Sitemap

Roman eines Schicksallosen

Bild von tedesca
Verfasst von yellow bookreader tedesca am Mo, 01/09/2008 - 10:11
Inhaltsangabe

Roman_eines_Schicksallosen.jpgImre Kertesz ist etwas skandalöses gelungen: die Entmystifizierung von Auschwitz. Es gibt kein literarisches Werk, das derart konsequent, ohne zu deuten, ohne zu werten, der Perspektive eines staunenden Kindes treu bleibt. Wohl nie zuvor hat ein Autor seine Figur Schritt für Schritt bis an jene Grenze begleitet, wo das nackte Leben zur hemmungslosen, glücksüchtigen, obszönen Angelegenheit wird.Imre Kertesz, 1929 in Budapest geboren, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit.

Zitate

"Non scolae, sed vitae discimus - Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir", zitierte er. Dann hätte ich jedoch, das war meine Ansicht, die ganze Zeit ausschließlich für Auschwitz lernen müssen. Es wäre alles erklärt worden, offen, ehrlich, vernünftig. Bloß hatte ich während der ganzen vier Jahre in der Schule kein einziges Wort davon gehört. Aber ich sah natürlich ein, daß die Sache peinlich gewesen wäre, ja und dann gehört es auch nicht zur Allgemeinbildung, ich mußte es zugeben. Das hate dann den Nachteil, daß ich mich erst hier belehren lassen mußte, zum Beispiel darüber, daß wir uns in einem "Konzentrationslager" befanden. Aber auch die seien nicht alle gleich, so wurde erklärt. Das hier zum Beislpiel sei ein "Vernichtungslager", erfuhr ich. Etwas ganz anderes sei dagegen - so wurde gleich hinzugefügt - das "Arbeitslager": dort sei das Leben leicht, die Verhältnisse und die Lebensmittelversorgung, hieß es, unvergleichlich besser, was nur natürlich ist, denn auch das Ziel war ja schließlich ein anderes.

Seitenangabe für Zitat1:
127

Auf jeden Fall nimmt man etwas Neues üßberall, selbst in einem Konzentrationslager, zunächst mit gutem Willen in Angriff - ich wenigstens habe es so erlebt: fürs erste genügte es, ein guter Häftling zu werden, das weitere mochte dann die Zukunft bringen - das war im großen und ganzen meine Auffassung, darauf gründete ich meine Lebensführung, ganz genauso übrigens, wie ich das im allegemeinen auch bei den anderen sah. Ich habe natürilch bald bemerkt, daß die vorteilhafte Meinung, die noch in Auschwitz über die Einrichtung von Arbeitslagern geäußert worden war, auf einigermaßen übertriebenen Informationen beruhen mußte. Über das ganze Ausmaß dieser Übertreibung, nunja, und dann besonders über alle die daraus entstehenden Folgen habe ich mir allerdings nicht forot in vollem Umfang Rechenschaft gegeben - und konnte es ja schließlich gar nicht -, und auch das ar wieder so, wie ich es bei andere, ich daf sagen: bei allen anderen wahrnahm, bei allen rund zweitausend Gefangenen unseres Lagers - ausgenommen natürlich die Selbstmörder.

Seitenangabe für Zitat2:
151

Wir fuhren sogar mit dem Schiff, auf einem - zumindest für das an die Donau gewöhnte Auge - nicht sonderlich großen Strom, der, wie ich erfuhr, Elbe heißt, und ich passierte einen Ort, der offensichtlich früher eine Stadt gewesen war, jetzt aber insgesamt nur noch aus Schutthaufen und ein paar schwarzen, nackten Mauern bestand. Am Fuß dieser Mauern und Trümmer, nun und dann unter den Überresten von Brücken, lebten, wohnten und schliefen die Einheimischen jetzt, und ich versuchte mich darüber zu freuen, versteht sich, nur mußte ich spüren: gerade sie machten mich dabei verlegen

Seitenangabe für Zitat3:
262
Quellenangaben
Verlag:
Rowohlt Tb.
Erscheinungsjahr:
1999
Auflage:
19. Auflage
ISBN:
ISBN-13: 978-3499225765
Meine Gedanken zum Buch:

Dieses Buch hat mich immer wieder sprachlos gemacht. Der Protagonist ist 15 und sehr behütet aufgewachsen, mit dem jüdischen Glauben hat er nicht viel am Hut. In seiner unglaublichen Naivität beschreibt er die Dinge, so wie er sie sieht. Wo wir einen Nazischergen vor dem geistigen Auge haben, sieht er einen Menschen mit Lachfältchen um die Augen und einem traurigen Gesichtsausdruck. Die Deutschen betrachtet er mit kindlichem Interesse, wie er sie zum ersten Mal sieht.
 
Schockierend ist der Wandel, den er in dieser kurzen und doch so endlos langen Zeit durchmacht. Nach nicht einmal einem Jahr hat er alle Weisheit der Welt in sich, sein Körper ist der eines alten Mannes, sein Leben richtet sich nur mehr nach Instinkten.
 
Und trotzdem zerbricht er nicht daran, trotzdem sagt er am Schluss: "Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war. Alle fragen mich immer nur nach den Übeln, den "Greueln": obgleich für mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkwürdigste ist. Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslager, müßte ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen. Wenn sie überhaupt fragen. Und wenn ich es nicht selbst vergesse."

Die User-Beiträge decken sich nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von bookreaders.at.
Sollten diese Ihre Rechte verletzen, bitten wir um .

Dein Lieblingsbuch im Bücherforum nicht gefunden?

Werde selbst Buchpate!

Inhaltsangabe bzw. Zusammenfassung - selbst verfasst oder der Buchklappentext, Zitate, Quellenangaben, deine Meinung, und schon bist du Buchpate. Wir freuen uns auf deine Lieblingsbücher.

Stelle deine Bücher im Forum vor und diskutiere mit anderen bookreaders über das Buch. Rezension bzw. Rezensionen sind zwar "hübsche" Worte, auf bookreaders.at schreibt einfach jeder seine Meinung in der Diskussion. Eine Bewertung des Inhalts mit Sternchen oder dergleichen, wie sie in Buchbesprechungen üblich scheint, gibt es auf bookreaders.at nicht. Was zählt sind die persönlichen Eindrücke über den Inhalt, den Autor, ... Wir freuen uns über jede Buchvorstellung.