Die Villa am Rande der Zeit

Die_Villa_am_Rande_der_Zeit.jpgDer Belgrader Student Adam erhält ein ungewöhnliches Angebot: Er soll ein Jahrzehnte zuvor erschienenes Buch umarbeiten. Ein scheinbar harmloser Auftrag. Doch bei der Lektüre macht Adam eine sonderbare Erfahrung: Unversehens findet er sich mitten in dem Roman wieder und begegnet anderen Lesern, die über dieselbe Gabe verfügen. Nicht alle haben ein unschuldiges Interesse an dem Buch. Als ein Mord geschieht, muss Adam sich entscheiden: Will er seinen Auftrag erfüllen oder verhindern, dass dieser imaginäre Zufluchtsort unwiederbringlich verloren geht?

Meine Gedanken zum Buch: 

Vergangenheit und Gegenwart treffen sich in einem fiktiven Garten, in einer Villa, die ausserhalb der Zeit existiert. Geschaffen von einem Mann, der über die Gabe verfügt, in die Welt der Bücher einzutauchen, in ihnen spazieren zu gehen, sie auch zwischen den Zeilen zu erforschen. Und selbst so eine Welt zu erschaffen, als idealen Lebensraum für sich und seine Geliebte, die über die selbe Fähigkeit verfügt, die ihn aber im echten Leben nicht erkennen kann.
 
Der junge Student Adam erhält von einem geheimnisvollen Paar den Auftrag, diese mystische Welt nach dessen Vorstellungen umzugestalten, aufzuräumen, zu modernisieren. Immer tiefer gerät er in einen Gewissenskonflikt, immer mehr ersetzt diese fiktive Welt seine reale.
 
Serbien, ein vom Lauf der Geschichte geschütteltes Land, viele Kriege, viel Leid. All das erfährt auch der "normale" Leser zwischen den Zeilen, aus den Erlebnissen der Protagonisten, aus ihren Lebensläufen. Das Buch hat eine wunderbare Atmosphäre, beim Lesen ergreift einen immer wieder eine leichte Melancholie, die man dem Balkan ja auch oft zuschreibt. Wie ein Lied mit trauriger Melodie geht einem diese Geschichte über unerfüllte Liebe und Sehnsucht direkt ans Herz.
 
Sprachlich und inhaltlich lassen sich durchaus Paralellen zu Márquez finden oder auch zu Ruiz Zafón. Wenn man bereit ist, sich auf Dinge einzulassen, die nicht alle zu 100% klar und eindeutig sind, sondern sich auch hinter einem feinen Schleier verbergen können, erwartet einen ein magisches Leseerlebnis, aus dem man wie nach einem schönen Traum erwacht, der noch den ganzen Tag leise nachschwingt.
"Lesemomente sind die längsten Augenblicke der Welt. Jeder einzelne ist eine kleine Ewigkeit wert."  (Goran Petrovic)

ERSTE LEKTÜRE
 
Davon, wo der Mond stünde,
und wo der Nordstern,
wenn der Himmel nicht wolkenverhangenwäre;
ob es Ähnlichkeiten gibt
zwischen einer Bibliothek und dem Botanischen Garten;
wie Erinnerungen ihren Glanz zurückerhalten;
was man in den Augen
eines aufmerksamen Lesers sehen kann;
davon, wie man ohne das geringste Bedauern
das einfache Futur
des Verbs sein bildet;
wo es immer
gutes Sesamöl zu kaufen gibt
und echten Barbanyc;
wo sich das größte Kaufhaus des Balkans befindet;
was mit dem Ordonnanzoffizier
König Petars des Zweiten geschehen ist;
was sich alles
im Kissen eines jungen Mädchens finden lässt;
und von Gepck, das einer Schiffspassage nach Übersee
alle Ehre gemacht hätte.

Seitenangabe für Zitat1: 
27

Tatsächlich, erinnerte sich Jelena, sah es in manchen Büchern wie versteinert aus. Sie wirkten wie verwünschte, verlassene Städte, an denen alles an seinem festen Platz geblieben war, in denen man tagelang verweilen konnte, ohne etwas anderes als den eigenen Atem zu hören. Es gab Bücher, die nur Vergangenes enthielten, eine so ferne Vergangenheit, dass ihre Formen nur noch als Luftspiegelung existierten. Bücher, in denen menschliche Geräusche, Musik und Lachen nachhallten, die sich jedoch, wenn man näher kam, als ein jahrhundertealtes Echo herausstellten. Oder Bücher, die nur von Eingeweihten besucht wurden, die versuchten, aus den Relikten etwas Neues zu erschaffen, oder unter dem Vergessen, das schwerer wog als alles andere, einen wertvollen Gedanken hervorzuziehen. Und daneben existierte eine Wirklichkeit, die solchen Büchern ähnelte, doch ließ sich diese Wirklichkeit, im Gegensatz zu den Büchern, nicht einfach zuschlagen und beiseite legen.

Seitenangabe für Zitat2: 
69

In der anbrechenden Morgendämmerung schien es, als würde der Wind, der immer noch auf der Harfe spielte, weitere Instrumente einführen; aus unterschiedlichen Richtungen hörte man den Ruf der Klarinette und das dunkle Fagott, Hörner donnerten, die exotische Oboe schwang sich empor, immer mehr Streicher fielen ein, und sogar eine menschliche Stimme erklang; vom Fluss plätscherte Klaviermusik herüber, und als die Sonne aufgung, als die Vögel im Park erwachten, hob ein wahres Konzert für Flüte und Harfe an, das den schwungvollen Kompositionen Mozarts sehr glich ...

Seitenangabe für Zitat3: 
377
Verlag: 
Deutscher Taschenbuch Verlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3423141123