Und Nietzsche weinte

Und_Nietzsche_weinte.jpgEine Ménage à trois zwischen Lou Andreas Salomé, Nietzsche und der Psychoanalyse

Das Wien des Fin de siècle: Die selbstbewusste junge Russin Lou Andreas Salomé drängt den angesehenen Arzt Josef Breuer, dem suizidgefährdeten Friedrich Nietzsche zu helfen und ihn von seiner zerstörerischen Obsession für sie zu kurieren. Breuer willigt ein und unterzieht Nietzsche einer neuartigen Heilungsmethode, deren Ausgang jedoch für beide unerwartet ist.

Meine Gedanken zum Buch: 

Mein Fazit als Zusammenfassung meiner Kommentare während des Lesens: ein faszinierendes Buch in mehrerlei Hinsicht!
 
Einerseits hat es der Autor wirklich geschafft, mich für das philosophische Werk Nietzsches zu interessieren und andererseits hat er mit der fiktiven Geschichte Breuers und seiner Krise mein Herz berührt. Diese Fragen nach dem eigenen Leben, die man sich wahrscheinlich öfter stellt, aber ganz sicher in der ungefähren Lebensmitte.Und auch der Hass des Philosophen auf die Frauen wird plötzlich transparent, letztendlich kann man ihn nur bedauern, den armen Kerl. Kein Wunder, dass er weint! Unterhaltsam, spannend, berührend und inspirierend, würde ich zusammenfassend sagen. Und motivierend, vielleicht doch einmal zu einem philosophischen Werk Nietzsches zu greifen, wo ich doch so in der Belletristik verhaftet bin...

"Seinen Lebensweg nicht bestimmen zu wollen hieße, sein Dasein zum grausen Zufall werden zu lassen."

Seitenangabe für Zitat1: 
279

Gelegentlich ist es ärger für den Philosophen, verstanden denn mißverstanden zu werden.

Seitenangabe für Zitat2: 
271

"Seltsam, aber im nämlichen Augenblick, da ich - zum ersten Male in meinem Leben - meine Einsamkeit in ihrer ganzen Bodenlosigkeit und ihrem ganzen Schercken zu erkennen gebe, in diesem selben Augenblick schmilzt die Einsamkeit weg" Im nämlichen Augenblick, da ich Ihnen sagte, mich habe noch nie jemand berührt, in eben diesem Augenblick ließ ich mich erstmals berühren. Ein unbeschreiblicher Augenblick, als wäre eine dicke Eiskruste plötzlich gerissen und in tausend Stücke gesprungen."

Seitenangabe für Zitat3: 
439
Verlag: 
btb TB
Auflage: 
Ungekürzte Taschenbuchausgabe
ISBN: 
ISBN-13: 978-3442737284

Kommentare

Ich hab die Ausgabe, die extra für die Stadt Wien gemacht wurde, also keinen Klimt, sondern verschüttete Tinte
 
http://rueckblick.einestadteinbuch.at/2009/
 
Dafür war's gratis!

Ja, am Anfang wird man voll in die Handlung geworfen - fast zu abrupt. Danach so bis S 70 sehr neunmalklug, wollte es schon weglegen. Jetzt wird's aber durchaus lustig und auch interessant und flüssiger. Zwischendurch merkt man die Übersetzung aus dem Englischen durch etwas plumpe Floskeln. Die philosophischen Inhalte werden gut und einfach gebracht. Es ist also durchaus lehrreich. Dass Dr. Breuer auch selbst ein ungelöstes Beziehungsproblem hat, ist ein wenig aufgelegt. Das ist ein Buch, das man durchaus schnell lesen kann. Stehe bei S 114.
Zitat S 71: "Hunde können sehr wohl Flöhe haben und Läuse."
Zitat S 86: "Ich kenne wohl Mitternächte der Seele."
Zitat S 105: "Hoffnung ist das übelste der Übel."

