Tonio Kröger, Mario und der Zauberer

tonio.jpgZwei gegensätzliche Erzählungen, in denen Thomas Mann seine "Kunst des psychologischen Realismus zur Meisterschaft gesteigert" hat.

Meine Gedanken zum Buch: 

Das Zitat ist der erste Satz und schon fühle ich mich wieder zu Hause. Es muss doch immer wieder ein "Mann" sein. Wohl komponiert und zart überraschend kommen seine Sätze. Eine Freude das zu lesen und eine tolles Wiedersehen bzw. Wiederlesen eines Buches von Mann.
Zum Inhalt: Eine Burschenbekanntschaft ist für einen der beiden eigentlich mehr. Wir wissen, dass Mann homosexuell war und gewisse Aufarbeitungen sicherlich auch hier zu finden sind.
Man konzentriere sich auf die wunderbaren Sätze, wenn man thematische Wege nicht so intensiv kennen mag.

Die Wintersonne stand nur als armer Schein, milchig und matt hinter Wolkenschichten über der engen Stadt. Naß und zugig war's in den giebeligen Gassen, und manchmal fiel eine Art von weichem Hagel, nicht Eis, nicht Schnee.

Seitenangabe für Zitat1: 
7
Verlag: 
Fischer
Auflage: 
47.!
ISBN: 
9783596213818

Kommentare

Und er schrieb diesen Gedanken innerlich auf, dachte ihn völlig aus und empfand ihn bis auf den Grund.

Beherrscht dich ein Gedanke, so findest du ihn überall ausgedrückt, du  r i e c h s t  ihn sogar im Winde.

Dieser Tonio Kröger ist ja ein ganz vifer Bursche und trotzdem kann er Bekanntschaften nicht entsprechend fühlen, eingehen oder nutzen. Immer bekommt er nur "Second-Best". Auch nach seiner Flucht ins Nirgendwo, vorbei an elterlicher Gegend (wo sie ihn fast - zwar unbegründet aber doch fast - verhaftet hätten). Alles holt ihn ein, sein globiger Jugendfreund sowie seine Tanzpartnerin, die auf einmal in dieser verlassenen Gegend (doch) auftauchen. Und wieder "Second-Best". Was will Mann uns hier mitgeben? Man kann aus seiner Haut nicht heraus. So wie man geformt ist, bleibt man, egal wo und in welcher Gesellschaft man sich befindet. Auch eckt Tonio immer wieder an. Die Gesellschaft kann ihn nicht fassen. Abgehoben von allen Existenzängsten, braucht er keiner geregelten Arbeit nachzugehen. Das hebt ihn sehr ab. Die äußerliche Handlung ist hier sehr sparsam, sie plätschert richtig dahin. Mann ist mehr geeignet für mehrseitige Werke (mit Freude denke ich an den "Zauberberg").

Mist, Reini, Du machst mir echt den Mund wässrig, wo ich doch so gern Mann lese.... Aber ich hab mir doch geschworen, keine neuen Bücher mehr zu kaufen! Mal schauen, ob's den nicht zu einem günstigen Preis für den Kindle gibt, Mann ist doch auch schon ein Klassiker...

P.S.: Den Tonio hätte es günstig um 3,00 Euro gegeben, den Mario nur um 12,00! ABER ich hab jetzt das Taschenbuch mit beiden Geschichten um 6,00 Euro gekauft, da kann man echt nicht murren. Dafür missachte ich sogar mein selbst auferlegtes Kaufverbot. Ob der SuB jetzt 109 oder 110 ausmacht, ist im Grunde doch auch schon egal... Smile 

Die Hitze war unmäßig, soll ich das anführen?
S 80
Mit einem Worte, wir verletzten die öffentliche Moral.
S 83
Ein Dichter hat gesagt, es sei Trägheit, was uns in peinlichen Zuständen festhalte.
S 85
... weil Merkwürdigkeit ja in sich selbst einen Wert bedeutet, unabhängig von Behagen und Unbehagen.
S 85
Aber es sprach aus seinen Spitzen doch auch echte Gehässigkeit.
S 95
 

Diese Geschichte hat alles, was ich mir nur wünschen kann. Ungewöhnlich für Mann, dass es gegen Ende richtig zur Sache geht. Nach etwas langatmiger Einleitung, oder sagen wir wohl erzählt, erahnt man die Katastrophe erst wirklich gegen Ende. Mann fasziniert uns, wie es der Zauberer mit den Zuschauern im Buch macht. Dieses Ende wünschten wir uns nicht, obwohl es sich ganz schlüssig ergibt. Ein intensives Leseerlebnis - auch ideal für Mann-Einsteiger, da kaum 50 Seiten kurz.

Einmal mehr bewundere ich diese unglaubliche Erzählkunst, die Art, wie Mann Menschen und Situationen beschreibt. Seine Ausführungen sind mir allerdings trotz ihrer Treffsicherheit manchmal zu langatmig, vor allem die endlosen Tiraden über die Künstlerseele in "Tonio Kröger", die kaum ein Klischee auslassen, haben mich wirklich gelangweilt, auch wenn man durchaus autobiografische Elemente in der Geschichte entdecken kann.
Weitaus spannender war für mich die Geschichte "Mario und der Zauberer", vor allem auch wegen der so treffenden Beschreibungen des italienischen Urlaubsortes Torre die Venere. Natürlich ist auch hier das Thema ein brisanteres, die Geschichte hat einen spannenderen Aufbau und man fiebert ihrem Ausgang entgegen, der sich ganz langsam abzeichnet und in einem wilden Finale gipfelt.
 
"War das auch das Ende?" wollten sie wissen, um sicherzugehen... "Ja, das war das Ende", bestätigten wir ihnen. Ein Ende mit Schrecken, ein höchst fatales Ende. Und ein befreiendes Ende dennoch, - ich konnte nicht umhin, es so zu empfinden! (Seite127)