Unendlichkeit in ihrer Hand

Unendlichkeit_in_ihrer_Hand.jpgAuf einmal ist er da und weiß nicht, woher er kam: Adam beginnt sein Leben als zufriedener Mensch. Erst Eva bringt Fragen mit, Neugier und die fatale Sehnsucht nach mehr. Und plötzlich ist alles anders. Wie fühlt es sich an, die Schönheit und den Schmerz der Welt völlig neu zu entdecken - und auch das Begehren zwischen Mann und Frau? Kühn, poetisch und sinnlich fühlt Gioconda Belli sich ins Drama des ersten Paares ein und setzt der Schöpfungsgeschichte einen neuen Anfang.

Meine Gedanken zum Buch: 

In der für sie typischen, sehr weiblichen Sprache beschreibt Gioconda Belli die Schöpfungsgeschichte, ausgehend von Adam, der nach dem Abbild Gottes (Elohim) geschaffen wurde und aus dessen Innerem Eva entsprang.
Eva, als treibende Kraft, die eine Entscheidung trifft. Die sich dagegen verwehrt, ihren Daseinszweck in der Kontemplation der Ewigkeit zu sehen, die das Angebot der Schlange, ein frei denkender Mensch zu sein, annimmt. Sicher ohne zu ahnen, welche Konsequenzen diese Entscheidung mit sich bringt, greift sie zur Frucht der Erkenntnis und überzeugt auch Adam davon, den Schritt in die Welt des Wissens um Gut und Böse zu wagen.
Belli erzählt, wie die beiden es schaffen, in dieser für sie so fremden und grausamen Welt zu überleben. Wie sie sich selbst als Mann und Frau erkennen, wie Adam das Töten entdeckt und die ersten Menschen geboren werden. Vier Kinder, drei davon schön und stark, das vierte fast affengleich. Kain tötet Abel und zieht mit seiner Schwester in ein fernes Land, Aklia verlässt die Eltern, um mit einem Stamm Gorillas eine neue Menschenrasse zu begründen.
Das Buch besticht durch seine weibliche Sicht der Dinge. Eva, die nicht die Schuldige ist, sondern das notwendige Werkzeug, um Gottes Plan durchzuführen. Wunderschön beschreibt Belli, wie Mann und Frau sich unterschiedlich entwickeln, auf ganz eigene Weise mit dem Leben und seinen Herausforderungen umgehen, zwei voneinander unabhängige Wesen entstehen, die doch nicht ohne einander leben können. Sie entdecken den Schmerz, aber zugleich erkennen sie auch die Schönheit, sie hungern und frieren, entdecken jedoch die Liebe in ihrer innigsten Form.
 
 

Dicht am Rand des teifen, klaffenden Risses warfen sie sich nieder. Die Luft war jetzt wiedre vollkommen klar, und in dem Abgrund war vage ein Haufen glatter, kantiger Bruchsteine zu erkennen. Jenseits der Spalte erspähten sie die herrliche Krone des Lebensbaumes. Gierig füllte Adam seine Lungen mit der frischen Luft. Hätte er doch nur mit einem Riesensatz in den Garten zurückgekonnt, er würde sich gewiss nie mehr von dort wegbewegen, dachte er. Er lag neben Eva auf den Knien, und seine Lippen berührten den sandigen Boden, als er seine Reue lauthals hinausschrie, all die Klagen und all das Flehen, das ihm über die Lippen kam. Eva unterstützte ihn zerknirscht und beschämt, wie er erhob sie die STimme, bis sie merkte, dass ihr ganzes Feuer in diesem Betteln verglomm.

Seitenangabe für Zitat1: 
79

Eva bemerkte, dass die Stimme für sie offen war. Sie verspürte keine Angst.
"Du bist grausem", sagte sie.
"Du warst ungehorsam."
"Erzähl mir nicht, dass du nicht genau das vorhattest. Duhast uns gar nicht als ewige Wesen erdacht. Ebenso gut wie ich hast du gewusst, dass genau das hier passieren würde.
"Richtig. Aber die Herausforderung für mich bestand darin, nicht einzugreifen. Zuzulassen, dass ihr frei seid."
"Und uns dafür zu bestrafen."
"Für diese Schlussfolgerung ist es noch zu früh. Ich gebe zu, dass ich seit jeher gewusst habe, was geschehen würde. Aber es hat genauso sein müssen."

