Die Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlandes

Friedrich Torberg war wohl einer der letzten, der aus eigener Erinnerung die Atmosphäre des ehemals habsburgischen Kulturkreises und die Welt der Boheme in Budapest, Prag und Wien so intensiv zu beschwören vermochte.
Franz Molnár, Egon Erwin Kisch, Anton Kuh, Egon Friedell und Alfred Polgar - hier werden sie alle wieder lebendig. Aber mehr noch kommen die Unbekannten zu Wort: der zerstreute Religionslehrer Grün, der geistreiche Rechtsanwalt Sperber, die Redakteure des legendären 'Prager Tagblatts' und natürlich die Tante Jolesch, die den Lauf der Welt auf ihre Weise kommentierte.

Die Tante Jolesch mit dem Untertitel oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten ist ein originelles Zeitgemälde aus Anekdoten und Porträts von Zeitgenossen Friedrich Torbergs. Es bietet ein in dieser Form einzigartiges Panorama des habsburgischen Kulturkreises und der ihn prägenden jüdischen Bohème Wiens, Prags und Budapests.
Entstehung: Ein Buch der Wehmut nannte Torberg seine Anekdotensammlung, mit der er der Nachkriegsgesellschaft Kunde geben wollte von einer Welt der namhaften und namenlosen Originale und Sonderlinge, für die in der technokratischen Zeit kein Platz mehr war. Mit dem Werk wollte Torberg ihr Andenken bewahren.
Inhalt: In den Anekdoten begegnen dem Leser Literaturgrößen wie Alfred Polgar (1873–1955), Ferenc Molnàr (1878–1952) und Egon Erwin R Kisch ebenso wie heute weitgehend vergessene Schauspieler, Journalisten, Rechtsgelehrte, Rabbiner und auch Oberkellner. Ihnen allen ist eins gemein: die Freude an der wohlgewählten, geschliffenen Formulierung, die immer das Ziel hat, zu einer Pointe zu geraten. So bieten die Geschichten jenseits ihrer eigentlichen Form der Anekdote ein Feuerwerk an Sprachwitz, Bonmots, Sentenzen und Aphorismen.
Neben allem Witz und Humor stellt sich beim Lesen häufig eine wehmütig-melancholische Stimmung ein, resultierend aus einigen eingeflochtenen Anmerkungen, dass die porträtierte Welt durch den Nationalsozialismus gewaltsam zerstört wurde. So sind einige Geschichten bereits im amerikanischen Exil einzelner Personen angesiedelt.
Struktur: Die Anekdoten sind in lockerer Folge Themen zugeordnet, von denen das ergiebigste das des »Kaffeehauses« ist, einer wichtigen Institution des Humanen und des Geistes im alten Österreich. Ein Zusammenhang in der Abfolge der Anekdoten zeigt sich nicht; er ergibt sich aus der zwingenden Notwendigkeit des Apropos an der rechten Stelle und dem bezaubernden Esprit, der das Ganze trägt.

Meine Gedanken zum Buch: 

Dies war mein Einsteigerbuch in die herrliche Welt der Cafehausliteratur, über die ich seit Jahren alles sammle, was mir in die Finger kommt.

Und nun noch meine Lieblingsgeschichte aus diesem Buch, die Geschichte vom Restaurant Neugröschl, viel Spass dabei:

Wo es in Wien die beste Fladentorte gab, wußte man, wenn man wer war, und wer es nicht wußte, war eben nicht wer. Was eine Fladentorte ist, wußte man gleichfalls: Eine aus mehreren Lagen Mohn und verschiedenartig präparierten Obsttorten hergestellte Torte, jeweils mit einer dünnen Teig schicht dazwischen und manchmal noch mit Schokolade versetzt. Je vielfältiger die Lagen oder Fächer, je raffinierter ihre Zusammenstellung, desto höher die Qualität der Fladentorte. Wer aber wußte, wo es eine gute Fladentorte gab, mußte gelegentlich auch Unbill in Kauf nehmen.

Zum Beispiel:

Gast beim Herrn Neugröschl

Die Fladentorte gehörte zu den Spezialitäten, für die das Restaurant Neugröschl im II. Wiener Gemeindebezirk berühmt war. Noch berühmter war es für die Person seines Besitzers, eines Originals von seltener Urwüchsigkeit und ebensolcher Grobheit, die an seiner vierschrötigen Gestalt nachdrücklich Stützung fand.

Es war nicht gut, Herrn Neugröschl zu widersprechen oder sich sonstwie mit ihm anzulegen.

Wenn ein Stammgast gelegentlich fragte (und nur ein Stammgast durfte das überhaupt riskieren): "Herr Neugröschl, was gibt's denn heute besonders Gutes?" und wenn Herr Neugröschl antwortete: "Was auf der Karte steht", dann tat der Stammgast am klügsten, den schroffen Bescheid hinzunehmen und nicht etwa aufzumucken, wie ein Verwegener es einmal tat: "Dazu hätte ich Sie ja nicht fragen müssen", murrte er, und empfing die prompte Replik: "Nicht? Was fragen Sie dann so blöd? Von mir aus müssen Sie erst gar nicht herkommen!" Denn Herr Neugröschl konnte auf Gäste mühelos verzichten. Er hatte ihrer übergenug.

