Die Verratenen

Die_Verratenen.jpgDuca Lamberti, wegen Sterbehilfe vom Dienst suspendierter Arzt aus Mailand, bekommt eines Abends seltsamen Besuch: Ein gewisser Silvano Solvere bittet ihn darum, die Jungfräulichkeit einer jungen Dame wiederherzustellen, damit sie den einflussreichen Metzger Brambilla heiraten kann. Als Lamberti Polizeichef Carrua den Vorfall meldet, ergeben sich bald Verbindungen zu mehreren mysteriösen Todesfällen, die noch als Unfälle gehandelt werden. Da taucht plötzlich eine junge Frau auf, die sich zu den Morden bekennt. Ihre Beichte stürzt Lamberti in einen Gewissenskonflikt ...

Meine Gedanken zum Buch: 

Alles, was ich schon bei "Das Mädchen aus Mailand" geschrieben habe, trifft auch hier wieder zu. Ein weiteres Mal lief beim Lesen dieser schwarz-weiß-Film in meinem Kopf ab, nur dass sich diesmal ein rotes Mäntelchen, genannt Redingote, eingeschwindelt hat (ähnlich wie der rosa Kindermantel in "Schindlers Liste", falls Ihr Euch erinnert).
Ich finde es faszinierend, wie man dermaßen sensibel und trocken über so unglaubliche Gewalt schreiben kann. Man merkt deutlich, dass Mitte der 60er-Jahre die Traumata des Krieges noch sehr präsent waren, aber auch aktuelle Themen wie Waffenschieberei, Drogen und Terrorismus waren damals in Mailand schon aktuelle Themen.
Scerbanenco malt das Bild einer Stadt, in der Schönheit und Kultur brutal mit Verfall und Verbrechen zusammenkrachen, mitten drin steht die zerrissene Figur des Duca Lamberti, der um nichts in der Welt bereit ist, seine Ideale zu verkaufen.
 
Ein beeindruckender Roman und ein Muss für alle, die gerne Krimis weit jenseits des Mainstreams der 2000er-Jahre lesen.

Sie fuhren los. ie hatte Mailand einen so poetischen, dannunzianischen Frühling erlebt wie in diesem Jahr 1966. Der Wind, mild und heftig zugleich, wehte durch die flache, geschäftige Metropole, als sei sie eine grüne, sanft geschwungene Schweizer Hochebene. Und da es kein hohes Wiesengras gab, das er mit seinem Streicheln dazu bringen konnte, sich zu verneigen, umfing, streichelte und hob er die Röcke der Frauen, fuhr lau in die spärlichen Haare der vielbeschäftigten Mailander und in die üppigen Mähnen der jungen Faulenzer, riss kräftig an den langen Tischdecken der Straßencafés und zwang all die Rossis und Ghezzis und Ghiringhellis, die normalerweise einen Hut trugen, diesen mit der linken Hand auf ihrem Kopf festzuhalten. Nur die Schmetterlinge fehlten, große weiße oder gelbe Schmetterlinge, aber eigentlich, dachte Duca, passten Schmetterlinge gar nicht nach Mailand,sondernhätten dort fast ein bisschen frivol gewirkt.

Seitenangabe für Zitat1: 
174
Verlag: 
Kremayr & Scheriau
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
3-218-00699-6