Liebeswut

Liebeswut.jpgDie 31jährige Gwen, blond, gebildet und erfolgreich, bewohnt ein schickes Apartment in Manhattan. Gideon schlägt sich als Puppenspieler durchs Leben. Obwohl die beiden unterschiedlicher nicht sein könnten, fühlen sie sich unwiderstehlich voneinander angezogen. Sie schlagen alle Warnungen in den Wind, heiraten, bekommen ein Baby. Und da bricht auf einmal der Alltag über die Liebe herein.

Meine Gedanken zum Buch: 

In tiefgreifender Sprache erzählt Fernanda Eberstadt die Geschichte zweier Menschen, die sich trotz ihrer Unterschiede in gesellschaftlicher, religiöser und wirtschaftlicher Hinsicht leidenschaftlich ineinander verlieben. Schon bald spürt man, dass das nicht gutgehen kann, dass Gwen diese Urgewalt von Liebe und Gefühlen nicht in ihr Lebensscheima einpassen kann, doch dann wird sie ungewollt schwanger, und erlebt zum ersten Mal eine Liebe, die keine Bedingungen stellt und in kein ihr bekanntes Schema passen will. Gideon wird für sie zur lästigen Randfigur, der ihre Erwartungen nicht mehr erfüllen kann, er lässt sich von ihr in brechen, nur um sie und die gemeinsame Tochter Bella nicht zu verlieren. Aus einem leidenschaftlichen und lebensfrohen Mann wird ein Schatten seiner selbst: "Aber brichst du den Menschen, den du liebst, ist alles, was dir bleibt, dein eigener ausgedörrter Wille und ein Bett aus steinigem Boden, durch das niemand mehr wieder seinen Pflug ziehen wird."
Parallel dazu beschreibt Eberstadt das New York der Neunziger, "gereinigt" von Rudy Giuliani's Maßnahmen zur Verbrechensbekämpfung, die weltweit großen Anklang gefunden hat und doch auf Kosten derer gegangen ist, die sich ausserhalb des Lichts dieser glamourösen Stadt bewegen und immer mehr in eine Schattenexistenz getrieben werden. Kleine Theater, Geschäfte, Galerien, alles weicht modernen Betonbunkern und einer neuen Schickeria, die von Traditionen nicht viel hält, sondern stetig nach vorne strebt.
Ohne zu bewerten erzählt Fernanda Eberstadt diese Geschichte einer sterbenden Liebe, die mich zutiefst berührt hat.

Sie ist die tollste Frau, die er je gesehen hat.
 
...
 
Und doch hast du, Gideo, dir nicht gewünscht, von ihr zu hören. Du hast nicht vorgehabt, sie wiederzusehen. Du wusstest bereits, dass Frauen in Tweedmänteln, die über Pferde reden und mit Bankern ausgehen, nichts für dich sind. Und dass du, der in zwölf Sprachen Kasperletheater spielen kann, angesichts ihrer muttersprachlichen Spitzfindigkeiten elend verstummen würdest wie ein Musiker, der sein Gehör verliert. Du wolltest ausgiebig von ihr träumen und dann den Gedanken an se tief in dir drin vergraben.

Seitenangabe für Zitat1: 
69

Was so bemerkenswert an den Neunziern ist, denkt Gideon, ist nicht etwa, dass Armut und Obdachlosigkeit akzeptabel geworden sind, sondern dass die Kluft zwischen Wohlhabenden und Armen indessen so groß ist, dass die Mittelklasse die Menschen auf der anderen Seite schlicht und ergreifend vergisst. Giuliani hat sofort begriffen, dass seine Aufgabe darin besteht, sie ganz dieskret verschwinden zu lassen.

Seitenangabe für Zitat2: 
460

Wir haben die Liebe geopfert, um "Beziehungen" einzugehen. Der Unterschied zwischen einer Liebesaffäre und einer "Beziehung" ist nicht nur ein semantischer - er ist wesentlich: In der Liebe verströmen wir uns, ohne darüber nachzudenken, ein Strom der Verletzlichkeit und des Opferns, so stark wie der Tod und so schrecklich wie eine Armee mit ihren Bannern. Lasst alle Kontrolle fahren, ihr, die ihr hier eintretet.
Dagegen ist eine Beziehung eine vertragliche Übereinkunft, die Verhandlungen unterliegt und direkt von der Zufriedenheit der beiden Parteien abhängig ist. (...)
Ergebnis ist ein blutleeres Abhaken von Plus- und Minuspunkten: Kommt sie mit deinen Freunden aus, wie gut ist sie im Bett, spricht er über seine Gefühle? Sexualität wird zu etwas, das nicht in jedem Blick, jedem Lächeln, jedem Zehenwackeln, jedem STREIT zum Ausdruck kommt, sondern ein multilateraler Vertrag - ich schlaf mit dir, wenn du dafür das Geschirr spülst -, ein Betätigungsfeld, das man verbessern, an dem man arbeiten kann.
Wir wissen, wie wir arbeiten sollen und wie wir unseren Körper fit halten, aber wie wir uns in der Liebe verlieren sollen - das wissen wir nicht.

Seitenangabe für Zitat3: 
532
Verlag: 
Rowohlt Tb
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3499244162