Das mit dem "neunmalklug" versteh ich nicht, Reini. So könnte man maximal Lou Salomé charakterisieren, aber doch nicht die Geschichte! Und diese Frau muss schon was Besonderes gewesen sein. Hast Du in Deiner Buchausgabe auch das Foto hinten drin, das sie erwähnt. Lou mit der Peitsche  mit Rée und Nietzsche als Pferdchen. Für damals sicher ein Riesenskandal!
 
Ich bin jetzt auf Seite 300 und stelle fest, dass dieses Buch sicher von Menschen, die die 40 bereits überschritten haben mehr geschätzt werden kann als von jüngeren. Nicht, weil diese den Text grundsätzlich nicht verstehen würden, sondern weil diese Lebensmitte ein Thema ist, das man wohl selbst erlebt haben muss, um Breuers Ängste und Zweifel vollständig nachvollziehen zu können. Midlifecrisis pur, würd ich sagen.
 
Da ich von Nietzsche nie mehr als ein paar kurze Texte gelesen habe, stoße ich hier quasi auf Neuland und bin erstaunt darüber, wieviel meiner eigenen Lebensanschauungen ich in seiner Philosophie wiederfinde. Klar, sie ist eindeutig frauenverachtend, das kann man nicht gutheissen. Aber ich bin schon lange der Meinung, dass jeder sein Leben durch seinen Willen und das Wollen gestalten kann und muss, und auch seine religiösen Ansichten teile ich großteils.
 
Ich finde, dieses Buch ist eine sehr gelungene Art, Leuten wie mir einen Philosophen nahezubringen. Wobe Yalom das auch schon in "Die Schopenhauer-Kur" sehr trefflich gelungen ist.

Liebes Tagebuch, ich bin nun auf S 220 (Tedesca hat mich schon wieder überholt). Das ist aber nicht erstaunlich; vielmehr erstaunlich ist die bemühte Einfühlung, die Herr Yalom für das Wienerische um 1900 aufbringt. Meist gelingt ihm das ganz gut - sehr gute Recherche. Ich möchte nun tiefer ins Detail. Die Haupthandlung, das gegenseitige Heilen von Dr. Breuer und Dr. Nietzsche, das Hick-hack unter Freunden ist amüsant und auch lehrreich. Danach kommt meist die Eigennachbetrachtung durch Dr. Breuer, so als Zusammenfassung, falls man bei den vorigen Seiten nicht aufmerksam genug war. Als drittes dann die Aufarbeitung mit Freud (ebenfalls ein Haberer von Dr. Breuer - nun gut). Hier würde ein Perspektivenwechsel aus Freuds Sicht z.B. frischen Wind bringen, jedoch bleibt die Perspektive bei Dr. Breuer und man erfährt kaum weiteres, schade. Weiters wird "es" auch noch mit seiner untergebenen Gattin besprochen. Wer dann noch immer nicht der Handlung folgen kann? Trotz des komplexen Themas also einfach zu lesen (Vorteil oder Nachteil).
Inhaltlich eine Ungereihmtheit: Dr. Nitzsche kann nicht lesen weil arges Augenleiden - jedoch kann er schreiben ...
Vielleicht kann mir das wer erklären, oder es wird noch zum wichtigen Punkt auf den nächsten ca. 200 Seiten, irgendwie.
Genug der kritischen Worte. Jetzt zum Positiven. Die philosophischen Standpunkte sind exzellent in die Geschichte verwoben und perfekt vermenschlicht. Man lernt Nietzsches Grundverständnis zum Leben sehr gut kennen und kann Parallelen zum heute sehr gut ziehen.
Zusammenfassend lese ich dieses Buch kurzum gerne.
Weiters sind sehr viele Sätze zitierungswürdig. Wie folgt:
S 138: "Sie spekulieren über ein Gespräch, bei dem nichts vorenthalten werden dürfte - sein wahrer Name lautete >Hölle< ...
S 145: "Vielleicht haben sich mein Ich und mein Leib sozusagen hinter dem Rücken meines Bewußtseins verbündet."
S 147: "ich will non keinem Aspekt meiner Erfahrung abgeschnitten sein."
S 193: "Abgesehen davon geht es abscheulich."
 
