenangabe für Zitat2:
90
Quellenangaben
Verlag:
Piper
Erscheinungsjahr:
2010
Auflage:
1. Auflage
ISBN:
ISBN-13: 978-3492263733
Meine Gedanken zum Buch:

Dai Sijie erzählt einmal mehr ein Stück chinesische Geschichte, indem er die Vergangenheit eng in Beziehung zur Gegenwart setzt. Poetisch und doch geradlienig und direkt berichtet er einerseits über die Liebesbeziehung zwischen einer französischen Studentin und dem chinesischen Gemüsehändler Tumschuk, und andererseits über die Zustände in den kommunistischen Gefangenenlagern, in denen Menschen für ihre Lebensanschauungen zu lebenslangen Qualen in Bergwerken und Arbeitslagern leiden müssen.
Parallel dazu erfahren wir die Geschichte des letzten Kaisers von China, Pu Yi, der durch den - durchaus grandiosen  - Film von Bernardo Bertolucci wohl sehr idealisiert und verfremdet in die westliche Geschichte einging. Ein verstörter Mensch, der nur durch die Umtriebe seiner machtgierigen Tante an die Macht gekommen ist, die so indirekt das Schicksal von Tumschuks Familie maßgeblich beeinflusst hat.
 
Angenhem zu lesen, wenngleich mit den vielen chinesischen Namen auch leicht verwirrend, historisch interessant, durchaus spannend und berührend ist dieses Buch, wobei man sich mit der Erzählweise über mehrere Ebenen entsprechend anfreunden muss. Alles in allem ein Tip für Freunde großer Erzählkunst und chinesischer Literatur.

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