Seitenangabe für Zitat2: 
87

"Deine Kinder, Eva, deine Nachkommen werden die Zeit zu ihrem Ursprung zurückführen. Du musst ihnen zu essen geben."
"Meine Kinder haben Hunger und Durst, aber haben sie denn auch Wissen? Träumen sie? Stellen sie sich etwas vor?"
"Sie sind dein Abbild."
"Und wieso hat mich der Wunsch zu wissen verzehrt, wenn es stimmt, was du sagst, und ich vorher ewig und perfekt war? Das gibt keinen Sinn."
"Du hast einen scharfen Verstand", versetzte die Schlange ironisch. "Die Ewigkeit braucht kein Wissen. Aber zum Leben und zum Überleben ist Wissen unerlässlich. Man stellt Fragen und muss eine Antwort finden. Ohne Unsicherheit und ohne Angst macht sich niemand auf den Weg. Was muss man schon wissen, wenn man glücklich ist und einem nichts fehlt? Die Fülle ist ganz still. Aber du hattest womöglich eine Sehnsucht."
"Eine Sehnsucht? Wonach? Ich kannte doch gar kein anderes Leben als das im Paradies. Du warst es, die mir erzählt hat, dass es eine andere Art Leben gibt."
"Man kann Sehnsucht nach etwas haben, was man nie erlebt hat. Vielleicht hat Elohim dir diese Sehnsucht eingepflanzt, damit du die Frucht isst."
"Jetzt weiß ich wirklich gar nichts mehr. Jedenfalls verstehe ich nicht, wieso der das gemacht hat."
"Ich habe dir doch gesagt, er langweilt sich. Stell dir mal vor, wie unterhaltsam es sein kann, ein Geschöpf nach dem eigenen Bilde zu machen, das einem gleich ist. Man nimmt ihm alles, bis auf das Wissen. Dann gibt man ihm eine Welt und wartet ab, was passiert. Man beobachtet, ob und wie es an den Ausgangspunkt der Vollkommenheit zurückkehrt."

Seitenangabe für Zitat3: 
210
Verlag: 
Droemer/Knaur
Auflage: 
Erstauflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3426198520

Kommentare

die sich auch für lateinamerikanische Literatur interessieren:
 
Ich hab gerade gesehen, dass Gioconda Belli am 21. November in München aus ihrem neuen Buch "Unendlichkeit in ihrer Hand" liest.
 
http://www.droemer-knaur.de/veranstaltungen/Gioconda+Belli+pr%C3%A4sentiert+ihren+neuen+Roman+%22Unendlichkeit+in+ihrer+Hand%22+auf+der+50.+M%C3%BCnchner+B%C3%BCcherschau.5412455.html
 
Ich hab sie schon einmal in Wien gesehen, und diese Frau ist ein Feuerwerk - unbedingt empfehlenswert! Schade, dass es von Wien nach München so weit ist Sad

Und es ward.
Plötzlich. Vom Nicht-Sein zum Wissen, dass er war.
Er schlug die Augen auf, betastete sich und wusste, dass er ein Mann war, ohne zu wissen, wie er das wusste. Er sah den Garten und fühlte sich gesehen. Er schaute nach allen Seiten, um festzustellen, ob da noch jemand war wie er.

Eva: Hast du mal versucht, aus dem Garten hinauszugehen?
Adam: Nein. Ich weiß, dass wir den grünen Kreis nicht verlassen dürfen.
Eva: Woher weißt du das?
Adam: Ich weiß es einfach.
 
....  Seite 20.... beginnt da etwa schon die Verführung zum Unerlaubten... ;o) .. na bravo...
 

Wie konnte er es schaffen, sie vom Baum fernzuhalten?
Fügsamkeit lag nicht in Ihrer Natur. Ihre beste Gabe war die Unfähigkeit stillzusitzen und diese spontane Lebendigkeit, mit der sie von Anfang an alles angeschaut und hinterfragt hatte.

