Montedidio

Montedidio.jpgErri De Lucas Meisterwerk, das seinen Ruhm begründete und ihn in Italien zum meistgelesenen Autor des Jahrzehnts machte: Die zarte, poetische Liebesgeschichte aus Neapel ist auch ein Stück europäischer Geschichte en miniature. Es liegt herrlich in der Hand, das glatte, schwere Holz, das, richtig geworfen, ihm eines Tages Flügel verleihen wird. Dieser Bumerang, ein Geschenk seines Vaters, ist für den jugendlichen Ich-Erzähler das Wertvollste, was er besitzt. Die Tage verbringt der Junge in der Schreinerwerkstatt Meister Erricos, wo auch der Schuhmacher Don Rafaniello seine Werkbank hat. Rafaniello hat einen Buckel und behauptet, darunter würden sich Flügel befinden, wie bei einem Engel. Sie hätten es ihm ermöglicht, sich im Krieg zu verstecken. Jeden Mittag steigt der Junge hinauf auf die Dachterrasse des Mietshauses, um dort unbeobachtet mit seinem Holz zu trainieren. Und abends ist er erneut oben, um die gleichaltrige, aber schon viel erwachsenere Nachbarin Maria zu treffen. Sie kann er davon überzeugen, dass die Reinheit des Herzens stärker ist als die obskure Macht des Bösen, so hat es ihn wenigstens Don Rafaniello gelehrt. Eines Tages beschließt er, Maria sein Geheimnis, den Bumerang, vorzuführen.

Meine Gedanken zum Buch: 

Dieses Buch hat sowohl sprachlich als auch inhaltlich viel zu bieten. Die knappe Erzählweise in Form von Tagebuchaufzeichnungen eines 14-Jährigen beschränkt sich einerseits auf die unmittelbare Umgebung des Buben im Neapel der 60er-Jahre, lässt aber dann doch auch viele Rückschlüsse auf die Geschichte der Nebenfiguren zu, das ist wirklich faszinierend. Ich mag die Geschichte von Don Raffaniello, in dessen Buckel sich eigentlich Flügel befinden, die ihn von seinen Leiden wegtragen sollen ins Gelobte Land.
Wirklich atmosphärisch sind die sparsamen Beschreibungen der Stadt Neapel, der Weihnachtsbräuche, des Lebens der armen Leute. Und natürlich gibt es noch die Liebesgeschichte mit Maria, die beschließt, sich nicht länger von ihrem Vermieter missbrauchen zu lassen.
Ich verrate hier keine großen Geheimnisse, es geht in dem Buch nicht um Spannungsmomente, diese Themen kommen von Anfang an vor, entrollen aber ganz gemächlich ihre Details. Und das in einer poetischen Schlichtheit, die immer wieder genau das Wesentliche trifft.
 
Im Klappentext wird L'Express zitiert: "Ein Roman wie eine Skulptur, gemeißelt aus Schönheit und Schmerz."
 
 

An der Promenade vor dem Park der Villa Comunale kamen wir immer dann vorbei, wenn die Fischer gerade das große Netz an den eiden Seilenden an Land zogen. Es waren sechs Männer pro Seilende, der Älteste gab das Zeichen für den Ruck, damit alle gleichzeitig zogen. Das Seil wand sich auf ihren Schultern, sie stemmten die überkreuzten Füße in den Boden und zogen mit ihrer ganzen Körperkraft das Meer an Land. Das Netz tauchte breit und langsam auf, während die beiden Seile sich auf der Straße zu zwei Haufen ringelten. Wenn es unten ankam, schlugen die Fische Funken, all das Weiß an ihnen blitzte auf, zu Hunderten schlängelten sie sich, ein ganzer Sack voll leben, den Wellen entrissen, wurde aufs Trockene gekippt. Papa sagte: "Seht mal, das Feuer des Meeres." Der eruch des Meeres war unser Parfüm, der Frieden eines Sommertages, wenn die Sonne untergegangen ist. Wir standen schweigend dabei, eng beieinander, und das ging bis letztes Jahr so, bis letztes Jahr, als ich noch ein Kind war.

Seitenangabe für Zitat1: 
80
Verlag: 
Graf Verlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
978-3862200313