Erinnerung an einen schmutzigen Engel

Anfang des letzten Jahrhunderts muss die junge Hanna Nordschweden verlassen, sie arbeitet kurz in Sundsvall als Magd, schon bald schickt sie aber ihr Arbeitsgeber als Köchin an Bord eines Frachtschiffs nach Australien. Während der Überfahrt verliebt sie sich und heiratet. Doch ihr Ehemann stirbt kurz danach an einer Krankheit, die er sich während eines Landganges in Afrika zugezogen hat.
Verzweifelt geht Hanna in der portugiesischen Kolonie Mocambique von Bord und leistet sich ein Hotelzimmer. Das O Paraiso ist aber eigentlich ein Bordell.

Meine Gedanken zum Buch: 

Vorneweg: Ich bin kein Fan von Mankells Wallander-Krimis, aber seine Afrikaromane mit Bezug zu Schweden haben mich in der Vergangenheit überzeugt. Der Autor lebt selbst teilweise in Maputo, man merkt, dass ihm Afrikas Schicksal am Herzen liegt.
In diesem Roman zeigt er gewalttätige weiße Männer, rassistische weiße Frauen und die unterdrückten Einheimischen, die sich nicht einmal als Menschen zweiter Klasse fühlen könnten, sich aber doch eine gewisse Würde bewahrt haben. Jeder der dort lebt, egal welcher Klasse und Rasse, lebt mit einer Angst, die unter der Oberfläche dahinköchelt.Es gibt dann noch sehr eigentümliche Figuren - der Klavierstimmer, der nie ein Wort sagt und jeden Tag dasselbe Klavier stimmt, der Schimpanse, der zum Bordell gehört und das junge schwarze Mädchen, das es kaum erwarten kann, im Bordell zu arbeiten. Und natürlich Hanna, die ihren Weg finden muss, um mit den Ungerechtigkeiten, die in diesem Land herrschen, umzugehen.
Zeitlich beginnt Mankell die Geschichte mit der Seebestattung von Hannas Mann und erzählt dann in Rückblicken aus ihrem Leben in Schweden. Diese Rückblicke sind zwar wichtig um ihre weiteren Beweggründe zu verstehen, sie sind aber auch recht ausführlich gestaltet und man will schon eher wissen, wie es nach der Seebestattung mit Hannas Leben weitergeht.
Vor allem ab Hannas Ankunft in Afrika ist es ein lesenswerter, bewegender und auch polarisierender Afrikaroman. Auch die Übersetzung ist von sehr guter Qualität.

Der Gedanke kehrte zurück: Ich sehe sie. Aber sehen sie mich auch? Und wenn sie mich sehen: Wer bin ich für sie?

Seitenangabe für Zitat1: 
151

Sie schrieb: "Mitten in der unbegreiflichen Armut sehe ich Inseln von Reichtum. Wie kommt es, dass es diese Freude gibt? Diese Wärme, die längst erkaltet sein müsste? Wenn ich es umkehre, sehe ich bei den Weißen, die hier leben, viel größere Armut mitten im ihrem Wohlstand.

Seitenangabe für Zitat2: 
341
Verlag: 
Zsolnay
Auflage: 
Erstauflage
ISBN: 
978-3-552-05579-7

Kommentare

Bei diesem Buch handelt es sich um einen wirklich schönen historischen Roman, der auf ein paar belegbaren Tatsachen basiert, wie uns im Nachwort erklärt wird.
Mankell beschreibt wie immer (meiner Meinung nach auch in den Wallander-Krimis) sehr anschaulich Land und Leute, und seine Liebe zu Afrika und seinen Menschen blitzt immer wieder durch. Die bewegte Geschichte Mosambiks, dem Wohnsitz des Autors, ist bei uns ja nur bedingt bekannt, allerdings ist der Ort des Geschehens auch beliebig austauschbar. Rassismus, Hass und Angst waren und sind wohl die stärksten Druckmittel von Kolonialherren und Besetzern, daran hat sich bis heute nichts geändert.
 
Mit Hannah hat Mankell eine Figur geschaffen, die sich zwischen den Welten begwegt, wir begleiten sie über ein paar wenige Jahre ihres turbulenten Lebens hinweg, dann verlieren wir sie aus den Augen. Irgendwie interessant, wenn man nicht weiß, wie es mit einer Person weitergeht, aber trotzdem hat das Buch ein schlüssiges Ende.
 
Jürgen Holdorf, der mir bislang nichts gesagt hat, liest das Hörbuch sehr angenehm, somit kann man auch dieses wirklich empfehlen.