Adam ballte die Fäuste und befahl ihr, still zu sein. Sie war an allem schuld, dachte er.
Sie und ihre Neugier....

Ein ganz anderes, aber sehr interessantes Buch, das Belli hier geschrieben hat.
 
Allein die Aufmachung find ich schon mal sehr gelungen.... ein unheimlich schöner Einband, der vorallem Aufmerksamkeit und Neugier beim Leser/Käufer weckt.
Inhaltlich wie erwartet mit viel Gefühl geschrieben und auch recht "wertfrei", denn Eva wird hier nicht die ganze und alleinige Schuld in die Schuhe geschoben..... "Undendlichkeit in ihrer Hand" gibt dem Leser die Mögichkeit, vieles mit anderen Augen  zu sehen... bzw. liefert ihm andere Denkanstöße.
Leider bin ich, was die "echte" Schöpfungsgeschichte angeht, nicht besonders sattelfest..... ;o), drum kann ich nicht beurteilen, in welchen Bereichen sich beide Exemplare decken bzw. wo Belli ihrer Fantasie - oder nennen wir es Interpretation - mehr Spielraum gegeben hat.
Ein Vergleich wäre aber nicht uninteressant.
 

Ich mag Bellis Interpretation, wo es im Grunde nicht um Schuld geht, sondern darum, dass die weibliche Kraft vorwärts strebt, das Neue sucht und keine Angst vor der Herausforderung hat.
 
Die Schöpfungsgeschichte in der Bibel ist eh nicht so lang, das hast Du rasch erledigt. Voilá! Schau bei "Das 1. Buch Mose"):
 
 http://www.bibel-online.net/bibelbuecher/

Das Buch bietet wirklich ganz neue und zutiefst menschliche Einblicke in das Leben der ersten Menschen. Mich hat es immer wieder zum Schmunzeln gebracht, dass sie sich die alltäglichsten Dinge erst aneignen mussten. Zum Beispiel die Frage ob sie nun etwas essen sollten - oder nicht.
Seite 111: "Nein, Eva, keine Früchte mehr, habe ich gesagt. Nein. Und schon gar keine Feigen." ..."Ich habe solchen Hunger", sagte sie erschrocken. "Wir müssen etwas essen, Adam. Wir müssen etwas zu uns nehmen." "Ich habe genauso viel Hunger wie du, aber unser Missgeschick macht mich vorsichtig."
Erstaunlich war für mich, dass die Eva in diesem Buch sich vorerst wehrt, ihre neugeborenen Kinder zu versorgen.  Ich hätte das als ältesten Urinstinkt gesehen. Aber vieles was uns heute selbstverstänlich ist, müssen die Zwei eben erst mühsam lernen und verstehen.
Vor kurzem habe ich das "Tagebuch von Adam und Eva" von Mark Twain vorgestellt,  und obwohl es in seiner Aussage ganz anders ist, haben mir beide sehr gut gefallen!

Noch etwas hat mich im Nachhinein beschäftigt bzw. fasziniert: Obwohl so vieles ganz genau beschrieben wird, wie die Menschheit zu der einen oder anderen Gewohnheit gekommen ist, wie sie sich weiterentwickelt haben, wie sie sich als allererste Menschen so manches Naturphänomen erklärt haben - und doch bleibt bei vielem weiter ein Fragezeichen, ein "Warum" und die Einsicht, es muß wohl alles ein kleines Detail sein in einem großen Plan Gottes.
Demgegenüber steht aber wieder die wiederholte Aussage der Schlange, dass Elohim, also Gott, wohl keinen Plan hatte und selber nicht so recht wußte, was er mit dieser seiner Schöpfung anfangen sollte. Vielleicht wußte Belli ja selber nicht, welche der beiden Ansichten sie sich anschließen sollte.

.... oder sie wollte bewusst nicht "Partei" ergreifen....
Ich denke, jede "Antwort" ist grad in diesem Fall im Grunde ja auch nur eine Mutmaßung.... und da kann man ungewollt schnell eine Lawine lostreten....