Waslala

Waslala.jpgFaraguas, eine vergessene Welt am Amazonas -- von Machtkämpfen gebeutelt, von der zivilisierten Welt nur noch als Sauerstoffreserve und Müllabladestätte wahrgenommen. In einem Haus am Fluss lebt Melisandra mit ihrem Großvater, der einst dabei war, als das sagenumwobene Waslala gegründet wurde. Waslala -- ein Ort, den man nicht so einfach findet, ein Mythos von einer besseren Welt, ein Riss in der Zeit. Auch Melisandras Eltern hatten sich aufgemacht, dieses Land zu suchen, und waren nie zurückgekehrt nun will auch sie selbst sich diesen Lebenstraum erfüllen, auch wenn sie dazu ihren Großvater alleine lassen muss. Noch dazu wird sie nicht allein sein bei ihrer Suche -- Raphael, ein Journalist aus der Zivilisation, will einen Bericht über Waslala machen. Aber nicht nur das -- er ist auch auf der Suche nach Philin, einer neuen Wunderdroge, die in der Nähe von Waslala angepflanzt wird. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg -- und bleiben auf einmal bei Engracia, die den Müllhandel organisiert hat. Alles, was von der westlichen Welt weggeworfen wird, landet hier, wird auf weitere Verwendbarkeit geprüft. Und obwohl sie von den Escada-Brüdern, ihrern Gegenspielern, dafür nur Spott und Hohn ernten, versuchen sie, daraus ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Prinzip der Escada-Brüder lautet: Teile und herrsche. Sie schüren die Bandenkriege, für die sie auch die passende Munition liefern. Sie bitten Melissandra und Raphael an, sie bei der Suche zu unterstützen -- eine Falle, wie Melissandra vermutet. Denn was kann für die Escada-Brüder schlimmer sein als die Gewißheit, dass die Utopie eines Staates, dessen Prinzipien auf Gleichheit und Gemeinschaft stützen, bestätigt zu sehen? Dass ihre Vermutung richtig ist, bestätigt sich, als sie gefangengenommen wird. Raphael, mit dem sie in den letzten Wochen ein inniges Liebesverhältnis aufgebaut hat, war gerade unterwegs -- um mit Phinin die Leiden Engracias und einiger Muchachos zu retten. Diese hatten die nötige Vorsicht beim Umgang mit angeliefertem Müll außer acht gelassen, hatten sich voll Freude über das phosphorizierende Leuchten mit radioktavem Pulver bemalt und somit ihr Todesurteil unterschrieben.
Eine erschreckende Vision, die hier gezeigt wird. Auf der einen Seite die überentwickelte westliche Welt, die gedruckte Bücher nur noch aus Erinnerungen kennt, die unzählige Möglichkeiten der Kommunikation kennt -- und andererseits die Menschen, die aus dem Müll dieser Welt leben. Wie es ja auch heute schon ist -- nur ein wenig dramatischer dargestellt. Doch es gibt diesen Traum einer Gesellschaft, in der Gewalt keine Heimat hat, ein Traum, der viele Menschen dazu bringt, weiterzumachen.

Meine Gedanken zum Buch: 

Eine politische Utopie, so wie sie in Südamerika und speziell Nicaragua - Bellis Heimatland - einmal sein könnte. Eine Anregung zum Träumen und Hoffen für die, die nur Unterdrückung, Armut und Diktatur kennen.
Ein gewaltiger Roman, bildhaft und dramatisch, wie es nur die Lateinamerikaner beherrschen.

Verlag: 
Dtv
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3423126618

Kommentare

Zitat Seite 13:
"Vom Ufer aus bohrten die Reiher ihre langen Schnäbel ins Wasser und stelzten auf ihren hohen, dünnen Beinen einher wie junge Mädchen, die sich  mühten, ihre Kleider nicht zu benetzen."
 

Nach Durchsicht des Klappentextes habe ich eigentlich einen exotischen und abenteuerreichen Liebesroman erwartet.... tatsächlich handelt "Waslala" nur am Rande von der Liebesbeziehung zwischen Melisandera und Raphael.
 
Vielmehr zeigt uns Belli ein teils erschütterndes und ernüchterndes Bild vom Leben in diesem Land.
Obwohl oft ein wenig überspitzt, wird schnell klar, was den Alltag dieser Menschen lenkt. Waffenhandel, Drogen, der Kampf ums Überleben und auch das Fungieren als Müllabladestelle für alles und jedes, was uns unnötig erscheint und dessen wir uns entledigen müssen.
Diese "Bilder" stimmen mich nachdenklich. Es zeigt wieder einmal, wie wenig wir nachdenken und um uns und unsere Umwelt kümmern Ganz nach dem Motto: "Aus den Augen, aus dem Sinn" !!!!
Es ist auch ein Zufall, dass ich diese Roman gerade jetzt gelesen habe, wo alle Welt nach Japan blickt und wo nukleare Unfälle in aller Munde sind.
Die Medien informieren und ermöglichen uns, alles "hautnah" miterleben zu können... doch wer entscheidet, was wert ist an die Öffentlichkeit zu gelangen. Wie groß muss die Katastrophe sein, dass sie es wert ist beachtet zu werden.....
Tschernobyl.... ein Begriff, der jedem von uns wohl bekannt ist, doch was ist mit "Goiania"???? War es zu unbedeutend um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen??? Mir zumindest war es bis vor Kurzem nicht bekannt..... und Bellis Worte könnte nicht treffender sein: "Lateinamerika ist eine zum Vergessen verurteilte Nachricht"
 
Kein Buch für neben bei..... aber trotzdem sehr lesenswert. Belli verpackt die Realität in einen sehr beindruckenden Roman mit vielen Facetten, der mich nicht unberührt lässt.

... man muss wirklich sehr viel Lärm machen in dieser Welt, damit wenigstens ein Echo bleibt. Was uns rettet, ist die Wirkung; das, was dieser Laut hervorruft, wenn er auf einen anderen Menschen trifft. Das ist der Umstand, der die Mühe lohnt...