 

Reini, wenn Dich mal die Alterssichtigkeit treffen sollte, verstehst Du das mit dem Nichtlesenkönnen und trotzdem Schreibenkönnen auch... Wink Ich kann tadellos was aufschreiben, weil ich dabei ja nicht genau sehen muss, was ich schreibe, aber ohne Brille bin ich beim Lesen total aufgeschmissen.
 
Findest Du wirklich, dass Breuer und Nietzsche wie Freunde rüberkommen? Für mich sind sie viel mehr Rivalen, was auch aus ihren Betrachtungen nach den gemeinsamen Sitzungen gut rüberkommt.
 
In einem geb ich Dir auf jeden Fall Recht: das ist praktisch angewandte Philosophie, so, dass jeder sie verstehen kann. Denn meiner Meinung nach sind Nietzsches Originaltexte bei weitem nicht so einfach, wie er selbst meinte. Er stellt sich ja in Opposition zu Hegel und Kant, die seiner Meinung nach für eine rein akademische Leserschaft geschrieben haben. Yalom gelingt es wirklich, einem Nietzsches Weltanschauung zu übermitteln und auch die Reaktion der Gesellschaft seiner Zeit in der Person Breuers, der zwar aufgeschlossen ist, sich aber trotzdem nicht aus den Konventionen seiner Religion und gesellschaftlichen Zugehörigkeit lösen kann. Kluger Schachzug, finde ich!

Quäle mich gerade durch die Seiten. Immer wieder holprige und ungebräuchliche Übersetzungen. Es stört mich am meisten, dass Breuer Nietzsche gegenüber nicht ganz ehrlich sein will/kann, und trotzdem glaubt er, er kann Nietzsche übernasern. Es stimmt, dass Freundschaft immer mehr weicht und es zur Rivalität kommt. Durch die "kursiven" Eigen-Nachbetrachtungen wird der Inhalt auch nicht reißerischer eher sogar langweiliger. Es wiederholt sich lähmend. Auch kommt Breuers Gattin nun gar nicht mehr vor. Leider. Stand S 284.
Nun zum Positivem (auch das gibt es): Immer wenn Yalom direkt aus seiner Schriftsteller-Basis den Nietzsche-Werken zitiert, erfährt man die direkte Philosophie Nietzsches.
Einige Zitate:
S 221: "Was vermag denn ein Mensch einem anderen zu geben?
S 229: "Verwechseln Sie bitte Ungeschicklichkeit nicht mit mangelndem Zartgefühl."
S 237: "Jeder Tag zerfiel in zwei Phasen: das Zusammensein mit Bertha und das Warten darauf."
S 247: "Einem Freunde, der eine Ruhestätte braucht, biete man lieber ein hartes Bett!"
S 248: "Je mehr der Baum hinauf in die Höhe und Helle will, um so stärker streben seine Wurzeln ins Dunkle - selbst ins Böse."
 
 
 

Dabei vertieft sich doch gerade jezt, in meiner Ausgabe ca. 100 Seiten vor Schluss, die Freundschaft zwischen den beiden Männern. Beinahe vergessen sie ihren Auftrag und verhalten sich wie zwei Freunde, die miteinander über das Leben reden.
 
Übersetzungsschwächen sind mir keine untergekommen, aber ich hab auch das Original nicht gelesen.
 
Ich bin immer noch mitten drin, allerdings schreite ich sehr langsam voran, weil sich das Buch für die paar Leseminuten vor dem Einschlafen nicht gut eigent, wenn man wirklich alles erfassen möchte. ABER ich hab ja Zeit!

Ja, eine unausweichliche Wende steht nun im Vordergrund. Hier wird das Example voll zu Ende geführt - oder doch nicht? Halte mich nun ein wenig kryptisch um die Spannung zu bewahren. Stehe bei S 380. Ich gebe zu, die stilistischen Befremdungen sind nun im Hintergrund, denn die Handlung explodiert gerade.