Auch ich durfte einmal einer garantiert echten Neugröschl-Grobheit teilhaftig werden. Ich war gemeinsam mit einem Freund zum Mittagessen gekommen, mit Absicht ein wenig spät: Wir hofften auf raschere Bedienung, wenn der übliche Andrang vorüber wäre. Tatsächlich fanden wir bei unserm Eintritt nur noch zwei oder drei Tische besetzt, und als auch diese sich geleert hatten, waren wir die einzigen, die noch essen wollten.

Aber wir warteten vergebens auf einen Kellner, dem wir das hätten sagen können. Offenbar hatten wir uns übermäßig verspätet, und es war bereits die Essenszeit für das Personal angebrochen.

Ungefähr zehn Minuten mochten vergangen sein, als die zweiflügelige Milchglastür, die zur Küche führte, von innen aufgestoßen wurde. Herr Neugröschl erschien im Lokal, näherte sich unserm Tisch und blieb, wenn auch mit nur undeutlich gemurmeltem Gruß, so doch mit deutlich fragendem Gesichtsausdruck vor uns stehen.

"Herr Neugröschl", sagte ich zaghaft, "wir sitzen jetzt schon seit einer Viertelstunde hier und möchten gerne etwas bestellen. Wäre das möglich?"

Daraufhin wandte Herr Neugröschl sich wortlos um, schritt zur Küchentüre zurück, öffnete sie vermittels eines wuchtigen Tritts gegen den einen Flügel und rief so laut, daß auch wir es hören konnten, in die Küche hinein: "Was Ist denn? Zwei lausige Gast' sind da, und nicht einmal bedient werden siel"

Bei Herrn Neugröschl hatte der Gast immer unrecht.

Die Geschichte, die das auf einmalig überzeugende Art bestätigt, wurde von so vielen Seiten berichtet und herumgeboten, daß sich die Frage nach ihrer historischen Wahrhaftigkeit erübrigt. Sie weist die unverkennbaren Merkmale einer weitaus höher einzuschätzenden inneren Wahrhaftigkeit auf, und es gab eine Zelt, da sie in Wien so populär war, daß ihre Schlußwendung den Rang eines Zitats erreichte.

Heutzutage würde man sicherheitshalber wohl erst erklären müssen, daß "Kaiserschmarm" eine beliebte Wiener Mehlspeise ist (bestehend aus kleingerissenem mit Zibeben angerichtetem Palatschinkenteig) und daß die "Zwetschgenröster" im eigenen Saft gedünstete Pflaumen als des Kaiserschmarrns klassische, aber keineswegs einzig zulässige Beilage gelten.

Die Geschichte beginnt damit, daß eines heißen Sommertages ein Gast des Restaurants Neugröschl zum Abschluß seines Menüs einen Kaiserschmarm bestem.

"Was dazu?" fragt der Kellner, unter der Einwirkung der Hitze die überhaupt eine gewisse Knappheit des Dialogs zur Folge hat noch mürrischer als sonst.

"Ein Kompott."

Was für ein Kompott"" ?

Egal."

Nach einer angemessenen Frist serviert der Kellner den Kaiserschmarm mit einer Portion Zwetschgenröster als Beilage; er will sich entfernen, wird jedoch vom Gast zurückgehalten:

"Herr Ober, ich habe als Beilage ein Kompott bestellt."

Der Kellner, mit entsprechender Handbewegung:

"Da steht's ja."

Was steht da""

Ihr Kompott"

"Das sind Zwetschgenröster. "

"Eben."

"Was heißt eben? Wenn Ich ein Kompott bestelle, will Ich keine Zwetschgenröeter."

"Warum nicht?"

"Weil Zwetschgenröster kein Kompott sind!"

"Zwetschgenröster sind kein Kompott?" fragt mit provokanter Überlegenheit der Kellner.

"Nein!" brüllt der Gast.

"Zwetschgenröster sind ein Kompott." Jetzt hebt auch der Kellner die Stimme.

"Zwetschgenroster sind kein Kompott! Rufen Sie mir den Chef!"

Das erweist sich als überflüssig. Herr Neugröschl, angelockt durch die immer lauter gewordene Auseinandersetzung, die bereits vom ganzen, dicht gefüllten Lokal mit größter Aufmerksamkeit verfolgt wird, ist an den Tisch getreten und fragt nach der Ursache des Lärms. Selbstverständlich fragt er den Kellner und nicht den Gast, dem er mit einer scharfen Handbewegung Schweigen gebietet.

"Der Herr hat Kaiserschmarm mit Kompott bestellt", berichtet der Kellner, "und ich hab' ihm Zwetschgenröster gebracht."

