Ich habe gut geschlafen und bin richtig gut drauf. Da kann ich heute Abend mit Opas Moped nach Cottbus in die Disco fahren. Fahrerlaubnis habe ich zwar keine, da ich für Moped „zu klein“ bin laut TÜV… Aber ich habe genau aufgepasst, wie Opa das Ding gestartet hat! Also mache ich Abendsport, indem ich in der Nacht aus dem Fenster klettere.
Also… zuerst das Moped… ich sag dir, das ist schwer… leise vom Hof schieben… schnell anwerfen… schon fahre ich los!
MIST!!! Wieso muss mir der Straßengraben in den Weg springen?! Wenigstens sind die Bäume zur Seite gegangen…
Ich rappele mich mühsam auf und bewege mich. Zwar tut mir der Arm etwas weh, aber sonst ist mir nichts passiert. Nur das Moped… verbeult… Jetzt kriege ich Angst, denn meine Mutter hat mir so oft gepredigt, dass ich nie ohne Flebben fah-ren darf. Was soll ich machen? Ich haue ab! Endgültig! Obwohl ich Oma und Opa mag, weiß ich nicht, wie ich den beiden das erklären soll und wie sie reagieren… und meine Mutter… lieber verzichte ich auf das Abi! Sch*** drauf! Ab in die Freiheit!
Kurzer Check: Handy, Portemonnaie, Ausweis, Kontokarte… alles da. Auf geht’s! Ich laufe die paar Kilometer bis Guben und fahre mit dem Zug nach Berlin. Untertauchen ist auch nicht schwer, wenn man (wie ich) genug Geld hat. Das ist richtig schön, die absolute Freiheit zu genießen… und meine Kumpels, die ich getroffen habe, die verstehen mich auch. Da gibt es kein Problem, mit denen Party zu machen und zu trinken…
Als ich irgendwann meine Augen einen Spalt öffne, sehe ich flackernde blaue Lampen… und Leute in roten Jacken… und döse wieder weg…
Als ich das nächste Mal wach werde, liege ich in einem Zimmer, das ich nicht ken-ne… es ist ein Krankenhaus… mir ist so schlecht… die faseln was von Alkoholvergiftung… und dass ich noch Glück gehabt hätte, dass mir nichts weiter passiert sei… und nur das Geld weg ist… und meine Mutter bald käme…
Als sie am Bett steht, sagt sie, dass wir dringend reden müssen, da es so nicht weitergehen könne mit mir. Sie gibt mir zwei Möglichkeiten zur Auswahl, zwischen denen ich mich bis morgen zu entscheiden habe:
Möglichkeit eins: Ich kann eine Wohnung in Sarnow eingerichtet kriegen, einem kleinen Kuhkaff mitten in der Schorfheide. Sie würde Unterhalt und Miete zahlen, so dass ich nicht verhungern würde. Dort bekäme ich auch eine Ausbildung in der Tierhaltung. Die hätten dort eine Lehrstelle im Stall frei. Sie hätte sich schon erkun-digt, und die würden mich auch nehmen. Somit könne ich in neuer Umgebung völlig neu anfangen… Spinnt die „Alte“? Ist die mit dem Klammersack gepudert? Oder wurde die als Kind zu heiß gebadet? Hat die zu lange in der Sonne gelegen? Das ist ja am Ar*** der Welt!!! Völlig unannehmbar!!!
Möglichkeit zwei: Wenn ich auch weiterhin zu Hause wohnen wolle, würde sie mich mit Zwangsmaßnahmen festhalten. Ich könne immer versuchen, das Haus zu verlassen, um abzuhängen, wenn ich die Chance bekäme. Meine Mutter dürfe aber alles unternehmen, was sie wolle, dass ich zu Hause bliebe. Sie darf also über mich verfügen?! Sie kann weiter über mich bestimmen?! Aber wenn ich mich nicht drauf einlasse… Mich im Haus einsperren? Das packt die doch nie!!! Das beweise ich ja schon seit Jahren!!! Also kein Problem!
Ich will sofort zusagen, als meine Mutter sagt, dass ich erst überlegen solle, denn es bedeute auch, dass ich eine Erklärung abzugeben hätte, dass ich mit allen Maßnahmen einverstanden sei, die mich zu Hause festhalten, also auch mit allem, was mir Zeit zum Nachdenken gibt. Und diese Genehmigung soll für die Dauer von vier Wochen gültig sein. Na ja, das sitze ich auf einer Ar***backe ab! Da hänge ich eben in meinem Zimmer bei Musik und Fernseher ab. Alles kein Problem!