Diesen literarischen Schachzug finde ich ja genial! Ich war so baff, wie Breuer da loszieht wie Jango. Einerseits fand ich es gut, andererseits hat es deutlich die Grenzen von Nietzsches Denkmodell gezeigt, das eben doch nur auf einer Theroie basiert. Gut gelöst von Yalom, muss ich sagen!

Gegen Ende wird es wirklich rührend und auch ehrlich und eben lehrreich. Insgesamt ein lesenswertes Buch, dem man aber kleine Ungeschicklichkeiten und Langatmigkeiten in der ersten Hälfte verzeihen muss.

SPOILER!!!
 
Ich weiß, dass einigen Lesern im Amazon-Forum dieser Schachzug mit der Hypnose nicht gefallen hat, ich fand ihn genial. Dass Breuer seine Familie nicht verlassen hat, wissen wir ja, erst dachte ich also, dass Yalom nun ganz tief in die Fiktionskiste greift. Dieser Ausflug hat so deutlich die Grenzen von Nietzsches Denkmodell gezeigt, an die jeder Mensch automatisch stoßen muss, wenn er soziale Verbindungen eingegangen ist, die über lockere Bekanntschaften hinausgehen. UND er zeigt auch, dass wir in diesen Bindungen so verhaftet sind, dass wir neue suchen, wenn wir alte abstreifen. Faszinierend. Dass Breuer dann aufwacht und alles nur mehr oder weniger ein Traum war, hat mich nicht gestört, ganz im Gegenteil.

Summa summarum ein interessantes Buch. Leseempfehlung für alle Psychologie-Interessierten. Aber bitte nicht für bare Münze nehmen - Breuer und Nietzsche haben sich in Wirklichkeit nicht gekannt. Das steht im sehr (oder zu) ausführlichen Nachwort.

so, nun bin auch ich fertig..... tolles Buch, sprachlich genau meins !!!!
Einige der vorkommenden Personen in diesem Roman waren mir natürlch schon im Vorfeld ein Begriff, wie Yalom sie aber alle zusammenpackt und daraus eine Geschichte spinnt, finde ich wirklich mehr als gelungen. Außerdem bringt er dem Leser auch das Thema Psychotherapie auf eine Weise näher, die durchaus verständlich und nachvollziebar ist.
 
Was mir hier besonders gefallen hat, ist die Darstellung der Beziehung zwischen Nietzsche und Dr. Breuer.... zwei "Rivalen"... zwei große Denker.. die sich eigentich aneindander zu messen versuchen und dann immer mehr entdecken, wie sehr sie sich doch beim anderen zu Hause fühlen...
Und zwischendurch immer wieder Brief und Auszüge aus Verlaufsprotokollen.... die einem einen weiteren Blick auf diese beiden Person und und ihr Innerstes erlauben...
Yalom`s Schachzug am Ende des Buches hat mir wirklich 2x komplett überrascht....man könnte sagen, ich war regelrecht fassunglos über diese Wendungen.... wie gesagt, ein genialer Schachtzug, der den Leser noch mal so richtig an die Geschichte bindet....
 
Alles in Allem wirklich ein leseswerter Roman.....die kleine Durststrecken zwischendurch, konnte ich problemlos überwinden und am Ende bleibt man als Leser wirklich zufrieden zurück. Auch von mir: Leseempfehlung!!!!!

S. 259: Sie wollen fliegen, doch man erfliegt das Fliegen nicht. Zuerst müssen Sie gehen  lernen, und der erste Schritt hierzu liegt in der Erkenntnis, dass dem, welcher sich nicht selbst gehorcht, von anderen befohlen wird. Es ist leichter, weitaus leichter, anderen zu gehorchen, als sich selbst zu befehlen.
S. 432: "Werde, der du bist"... Das bedeutet, sich nicht nur selbst emporzuschwingen, sondern niemals Beute der Absichten anderer zu werden.
S. 435: "Es ist gut so, Friedrich. Starke Tränen sind läuternd, kathartisch"
S. 435: "Einsamkeit existiert nur in der Einsamkeit; sobald sie geteilt wird, löst sie sich auf"