"Na also." Mit gerunzelten Brauen mustert Herr Neugröschl den widerspenstigen Gast. "Was will er dann noch?"

"Er sagt, Zwetschgenröster sind kein Kompott."

"Was sagt er?" Herr Neugröschl tritt dicht an den Beschuldigten heran. "Das haben Sie wirklich gesagt?"

"Natürlich", antwortet der Gast.

"Sagen Sie's noch einmal."

"Zwetschgenröster sind kein Kompott"

Daß er von Herrn Neugröschl niemals recht bekommen wird, muß ihm längst klar gewesen sein. Aber was ihm jetzt passiert, hat er ganz gewiß nicht vorausgesehen: Herr Neugröschl, der Hitze wegen in Hemdsärmeln, krempelt dieselben hoch, packt ihn mit der einen Hand am Genick, mit der andern um die Taille und befördert ihn mit dem Ruf: "Zahlen brauchen Sie nicht, Sie sind mein Gast!" zur Türe hinaus.

Dann, und das ist der eigentliche Kern der Geschichte, pflanzt sich Herr Neugröschl mitten im Lokal auf, seine Blicke schweifen in die jäh verstummte Runde der Gäste, die sich ängstlich über ihre Teller ducken, und seine Stimme klingt unheilkündend, als er Anlauf nimmt:

"Es sind noch ein paar da, die sagen, Zwetschgenröster sind kein Kompott!" Und schüttelt drohend die erhobene Faust: "Aber ich kenn' sie alle!"

Daß Neugröschls Konkurrenten ihm nicht wirklich gefährlich werden konnten, bekundet eine Geschichte, die aus dem geographisch wie ideologisch nahe zu Neugröschl gelegenen Restaurant Tonello berichtet wird. Dort erschien zu früher Mittagsstunde ein Gast und bestellte Scholet, jenes ungemein fetthaltige, schwer verdauliche Meisterwerk jüdischer Kochkunst, das von Heinrich Heine in frevler Schiller-Parodie als "schöner Götterfunken" besungen wurde.

Der Kellner kam aus der Küche zurück und bedauerte: das Scholet sei noch nicht fertig.

"Was?" rief der enttäuschte Gourmet. "Halb eins und noch kein Scholet? Bei Neugröschl wird schon gerülpst!"

Seitenangabe für Zitat1: 
77

"Wäre es nach den Verehrern ihrer Kochkunst gegangen, dann hätte sie sich als Abschiedsmahl ihre eigenen "Krautfleckerln" zubereiten müssen, jene köstliche, aus kleingeschnittenen Teigbändern und kleingehacktem Kraut zurechtgebackene "Mehlspeis", die je nachdem zum Süßlichen oder Pikanten hin nuanciert werden konnte: in der ungarischen Reichshälfte bestreute man sie mit Staubzucker, in der österreichischen mit Pfeffer und Salz. Krautfleckerln waren die berühmteste unter den Meisterkreationen der Tante Jolesch. Wenn es ruchbar wurde, dass die Tante Jolesch für nächsten Sonntag Krautfleckerln plante-und es wurde unweigerlich ruchbar, es sprach sich unter der ganzen Verwandtschaft, wo immer sie hausen mochte, auf geheimnisvollen Wegen herum, nach Brünn und Prag und Wien und Budapest und (vielleicht mittels Buschtrommel) bis in die entlegensten Winkel der Puszta - dann setzte aus allen Himmelsrichtungen ein Strom von Krautfleckerl-Liebhabern ein, die unterwegs nicht Speise noch Trank zu sich nahmen, denn ihren Hunger sparten sie sich für die Krautfleckerln auf und den Durst löschte ihnen das Wasser , da ihnen in Vorahnung des kommenden Genusses im Mund zusammenlief. Und ein Genuß war's jedesmal aufs neue, ein noch nie dagewesener Genuß."

Es geht dann noch weiter, auf dem Sterbebett der Tante wird sie nach dem Rezept der Krautfleckerl gefragt und sie antwortet auf die Frage, weshalb die Fleckerl so gut waren: "Weil ich nie genug gemacht hab..."

Die Beschreibung dieses Buches auf der Rückseite lautet: "Im Grunde ist dieses ganze Buch ein Buch vom Kaffeehaus. Selbst die erhabene Gestalt der Tante Jolesch, die niemals in einem Kaffeehaus gesichtet wurde, hat etwas von ihm abbekommen..."

Seitenangabe für Zitat2: 
24
Verlag: 
Langen/Müller
Auflage: 
8. Auflage
ISBN: 
3-7844-1559-8

Kommentare

Und willkommen hier bei den bookreaders!
Es wird Zeit, dass Du wieder mal Wien besuchst (und mich!), wenn Du unsere Kaffeehausliteratur so gern magst, meinst Du nicht?
Liebe Grüße
Germana

ein wahres Wort Smile Lieber heute als morgen.
Ich muss mal zuhause anklingen lassen, dass ein weiterer Wien-Besuch fällig sei.
Schaun mer mal.
Liebe Grüße
Lothar